S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Langsames Dahinsiechen

Die aktuellen politischen Entwicklungen lassen Schlechtes erahnen: Die EU wird nicht spektakulär zusammenbrechen, sondern an ihren Rändern zerfleddern und im Inneren ausgehöhlt.

Eine Kolumne von


Nach 15 Jahren insgesamt und fünf hier bei SPIEGEL ONLINE ist dies meine letzte wöchentliche Kolumne. Es waren Jahre der Krise, einer ausufernden Wirtschaftskrise, die im Laufe der Zeit immer neue Formen annahm.

Nach dem US-Immobilienmarkt und dem Euroraum hat sie jetzt die Schwellenländer erreicht und wird momentan durch eine Reihe politischer Krisen in Europa überschattet. Wird diese Wirtschaftskrise in den nächsten fünf Jahren vorbei sein? Oder wird sie uns auch noch in 15 Jahren beschäftigen?

Ihre tiefe Ursache liegt mit Sicherheit nicht in dem Fehlverhalten von einzelnen. Das gab es natürlich auch, greift aber als Erklärung zu kurz. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen spricht einiges dafür, dass diese Krise keinen harmlosen Verlauf nehmen wird.

  • Mit der Wiedereinführung von Grenzkontrollen droht das Schengener System des freizügigen Reiseverkehrs zusammenbrechen - und das wäre noch eine der harmloseren Konsequenzen.
  • Ich sehe ebenfalls große Probleme auf Italien zukommen. Das Land hat trotz der in dieser Woche erzielten Einigung über eine Auffanggesellschaft für Altschulden ein bankrottes Bankensystem. Wir sind daher nicht mehr allzu weit von dem Moment entfernt, in dem rationale italienische Politiker einen Austritt aus dem Euroraum in Erwägung ziehen können.
  • Ob die Briten dann noch in der EU sind oder ob Polen und Ungarn sich von ihren vordemokratischen Experimenten verabschiedet haben werden, ist ungewiss.

Ich glaube auch, dass in fünf Jahren die europäische und vor allem die deutsche Autoindustrie kleiner sein werden als heute. Die Branche, die in Deutschland eine derartige Schlüsselrolle spielt, ist auf einem Weg wie einst die Buchbinder, Postkutscher oder Henker. In 15 Jahren wird kaum ein Mensch mehr seine Zukunft in dieser Industrie suchen.

Etwas muss sich ändern

Ob wir diese Veränderungen bewältigen können, hängt von unserer Bereitschaft zu konstruktiver Politik ab. Mit einem Rückzug auf den Nationalstaat lässt sich eine globale Finanzkrise sicher nicht lösen. Die Bewältigung der Eurokrise wird am Ende die Bereitschaft zu einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik erfordern, auch wenn es dafür in Deutschland keine politischen Mehrheiten und verfassungsrechtlichen Möglichkeiten gibt.

Die Alternative dazu wäre eine deutliche Reduzierung der Zahl der Euromitgliedsländer, eine Spaltung in eine innere Kerngruppe um Deutschland herum und eine äußere Hülle. Machen Sie sich dann auf eine Währungsaufwertung gefasst, die alle Anstrengungen zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der vergangenen 20 Jahre ausradiert.

Wenn wir vermeiden wollen, in einer Krise geringer Wachstums- und Inflationsraten zu versickern, ähnlich wie Japan seit den Neunzigerjahren, dann werden wir auch anders über Geld- und Wirtschaftspolitik denken und sprechen müssen. Vor allem aber werden wir uns von dem Konzept ordnungspolitischer Ideologie verabschieden müssen. Denn die Ordnungspolitik ist ja quasi per Definition ein nationalstaatliches Konzept, denn sie basiert auf einer Verquickung ökonomischer, philosophischer und rechtlicher Prinzipien, die nur innerhalb eines einheitlichen Staatswesens existieren.

Das können sie nicht mit Ländern machen, die andere Rechtsformen kennen, und schon gar nicht mit denen, die von philosophischen Pragmatikern geprägt sind und nicht von Immanuel Kant - etwa von denen, die sich am frühmittelalterlichen Philosophen Augustinus von Hippo orientieren. Der bat einst darum, keusch leben zu wollen, aber bitte nicht gleich. Ich würde mal wetten, dass man Augustinus nicht in die Ahnengalerie der ordnungspolitischen Vordenker einreihen würde. Und trotzdem ist auch er Teil einer modernen europäischen Realität, in die wir uns mit der Europäischen Union und dem Euro hineinbegeben haben.

Die EU wird im Inneren ausgehöhlt

Selbst beim besten Willen wäre eine Lösung unserer permanenten Krise schwierig, denn sie zu koordinieren, setzt eine Gemeinsamkeit von Interessen voraus. Wahrscheinlicher ist, dass die verschiedenen Krisen ihren Lauf nehmen und dass wir ihre negativen sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen mit dem Wischmop wirtschaftspolitischer Notmaßnahmen aufsaugen.

Im Verlauf dieser Entwicklungen drohen neben dem Ende von Schengen und der Verkleinerung des Euroraums ebenfalls eine Spreizung der Einkommen, eine Verarmung der Mittelklasse und eine damit einhergehende politische Radikalisierung. Damit ist nicht unbedingt die Demokratie an sich gefährdet, aber sicherlich die über die nationalen Grenzen hinausgehenden Vereinbarungen und Institutionen. Es ist kein gutes Umfeld für europäische Integration und die internationale Kooperation und Koordination. Die EU wird dabei nicht spektakulär zusammenbrechen, sondern an ihren Rändern zerfleddern und im Inneren ausgehöhlt.

Ich habe keine Ahnung, ob es in 15 Jahren noch Zeitungen, Nachrichtenmagazine oder Kolumnisten geben wird. Aber erlauben Sie mir als letzte Prognose, dass die Krise mitsamt ihren sozialen und ökonomischen Auswirkungen auch dann noch nachwirkt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
curiosus_ 29.01.2016
1. Schade, …
---Zitat von Münchau--- Nach fünfzehn Jahren insgesamt und fünf hier bei SPIEGEL ONLINE ist dies meine letzte wöchentliche Kolumne. ---Zitatende--- … Herr Münchau. Ihre Kolumne war immer wieder interessant und bot regelmäßig Punkte zum argumentativen einhaken und widersprechen. Erkennbar an der meist hohen Anzahl an Leser-Kommentaren die oft in die Hunderte gingen. In letzter Zeit haben Sie sich allerdings vom €-Befürworter zum €-Skeptiker gewandelt. Womit es sich mir leider verbietet Kontra zu geben. Und so kann ich Ihnen auch dazu: ---Zitat von Münchau--- Ich habe keine Ahnung, ob es in 15 Jahren noch Zeitungen, Nachrichtenmagazine oder Kolumnisten geben wird. Aber erlauben Sie mir als letzte Prognose, dass die Krise mitsamt ihren sozialen und ökonomischen Auswirkungen auch dann noch nachwirkt. ---Zitatende--- nur zustimmen. Was die letzten Jahre, seit ich hier poste, doch die große Ausnahme war. Im Übrigen bin ich gespannt wer Sie als wöchentlichen Wirtschaftskommentator hier beerben wird.
dirk1962 29.01.2016
2. Der Wille reicht nicht
Ich sehr nicht mehr, dass der Wille für ein gemeinsames Europa noch reicht. In der Finanzkrise um Griechenland letzten Sommer hat man sich wöchentlich getroffen und eine Lösung gefunden. Das Gleiche müsste jetzt passieren um die EU zu kitten. Leider scheint niemand wirklich Interesse daran zu haben. Am wenigsten die Truppe um Merkel. Schade.
kassandra21 29.01.2016
3.
>Ihre tiefe Ursache liegt mit Sicherheit nicht in dem Fehlverhalten von einzelnen. Das gab es natürlich auch, greift aber als Erklärung zu kurz.< Stimmt, Herr Münchau. Meinen Glückwunsch zu dieser Erkenntnis. Wenn Sie jetzt noch in Betracht ziehen, daß unsere ökonomische Theorie größtenteils Müll ist, daß es nicht Geld ist, sondern Energie, was eine Wirtschaft antreibt und dann noch so etwas wie "Grenzen des Wachstums" mit einarbeiten, bin ich auf weitere Kolumnen - wo auch immer - durchaus gespannt.
citizen01 29.01.2016
4. Auch meinen herzlichen Dank, Herr Münchau
für die geistvollen Kommentare hier, und alles Gute für die Zukunft! Ihre Beiträge erschienen mir Immer mit kühlem Kopf verfaßt und frei von moralttriefendem Gefasel!
bonngoldbaer 29.01.2016
5. Leider
Leider werden sie Recht behalten. Vor allem weil die neoliberalen und pseudo-sozialdemokratischen Komplizen der oberen Klasse in Regierungen und Parlamenten zu feige sind, zur Ordnungspolitik zurückzukehren. Immer nach dem Motto: Lieber noch ein paar Prozent der Wähler verlieren als einen Großspender.
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