S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum schon die deutsche Einheit ein Fehler war

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Kohl auf allen Kanälen: 30 Jahre nach seinem Amtsantritt lässt sich der Altkanzler in diesen Tagen als Vater der deutschen Einheit feiern. Doch in Wahrheit legte er mit dem überhasteten Anschluss der DDR an die Bundesrepublik die Saat für die Euro-Krise.

Helmut Kohl: "Hier ist meine Heimat" Fotos
DPA

Da saß er wieder im Saale der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Er, einer der letzten großen Europäer unter den Christdemokraten, umzingelt von einer Armee der Euro-Skeptiker, die ihm bei seinem Besuch im Reichstag am Dienstag höflichen Applaus spendeten. Helmut Kohl fürchtet zu Recht um seinen großen Traum der europäischen Vereinigung.

Der nie um eine Metapher verlegene Kohl sprach früher immer von den zwei Seiten einer Medaille - der deutschen und der europäischen Einheit. Das war sicher eine griffige Formel, an die er wohl auch selbst geglaubt haben mag. Sie hat sich als falsch erwiesen. Die deutsche Vereinigung ist nicht die Kehrseite der europäischen Einheit, sondern ihre Antithese. Die Wiedervereinigung ist nicht nur eine der tiefen Ursachen der Euro-Krise, sie ist auch eine der Ursachen unserer Unfähigkeit, die Krise zu lösen. Genau darin besteht die eigentliche Tragödie des Helmut Kohl: Mit seinem größten politischen Streich (deutsche Einheit) säte er den Kern für die Zerstörung seines größten politischen Traums (europäische Einheit).

Aber wäre die Wiedervereinigung nicht so oder so gekommen, mit oder ohne Kohl? Ich bin mir da nicht sicher. Historisch hätte man eine Konföderation zwischen Bundesrepublik und einer demokratisierten DDR durchaus rechtfertigen können. Das vereinigte Deutschland hatte 1990 noch keine erfolgreiche demokratische Tradition. Wenn eine Konföderation erst einmal etabliert gewesen wäre, glaube ich nicht, dass die Bevölkerung im Osten die Wiedervereinigung einige Jahre später immer noch gefordert hätte. Die ostdeutsche Wirtschaft wäre in einer Konföderation schneller wieder auf die Beine gekommen, und das westdeutsche Modell hätte dann nicht mehr so attraktiv und alternativlos ausgesehen wie 1990.

Das größte Beispiel wirtschaftlichen Missmanagements der Weltgeschichte

Die überhastete Wiedervereinigung kostete am Ende knapp zwei Billionen Euro an Transferleistungen. Sie war das größte Beispiel wirtschaftlichen Missmanagements der Weltgeschichte. Ein Rekord, der erst jetzt dabei ist, vom Euro-Desaster abgelöst zu werden. Man sollte sich nicht wundern, dass die Bundesbürger, die bereits die Transferleistungen für Ostdeutschland über sich ergehen lassen mussten (und müssen), jetzt keine weitere Transferunion in Europa wollen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die alte, nicht vereinigte Bundesrepublik die Euro-Krise besser gemeistert hätte. Wir hätten jetzt die Fiskal- und Bankenunion, und die griechischen Schulden wären abgeschrieben. Für die alte Bundesrepublik war die europäische Integration die Ultima Ratio aller Politik. Man hätte die Krise als eine Chance zur institutionellen Erneuerung der EU begriffen. Heute hingegen ist der Ausgang der Euro-Krise immer noch offen - drei Jahre nach ihrem Ausbruch.

"Entscheidend ist, was hinten rauskommt"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Statt der europäischen Einheit kam die nationale, der Wechsel der Hauptstadt mitsamt einer politischen Kultur, die Moskau näher steht als Brüssel, Paris und London. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit einem führenden CDU-Bundestagsmitglied vor ein paar Jahren, der mir auf eine Frage über die wirtschaftspolitische Koordination im Euro-Raum antworte: Deutschland koordiniere nicht auf Euro-Ebene, sondern nur mit der G 20, der Gruppe der führenden 20 Industriestaaten. Deutschland versteht sich nicht mehr als Teil der EU, sondern als eine eigenständige Mittelmacht, auf Augenhöhe mit den Amerikanern, Russen und Chinesen, ohne dass lästige europäische Kleinstaaten dazwischenfunken.

Wie konnte es zu diesem Kurswechsel kommen? Mit der deutschen Vereinigung ist ein wesentliches Element der europäischen Dynamik kaputt gegangen, die auf einem Gleichgewicht der fünf größten Mitgliedstaaten basierte - Westdeutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. Es ist kein Zufall, dass mit der deutschen Einheit auch das britische Interesse an der EU verschwand. Mit dem stetigen Rückzug der Briten wurde das Macht-Ungleichgewicht noch größer.

Deutschland tut sich mit seiner Führungsrolle schwer

Deutschland macht heute ökonomisch mehr als ein Viertel des gesamten Euroraums aus, tut sich aber mit einer Führungsrolle schwer, die es in Europa nie wollte. Die alte Bundesrepublik, ein gleichberechtigter Partner unter fünf, hätte sich so verhalten wie die Niederlande heute. Kritisch, aber konstruktiv.

Ich muss zugeben, ich selbst gehörte zu denen, die an Kohls doppelte Medaillen-Metapher lange geglaubt haben. Es war Anfang der neunziger Jahre kaum vorstellbar, dass sich Deutschland jemals vom proeuropäischen Konsens trennen würde. Das geschah zum Teil durch ostdeutsche Politiker wie Angela Merkel, die keinen persönliche Bezug zur EU hatten und mit der europäischen Integration fremdelten.

Aber allein mit dem Osteffekt ist die Entfremdung nicht zu erklären. Auch im Westen änderten sich Prioritäten. Einer der Gründe ist wirtschaftlich. Wegen der Lasten der Vereinigung trat Deutschland dem Euro mit einem überhöhten Wechselkurs bei. Das hatte zur Folge, dass sich die Wirtschaftspolitik zehn Jahre lang auf die Erhöhung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Dritten konzentrierte, anstatt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Euro-Raums insgesamt zu stärken. Und das war eine der wesentliche Ursachen für die später auftretende Krise.

Deutsche und europäische Vereinigung sind vor allem deswegen nicht unter einen Hut zu bringen, weil sie beide ökonomisch missraten sind. An beiden trugen Kohl und die CDU Mitschuld. Ich glaube, dass zukünftige Historiker die deutsche Vereinigung und Kohls Verdienste kritischer betrachten, als es momentan der Fall ist.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 471 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die
mabb 26.09.2012
In Wahrheit will in Europa niemand, dass Deutschland irgendwelche "Führungsrollen" übernimmt. Deutschland soll zahlen und ansonsten die Klappe halten. Sobald Deutschland mit irgendwelchen Führungsambitionen aufwartet, kommt sofort Ablehnung und Nazi-Vergleiche.
2. - - - leider - - -
wrzbrm 26.09.2012
auf dem bild scheint der der dicke vor stolz schier zu platzen - isser aber leider nicht . . .
3.
SteadyRollingMan 26.09.2012
Dieser Beitrag hat eine komplett unhistotische Denkweise.
4. Ein skurriler Titel
rolandjulius 26.09.2012
So einen grossen Stuss zu verzapfen fällt nur Menschen ein, denen Deutschland als eine geschäftliche Nebensache gilt.
5. Selten so einen Unsinn gelesen.
Klaus100 26.09.2012
Das Interesse der Briten an Europa ist nicht erst durch die deutsche Wiedervereinigung verschwunden. Er war bereits vorher kaum -und wenn dann allenfalls auf der britischen Einnahmeseite- spürbar. Der Artikel ist der Versuch, aus einem postiven Schritt in der deutschen Geschichte mit aller Gewalt etwas Negatives zu machen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Spur des Geldes
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 471 Kommentare
  • Zur Startseite
Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.