S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Der Anfang vom Ende fürs bedruckte Papier

Erst die "Frankfurter Rundschau", nun die "Financial Times Deutschland": Zwei überregionale Tageszeitungen fallen binnen Kurzem dem Medienwandel zum Opfer. Warum haben es Zeitungen eigentlich nicht geschafft, den Online-Journalismus für sich zu erobern?

Eine Kolumne von


Ich muss hier meine Befangenheit deklarieren. Ich war einer der Mitbegründer der "Financial Times Deutschland" ("FTD") und später einer ihrer Chefredakteure. Die "FTD", deren Ende inzwischen besiegelt zu sein scheint, hat bis zuletzt ihre journalistisch hohen Ansprüche erfüllt. Sie brachte einen neuen Stil in eine allzu angepasste Presselandschaft von Wirtschaftsjournalisten, denen es oft an kritischer Distanz fehlte. Sie pflegte eine Kommentierung, die den ordnungspolitischen Konsens brach. Sie war die erste Zeitung, die mit einer politischen Wahlempfehlung Tabus gebrochen hat. Vor allem aber hatte sie Humor. Die deutsche Medienlandschaft ist ohne die "FTD" deutlich ärmer.

Dass eine Zeitung nach zwölf Jahren Verlust schließt, hat eine gewisse betriebswirtschaftliche Logik. Interessanter ist die Frage, warum gerade einer modernen Wirtschaftszeitung dieses Schicksal widerfahren sollte. Bei der "Frankfurter Rundschau" waren die Gründe offensichtlicher. Das Internet bietet mittlerweile so viel an Gratis-Informationen hoher Qualität, dass nicht spezialisierten Tageszeitungen mittlerer Größe mit geringen redaktionellen Ressourcen der Markt wegbricht.

Aber auch Wirtschaftsmedien unterlagen diesem Trend. Der Grund dafür liegt in dem Dilemma der Mitte. Das Internet favorisiert entweder spezialisierte Informationen, die man zu hohen Preisen verkauft - oder aber ein freies Massenangebot, das sich über Anzeigen finanziert. Die Wirtschaftszeitungen fallen in die Lücke dazwischen. Sie sind nicht spezialisiert genug, aber als Massenprodukt taugen sie auch nicht.

Ein Oligopol ist zerbrochen

Die ökonomische Erklärung der Zeitungskrise liegt in dem Zusammenbruch des doppelten Oligopols im Lesermarkt und im Anzeigenmarkt. Damit ist das Geschäftsmodell der klassischen Zeitung kaputt. Die Zeitungen hätten durchaus die Möglichkeit gehabt, ihr Modell zu erneuern. Die Ressourcen hatten sie schließlich.

Die eigentliche Tragödie liegt in der Unfähigkeit des gesamten Sektors, das Internet für sich zu kolonialisieren. Überall auf der Welt fremdelten Zeitungen mit dem World Wide Web. Viele tun es heute noch. Sie begriffen das Internet nur als eine Art Vertriebskanal. Irgendwie wurde zwar auch die Zeitung ins Internet gestellt. Aber es blieb eine Zeitung, ein Papierprodukt, mit ihrer merkwürdigen Linearität, ihrer Seite eins, ihren unflexiblen Teile für Politik, Wirtschaft, Feuilleton und Sport, die unabhängig von der Nachrichtenlage immer gefüllt werden mussten.

Es ist kein Wunder, dass Außenseiter mit einem unvoreingenommen frischen Blick heute den Journalismus im Internet dominieren - und nicht die Tageszeitungen. In Deutschland ist SPIEGEL ONLINE der Marktführer, in Großbritannien ist es die BBC. Laut eBizMBA Rank waren die fünf erfolgreichsten US-Nachrichtenseiten in diesem Monat: Yahoo, CNN, MSNBC, Google News, und erst dann die New York Times. Die Aggregatoren und News-Seiten von Fernsehsendern liegen fast überall immer vor den Tageszeitungen.

Die erfolgreichsten Internetangebote bieten eine multimediale Integration von Artikeln, Hintergrundinformationen, Video und Audio. Sie sind vernetzt. Im Gegensatz zur Zeitung kommt man nicht erst dann auf die Seite fünf, wenn man die Seite vier gelesen hat. Die erfolgreiche "Zeitung" im Internet ist genau deswegen erfolgreich, weil sie keine Zeitung ist - und sich auch nicht so nennt.

Jede Sparrunde beschleunigt den Abwärtstrend

Wie geht es jetzt weiter? Das Ende zweier überregionaler Zeitungen wird die Konkurrenz kurzfristig stabilisieren, aber sie haben alle dieselben Probleme: vorwiegend alte Leser und Schwierigkeiten, junge Leser zu gewinnen. Der Tod der Tageszeitung ist somit eine Frage der demografischen Entwicklung. Mit jeder weiteren Sparmaßnahme wird dieser Trend beschleunigt. Damit verringern Zeitungen ihre Qualität mit dem Resultat, dass noch mehr Leser abwandern. Es werden am laufenden Band Journalisten entlassen und teure Auslandsbüros geschlossen.

Man macht bei langfristigen Trends oft den Fehler, ihre Geschwindigkeit zu überschätzen, aber die Gesamtkraft des Trends zu unterschätzen. Die meisten Zeitungen haben entgegen aller pessimistischen Voraussagen aus der Frühphase des Internets bislang überlebt. Epochale Änderungen brauchen ihre Zeit. Aber wenn der Einbruch kommt, dann er kommt er oft mit voller Wucht. So wie in diesem grauen Zeitungsherbst. Es ist der Anfang vom Ende für das bedruckte Papier.

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