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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Draghi muss sich nicht für deutsche Sparer interessieren

Eine Kolumne von

Die Euro-Zone schrammt gefährlich nahe an der Deflation entlang - und Deutschland jammert über zu niedrige Zinsen für Sparer. Die EZB sollte darauf nicht eingehen. Sie muss jetzt dringend für stärker steigende Preise sorgen, um ihrem geldpolitischen Auftrag zu entsprechen.

Die Inflation im Euro-Raum sinkt und sinkt. Das stellt die Notenbanker vor ein großes Problem. Wie macht man Geldpolitik, wenn die Zinsen ohnehin schon bei null stehen? Eine Frage, die bereits am Donnerstag wieder akut wird, wenn Mario Draghi die neuesten geldpolitischen Beschlüsse der von ihm geleiteten Europäischen Zentralbank (EZB) verkündet.

Doch statt sich um die gefährlich niedrige Inflationsrate zu sorgen, reden in Deutschland alle von den Interessen der deutschen Sparer. Die extremste Position vertritt Paul Kirchhof, der berühmte "Professor aus Heidelberg", der einen verfassungsmäßigen Anspruch auf positive Sparzinsen erhebt. Das ist ungefähr so, als wollte man ein verfassungsmäßiges Recht auf einen bestimmten Preis für eine Flasche Bier ableiten. Der Zins ist ein Marktpreis. Die Tatsache, dass die Zentralbanken einen bestimmten kurzfristigen Zinssatz festlegen, ändert nichts daran.

Ich habe nicht einmal mehr den Eindruck, dass zumindest die Bundesbank das von der EZB gesetzte Inflationsziel einer jährlichen Inflationsrate von unterhalb, aber nahe bei zwei Prozent noch unterstützt. Dabei waren es gerade Deutschland und vor allem die Bundesbank, die auf diesem Preisstabilitätsziel in den Maastrichter Verträgen bestanden haben.

Genau dieses Ziel verfehlt die jetzige Geldpolitik - und zwar nach unten.

Das offizielle Ziel der EZB erlaubt einen gewissen Interpretationsspielraum. Intern rechnen EZB Ökonomen mit einer Zahl von 1,9 Prozent. Aber auch eine Zahl von 1,8 oder auch 1,7 Prozent würde man wohl als vereinbar mit dem Ziel erachten. Eine Inflation von unter ein Prozent liegt ohne Zweifel unterhalb des Zielbereichs. Und genau da sind wir jetzt angekommen. Im Dezember lag die jährliche Inflation im Euroraum bei 0,8 Prozent. Problematischer noch ist die Kerninflation von 0,7 Prozent. Ökonomen schauen auf diese Ziffer, weil sie am wenigsten fluktuiert. Denn sie enthält nicht die stark schwankenden Preise für Lebensmittel und Energie. Die Erfahrung zeigt, dass die offizielle Inflationsrate der Kerninflationsrate folgt. Und bei der Kerninflationsrate gibt es einen eindeutigen Trend nach unten.

Für deutsche Ökonomen kann Inflation nie gering genug sein

Man kann von einer Zentralbank nicht erwarten, dass sie ihr Ziel jeden Monat erreicht. Die Inflationsraten können kurzfristig von ihren Zielwerten abweichen. Daher definiert die EZB ihr Ziel auf mittelfristige Sicht - ungefähr zwei Jahre. Das Problem ist nur, dass die EZB laut ihrer eigenen Prognosen auch auf mittlere Sicht eine Abweichung von ihrem Ziel nach unten erwartet. In diesem Fall würde man erwarten, dass die Notenbank handelt. Oder anderes herum gesagt: Wenn die Inflation nicht um 1,2 Punkte nach unten abweichen würde, sondern nach oben, wenn sie also 3,2 Prozent betrüge anstatt 0,8 Prozent, würden wir dann immer noch stillhalten? Würde man sich in Deutschland dann nicht plötzlich daran erinnern, dass man doch die Preisstabilität hochhalten möchte?

Für deutsche Ökonomen kann Inflation nie gering genug sein. Nur eine hohe Inflation ist ein Problem. Man interpretiert das Ziel asymmetrisch. Abweichungen nach unten sind in Ordnung, nach oben aber nicht. Doch die EZB hat die Zahl von zwei Prozent wohlüberlegt gewählt. Der wichtigste Grund ist der Spielraum, den sie erlaubt, wenn man das Ziel so wie derzeit nach unten verfehlt. Man will einen Sicherheitsabstand zur Deflation wahren, zu sinkenden Preisen mit ihren extrem schädlichen Folgen für die Wirtschaft.

Das ist der Hintergrund zu der geldpolitischen Diskussion, die der Zentralbankrat der EZB in diesen Tagen führt. Das Ziel der EZB lautet eben nicht, durch möglichst hohe Zinsen die Interessen der deutschen Sparer zu schützen. Wenn sie das täte, könnte sie morgen mit ebenso großer Berechtigung mit massiven Anleihenkäufen den italienischen Staat retten oder Ähnliches. Dann hielte die ganz große Beliebigkeit Einzug.

Um die zu vermeiden, sollte das übergeordnete deutsche Interesse darin bestehen, auf dem stetigen Ziel der Preisstabilität zu bestehen - und Ausreißer nach unten genauso ernst zu nehmen wie nach oben.

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insgesamt 358 Beiträge
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1.
alexbln 08.01.2014
herr münchau weiß genau , dass die deutsche volkswirtschaft ganz andere geldpoltik benötigt als club med staaten. das geht aber nicht in einem einheitswährungsraum und ist kern des problem. der euro hat max noch 10jahre. dann ist die umverteilung von den nordstaatn in den süden geschafft und er kolabiert , weil im norden nichts mehr zu holen ist. poltisch ist der euro aber in spätestens 5 jahren schon tot.
2.
an-i 08.01.2014
...hat die Rettung der Banken auch was mit dem Markt zu tun? Bei steigender Inflation empfehle ich Herrn Münchau das Recht auf eine letzte Tablette für die unteren Einkommen einzuführen. ein Rentner 72
3. Häh? Münchau muss man nicht verstehen ...
dreizack-benztown 08.01.2014
Was will uns Münchau heute wieder sagen??? Er ist der letzte Mohikaner, glaubt wirklich noch daran, dass die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und vermutlich auch alle anderen Megaherausforderungen auf diesem unserem Globus durch Geldvermehrung gelöst werden können ... man, was ist der Junge "old school". Man sollte doch von einer Person in seinem Alter erwarten, dass er zumindest etwas an Erfahrung gesammelt hätte. Die wirklichen Probleme sind nicht annähernd gelöst worden in den letzten 3-5 Jahren, im Gegenteil, die Politik der aggressiven Geldmengenvermehrung macht das Problem nur noch größer, ok, die Lösung wird auch gleichzeitig in die Zukunft verschoben, zumindest vordergründig. Dafür sind die Risiken für die Menschen in den letzten Jahren massiv gestiegen, der überfällige Knall dürfte nur noch massiv größer werden. Die immer größer werdende Zeche zahlt die junge, die nächste Generation ... aber das ist Leuten die Münchau sch... egal, frei nach dem Motto: nach mir die Sintflut. Wir bräuchten stattdessen endlich Entscheider, die wirklich Verantwortung übernehmen, hier und heute.
4. Nix kapiert
insideman 08.01.2014
Wolle Münchau hat es mal wieder nicht verstanden. Das Mandat der EZB ist ganz klar definiert, und es heißt Geldwertstabilität. Nichts anderes. Keine Inflation, keine Deflation, Stabilität! Eine Targetrate von 2% wurde von der FED kommuniziert aber nicht von der EZB. Die monatlichen CPI Daten sind doch völlige Augenwischerei bei denen man die Energiekosten einfach ausklammert, dann seasonal adjusted und so auf den absurden Gedanken kommt Europa steht kurz vor der Deflation. Mal abgesehen davon, dass Deflation genau das ist was die Peripherie benötigt um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen (Export) hatten wir seit 2009 nicht einen einzigen negativen CPI Print. Soviel dazu. Bester Satz allerdings ist natürlich: "Der Zins ist ein Marktpreis. Die Tatsache, dass die Zentralbanken einen bestimmten kurzfristigen Zinssatz festlegen, ändert nichts daran." Doch lieber Herr Münchau, genau das tut es. Denn in dem Moment in dem eine Zentralbank einen Leitzins festlegt ist es eben nicht mehr der Markt der diesen über Angebot und Nachfrage regelt. Manchmal kann einem wirklich Angst und Bange werden bei dieser Inkompetenz.
5.
muellerthomas 08.01.2014
Zitat von alexblnherr münchau weiß genau , dass die deutsche volkswirtschaft ganz andere geldpoltik benötigt als club med staaten. das geht aber nicht in einem einheitswährungsraum und ist kern des problem. der euro hat max noch 10jahre. dann ist die umverteilung von den nordstaatn in den süden geschafft und er kolabiert , weil im norden nichts mehr zu holen ist. poltisch ist der euro aber in spätestens 5 jahren schon tot.
Wie hoch sollte denn Ihrer Meinung nach der Leitzins in Deutschland bei 1,3% Inflation sein? Na immerhin mal eine Zeitangabe. Andere spekulieren hier seit Jahren auf Hyperinflation, Eurozusammenbruch, Goldpreisexplosion etc. und nichts davon tritt ein.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.


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