S.P.O.N - Die Spur des Geldes So funktioniert die Bilanz der Europäischen Zentralbank

Jetzt wird's ernst: Die EZB will vermutlich Anfang 2015 über den möglichen Ankauf von Staatsanleihen entscheiden. Um diesen Schritt richtig einzuschätzen, muss man die Bilanz einer Zentralbank verstehen. Eine Erklärungshilfe.

Eine Kolumne von


Am 22. Januar wird die Europäische Zentralbank vermutlich eine wichtige Entscheidung treffen - die "Quantitative Lockerung", also den Aufkauf von Staatsanleihen in großem Stil. In Deutschland wird diese Frage hauptsächlich unter juristischen Gesichtspunkten diskutiert. Über die wirtschaftlichen Aspekte hingegen herrscht große Verwirrung.

Ich möchte Ihnen daher in meinen nächsten Kolumnen die Quantitative Lockerung näher erklären. Mir geht es hier nicht um eine Bewertung. Sie können anhand der Informationen das Programm auch ablehnen. Mir geht es nur um eine Darstellung dessen, was hier abgeht.

Bis vor Kurzem brauchte man als Laie nicht wirklich zu verstehen, wie eine Zentralbank von innen funktioniert. Es reichte zu wissen, dass die Zentralbank einen wichtigen Zins festlegt. Der wiederum beeinflusst auf vielen geheimnisvollen Wegen und Kanälen Nachfrage und Angebot in der Gesamtwirtschaft.

Nullzins alleine reicht nicht mehr

Mit der Krise änderte sich das. Zentralbanken stießen überall in der Welt an die Zinsuntergrenze von Null und mussten über Alternativen nachdenken. Die wichtigste war die Quantitative Lockerung. Die wiederum ist mit dem rudimentären Wissen über die Zentralbank nicht zu verstehen. Die klassische Zinspolitik verläuft über den Zins, die Quantitative Lockerung über die Bilanz. Das Wort Bilanz kommt aus dem lateinischen "bilanx" und bedeutet Waage. Eine Bilanz ist immer im Gleichgewicht. Die Summe der linken Spalten ist dieselbe wie die der rechten. Das gilt für die Jahresbilanz von Firmen ebenso wie für die Wochenbilanz der Europäischen Zentralbank.

Stellen Sie sich die linke Seite einer Bilanz vor als alles, was sie haben, einschließlich der Forderungen gegenüber Dritten. Wenn Sie also eine Bundesanleihe besitzen, dann haben Sie eine Forderung an den Staat. In Ihrer privaten Bilanz steht dieser Wert links. Ihr Bargeld und der Wert Ihres Hauses stehen ebenfalls links.

Die rechte Seite sind Forderungen, die andere Ihnen gegenüber haben, etwa ein Kredit, den sie aufgenommen haben. Bei einer Firma steht dort auch das eingezahlte Kapital, denn das ist eine Forderung der Kapitaleigner gegenüber der Firma. Bei einer Zentralbank ist das im Grunde genauso. Da sie Quelle allen Geldes ist, gibt es ein paar Besonderheiten. Die linke Seite ist relativ einfach zu verstehen. Die drei wichtigsten Positionen sind die Anleihen, die die Zentralbank gekauft hat, die hinterlegten Sicherheiten für Kredite und die ausländischen Währungs- sowie Goldreserven.

Geld ist eine Forderung an die Zentralbank

Und was steht rechts? Da steht ganz oben das Geld. Zunächst ist das befremdlich. Ist Geld eine Forderung von Dritten an die Zentralbank? Das ist es in der Tat, und dieser Sachverhalt wird am deutlichsten in England. Da steht nämlich unter dem Bild der englischen Königin auf einer Zehn-Pfund-Note der englischsprachige Vermerk: "Ich verspreche dem Besitzer dieser Note bei Bedarf die Summe von 10 Pfund zu bezahlen." Die Pfundnote selbst ist also nicht das Geld, sondern nur ein abstraktes Versprechen. Die Banknote ist ökonomisch nichts anderes als eine Staatsanleihe, die ja auch nur ein Versprechen ist, dem Besitzer in der Zukunft Geld zu bezahlen. Und daher steht das Geld rechts auf der Zentralbank-Bilanz - es ist eine Forderung der Besitzer an die Zentralbank.

Was steht da sonst noch? Alle Banken unterhalten ein Konto bei der Zentralbank, auf dem sie immer eine bestimmte Mindestsumme halten müssen. Diese Reserven bilden ebenfalls eine Forderung an die EZB. Ebenfalls rechts in der Bilanz gibt es noch möglicherweise von der Zentralbank selbst herausgegebene Anleihen und im Falle der EZB auch noch das eingezahlte Kapital ihrer Eigner, der nationalen Zentralbanken. Wir haben also folgende stark vereinfachte, aber völlig ausreichende Darstellung der Bilanz einer Zentralbank:

Forderungen der EZB an Dritte Forderungen von Dritten an die EZB
Besitz von Anleihen Bargeld
Sicherheiten Mindestguthaben von Banken auf ihrem EZB-Konto
Währungsreserven eingezahltes Kapital der Eigentümer
Mit dieser einfachen Bilanz können wird das erste wichtige Ergebnis festhalten: Die Geldbasis, das sind die ersten zwei Posten auf der rechten Seite - Bargeld und Mindestguthaben. Da das eingezahlte Kapital recht gering ist, ebenso wie die vielen anderen Posten, die wir hier nicht erwähnen, kann man ganz grob auch die gesamte Summe der Bilanz mit der Geldbasis gleichsetzen. Manche sprechen auch von Basisgeld oder Zentralbankgeld. Diese Ausdrücke bedeuten alle dasselbe. Es ist aber nicht dasselbe wie die Geldmenge. Dieser Unterschied ist wichtig und wird Thema der nächsten Kolumne.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
chrutchfield 05.01.2015
1. Der gute Münchau...
...mag ja recht haben. Aber warum sind die ganzen Geld./Währungsprobleme erst nach der Einführung des EURO entstanden? Für mich ist das der Beweis dafür, dass die Einführung des EURO vor einer Angleichung der Vokswirtschaftei verfrüht war. Bitte mal lesen: Horst Köhler "Offen will ich sein" ISBN --455-09477-5 ab Seite 205. Wenn die damals Verantwortlichen das ernst genommen hätten, hätte es mit Sicherheit keine Eurokrise gegeben.
Leser161 05.01.2015
2. Ok
Bin schon gespannt auf nächste Woche.
pom_muc 05.01.2015
3. Irrsinn
Der Irrsinn bei Münchau beginnt damit dass er glaubt Beamte könnten in einer offenen Gesellschaft mittels Planwirtschaft erfolgreich langfristig den Zins festlegen. Kuba hat den Nullzins für Spareinlagen seit Jahrzehnten aber Münchau akzeptiert die Konsequenzen von Nullzins nicht. Tatsächlich bestimme ich ob ich bei unter 2 Prozent für einen Baukredit ein Bankdarlehen aufnehmen will oder nicht. Gebaut wurde auch in den 70ern mit realen 5%-Zinsen wenn die Investition als sinnvoll betrachtet wurde. Aber mit immer mehr verzerrender Planwirtschaft wird es immer schwieriger Vermögensentscheidungen zu treffen. Die Konsequenz ist Investitionsentscheidungen wo immer möglich aufzuschieben und das Währungsvermögen durch den Tausch in Sachanlagen oder solange noch erlaubt in Fremdwährungen zu reduzieren.
curiosus_ 05.01.2015
4. Ok
---Zitat von Münchau--- Eine Bilanz ist immer im Gleichgewicht. Die Summe der linken Spalten ist dieselbe wie die der rechten. ... Stellen Sie sich die linke Seite einer Bilanz vor als alles, was sie haben, einschließlich der Forderungen gegenüber Dritten. Wenn Sie also eine Bundesanleihe besitzen, dann haben Sie eine Forderung an den Staat. In Ihrer privaten Bilanz steht dieser Wert links. Ihr Bargeld und der Wert Ihres Hauses stehen ebenfalls links. Die rechte Seite sind Forderungen, die andere Ihnen gegenüber haben ---Zitatende--- Mal angenommen, ich habe ein Haus (selbstgenutzt) und Grundstücke, schuldenfrei. Sonst nichts, kein Bargeld, keine Anleihen, keine Aktien. Dann steht links irgend ein positiver (Buch-) Wert. Ich habe keine Schulden oder ähnliches, es gibt also keine Forderungen, die andere mir gegenüber haben. Rechts steht also Null. Wie kommt die Bilanz nun ins Gleichgewicht?
kdshp 05.01.2015
5.
Also haben wir schulden bei uns selber!
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