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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Griechenland braucht den Euro - wir brauchen Griechenland

Eine Kolumne von

Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Stunde der Entscheidung Zur Großansicht
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Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Stunde der Entscheidung

Das Euro-Aus in Griechenland? Beherrschbar! Diese fatale Fehleinschätzung macht sich in Europa breit. Doch tatsächlich wären die Folgen eines Grexits langfristig verheerend - weniger für Griechenland als für den Rest der Eurozone.

Heute wird entschieden. Es ist möglicherweise ein wichtiger Moment in der modernen europäischen Geschichte, der uns bevorsteht. Die letzten Meldungen stimmen eher positiv. Selbst eine Einigung beim EU-Gipfel am Montagabend in Brüssel bedeutet aber nicht unbedingt, dass das Problem vom Tisch ist. Das Kleingedruckte wird wichtiger sein als die Überschriften.

Ich möchte durchdeklinieren, worum es heute geht und was alles passieren kann, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet. Und zwar nicht aus griechischer Perspektive, sondern aus deutscher.

  • Mit dem Grexit endet die Illusion, dass Griechenland seine Schulden bedient. Deutschland und Frankreich werden zusammen knapp 160 Milliarden Euro abschreiben müssen. Selbst wenn Gerichte festlegen, dass Athen seine Schulden weiterhin in Euro bedienen muss, ändert das nicht viel. Das Geld ist einfach nicht mehr da.

  • Dazu kommen die Kosten an den Finanzmärkten. Die Welt ist nach dem Zusammensturz der Investmentbank Lehman Brothers im Jahre 2008 sicherer geworden. Aber keiner weiß, ob die Märkte einer Griechenlandpleite standhalten könnten. Es gibt da zu viele Querverbindungen, die wir von außen nicht einschätzen können.

  • Ebenfalls schwer einschätzbar, aber vermutlich massiv, werden die Verluste an Börsen und Anleihemärkten ausfallen. Das sind zwar keine Kosten für den sogenannten Steuerzahler. Aber es sind Kosten für Menschen, die Steuern zahlen.

  • Und dann gibt es noch eine Kategorie von Kosten, die man nicht einmal ansatzweise beziffern kann. Wenn Investoren und Privatanleger zu dem Schluss kommen sollten, dass sich mit dem Austritt Griechenlands die Währungsunion in ihrem Wesen verändert hat, dann wird es richtig teuer.

Eine Währungsunion ist lebenslänglich ohne Bewährung

Das Wesen einer Währungsunion ist nicht die einheitliche Währung sondern ihre Unumkehrbarkeit. Man kann ihr beitreten, wenn man bestimmte Kriterien erfüllt. Man kommt aber nie wieder raus. Eine Währungsunion ist lebenslänglich ohne Bewährung.

Mit dem Grexit ändert sich das. Wir werden uns dann fragen, was Italien machen wird, wenn die Reformpolitik der Regierung von Matteo Renzi ins Stocken gerät. Was passiert, wenn auch dort das Wachstum nicht anspringt und die Arbeitslosigkeit nicht sinkt? Von den drei großen italienischen Oppositionsparteien sind zwei gegen den Euro. Die dritte, die Partei von Silvio Berlusconi, hat ebenfalls euroskeptische Tendenzen entwickelt. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Grexit funktioniert für Griechenland aus wirtschaftlicher Sicht, eventuell mit anfänglichen Schwierigkeiten. Nach einem oder zwei Jahren wäre der Schock verdaut, und dann geht es wieder nach oben. Wie wird man das in Italien sehen? Wird das die Euroskeptiker dort nicht in ihrem Urteil bestätigen, dass auch Italien gut beraten wäre, den Euro zu verlassen und von einer massiven Abwertung zu profitieren?

Und dann gibt es noch politische Kosten, die man schwer beziffern kann. Griechenland ist und bleibt volles Mitglied der Europäischen Union und der Nato. Die Drohungen, dass ein Euroaustritt zwangsläufig auch einen EU-Austritt nach sich zieht, sind gefährlicher Quatsch. Es gibt keinen Mechanismus, mit dem die EU ein demokratisches Land zum Austritt zwingen kann. Selbst die Mitgliedschaft von Ungarn wird nicht infrage gestellt, obwohl es dort an Anlässen nicht fehlt. Griechenland bleibt also EU-Mitglied, hätte weiterhin Anspruch auf Zahlungen aus dem EU-Haushalt, und sein Ministerpräsident hätte weiterhin ein Vetorecht im Europäischen Rat.

Und man würde ebenfalls erwarten, dass sowohl Griechenland als auch Zypern ihre militärische Zusammenarbeit mit den Russen vertiefen. Dann wäre es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis wir russische Militärstützpunkte im Mittelmeer erleben werden.

Für Griechenland wäre ein Grexit ein kurzfristig starker Schock, von dem es sich langfristig wirtschaftlich erholen wird. Für uns wäre er genau das Gegenteil. Kurzfristig sind die Kosten überschaubar. Langfristig würde es den Niedergang der EU beschleunigen.

Den Grexit zu verhindern, sollte die vorrangige Aufgabe der deutschen und europäischen Politik sein. Aus Eigeninteresse.

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insgesamt 609 Beiträge
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1. Kein Grexit - kein Lernprozess
vgruda 22.06.2015
Die Vermeidungshaltung schützt uns vor einem Aufarbeiten der Probleme, die mit Griechenland aufgetaucht sind. Griechenland müsste theoretisch in den Euro ein und aussteigen können, ohne dass es Gefahren für die Stabilität der Währung Euro gibt. Aufgrund der Erwartungshaltung der Märkte ist dies jedoch anders. Es fehlen alle Handlungen eines vernünftigen Menschen, der sich gegen Risiken absichert. Ein normaler Mensch sichert sich ab gegen: a. Gesundheitsrisiken b. Finanzrisiken (Rücklagen) c. Arbeitsunfähigkeit (Rente, usw.) Bei diesen Systemen gibt es wohl keine Absicherungen, jedoch wäre ein Lernprozess, was alles nicht funktioniert und was alles fehlt wichtig, um das System stabiler zu machen. Wer kennt sich denn noch aus, was mit den Geldern passiert. Viele nennen es ein Faß ohne Boden, ich würde sagen, wir haben nichts verstanden und keine Ahnung.
2. und genau das glaube ich immer weniger....
Top Level 22.06.2015
Sie schreiben ja selber die Illusion, dass Griechenland seine Schulden bedient. Richtig es ist eine Illusion und höchste Zeit sich davon zu verabschieden. Klar das der Geldadel Börsen und Zocker was dagegen haben wenn das Spiel " Bürger zahlen für alle Risiken, Banken und Staaten auf die ich so schön risikofreudig gewettet habe " zu ende ist. Das wäre neben dem Ende der Alementierung von Griechenland der nächste positive Effekt.....
3.
ja.nee.is.klar 22.06.2015
Was hier gerade passiert schürrt nur HASS! Die rechten Parteien in Europa werden immer stärker werden und in 50 Jahren gibt es dann wieder kollektives jammern: ".. wie konnte es nur soweit kommen, warum hat da keiner eingegriffen..." Krieg in Europa.. nur och eine Frage der Zeit.. Die Idee ist gescheitert!
4. Ja, genau Herr Münchau!!!
epigone 22.06.2015
Wir brauchen GR genauso, wie Moldau, Serbien oder die Ukraine - nämlich gar nicht!!! Was richtig ist: Wir Nordeuropäer erkennen unsere Verantwortung vor der Geschichte und sind auch bereit, dafür erhebliche Lasten zu tragen. WIR wollen Europa und WIR wünschen uns eine weitergehende Integration. Erzwingen kann man das aber nicht gegen anders geartete sozio-kulturelle Traditionen südosteuropäischer Völker. Die müssen sich schon selbst entscheiden - und wenn die Antwort Nein lautet, wird sich Kerneuropa dennoch weiterentwickeln. Vielleicht ist es sogar allerhöchste Zeit, sich wieder dem Gedanken eines Kerneuropas (die, die bereit sind Verantwortung zu tragen) zu nähern. Dem Kindergarten Griechenland ist wenigstens dieses Verdienst zuzurechnen: diese Erkenntnis wieder reifen zu lassen.
5.
vulcain 22.06.2015
"Griechenland braucht den Euro - wir brauchen Griechenland"? Nein. Richtig muss es heißen: Griechenland will Euros - wir brauchen Griechenland nicht. Warum solch eine Überschrift, wenn der Autor im Artikel direkt darunter umgehend zugibt, dass die Bedienung der Schulden durch die Griechen nur eine Illusion ist und er damit zugibt, dass jeder weitere gezahlte Euro für den Steuerzahler ebenfalls verloren ist? Zudem haben sich die deutschen Steuerzahler wohl damit abgefunden, dass das Geld weg ist - unter der Voraussetzung, dass nicht noch mehr Geld hinterhergeworfen wird. Die in der Folge genannten Finanzmärkte mit ihren Kriegsgewinnlern können uns allen gestohlen bleiben. Ich für meinen Teil bin Steuerzahler und werde meine Konten leerräumen und das Zahlen einstellen, sobald feststeht, dass da weiter Geld an Menschen fließen soll, die nicht mal bereit sind, selbst Steuern zu zahlen. Sollen unsere Politici doch sehen, wo sie es herholen.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.


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