S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Deutschland rechnet sich Exportboom schön

Die Deutschen sehen den Exportboom vor allem als Ausweis ihrer überlegenen Wettbewerbsfähigkeit. Doch er ist vor allem ein Zeichen der hiesigen Investitionsschwäche: Wer mehr Waren aus- als einführt, der exportiert stets auch seine eigenen Ersparnisse.

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Hafen in Emden: Deutschland exportiert Autos - und Ersparnisse
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Hafen in Emden: Deutschland exportiert Autos - und Ersparnisse


Der Papierausstoß des amerikanischen Finanzministeriums zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss hat immense Ausmaße angenommen. Obwohl es eigentlich nichts zu berichten gibt, was nicht schon längst bekannt ist. Wenn ein großes Land wie die Bundesrepublik einen Überschuss von über sechs Prozent der Wirtschaftsleistung erzielt - jahrein, jahraus, in einer Zeit der Stagnation - dann sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft unerfreulich.

Paul Krugman von der "New York Times" ist dermaßen aufgebracht über den deutschen Exportboom, dass er zu diesem Thema gleich sechsmal hintereinander einen Blogeintrag verfasste - eine Ehre, die er ansonsten nur rechtsextremen Republikanern erweist. Der intelligenteste Kommentar zum Thema kam meiner Meinung nach vom britischen Wirtschaftswissenschaftler Simon Wren-Lewis von der Universität Oxford. Er schrieb, dass Problem seien nicht die Überschüsse an sich, sondern die dogmatische wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland. In Deutschland glaubt man, dass alle Länder dem deutschen Modell folgen und Überschüsse erzielen sollten - was mathematisch unmöglich ist. Denn des einen Überschüsse müssen zwangsläufig des anderen Defizite sein.

Auch ich finde es immer wieder erstaunlich, dass man in Deutschland selbst die einfachste volkswirtschaftliche Arithmetik nicht in den Griff bekommt. Laut dem Prinzip der doppelten Buchführung gibt es für jede Gruppe von Transaktionen zwei Einträge - einen für die physischen Warenströme und einen für die Finanzströme. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet einerseits einen Überschuss von Exporten zu Importen (Warenstrom). Es fallen auch noch ein paar mehr Kategorien rein, die aber in dieser Diskussion keine Rolle spielen. Anderseits bedeutet ein Leistungsbilanzüberschuss aber auch einen Überschuss von Ersparnissen zu Investitionen (Finanzstrom) - und zwar in dem exakt gleichen Maß.

Wollen die, dass wir schlechter spielen?

In der deutschen Diskussion wird immer nur der erste dieser beiden Einträge betont, die Warenströme. Sofort kommen Politiker und Journalisten zu dem Schluss, dass die hohen Überschüsse eine Konsequenz verbesserter Wettbewerbsfähigkeit sei.

Ein Leistungsbilanzüberschuss kann, muss aber nicht verbesserte Wettbewerbsfähigkeit ausdrücken. Um das zu verstehen, sollte man sein Augenmerk auf den zweiten Eintrag verschieben. Deutschland hat im Euro-Raum einen chronischen Sparüberschuss. Wir sparen mehr, als wir investieren. Mathematisch müssen sich Ersparnisse und Investitionen in der Weltwirtschaft auf null addieren. Das ließe sich nur durch eine Maßnahme vermeiden: Wir müssten anfangen, mit einem dieser 20 Milliarden Planeten Handel zu treiben, die laut den neuesten Erkenntnissen erdähnliche Bedingungen haben. Noch ist die Erde eine geschlossene Volkswirtschaft. Und in der gilt die Identität: Ersparnisse gleich Investitionen.

Sparüberschüsse in einer Ecke sind Defizite anderswo

Sparüberschüsse in einer Ecke der Weltwirtschaft sind Defizite anderswo. Nun haben Deutschland und die Niederlande Überschüsse von über sechs Prozent. Der Euro-Raum insgesamt steuert auf einen Überschuss von drei Prozent zu. Wir reden hier immerhin vom zweitgrößten Wirtschaftsraum der Welt. Der Rest der Welt hat dann logischerweise ein Defizit - also einen externen Finanzierungsbedarf - der exakt gleichen Größe.

Da die USA Überschüsse in der Weltwirtschaft nicht mehr so stark wie früher durch eigene Neuverschuldung kompensieren, verlagern sich die kumulierten Defizite auf die Schwellenländer. Die müssen also Geld von uns importieren - jene deutschen Ersparnisse, die nicht in Deutschland investiert werden. Da sich aber die Kapitalmärkte noch immer nicht vom Schock der Finanzkrise erholt haben, sind die Kosten dieser Gelder höher als in normalen Zeiten. Die Konsequenzen sind ein geringeres Wachstum für die Weltwirtschaft insgesamt und ein Trend zur Deflation im Euro-Raum.

Die einzige realistische Möglichkeit, wie die Weltwirtschaft wieder ins Lot kommen kann, ist eine deutliche Aufwertung des Euro. Sie macht für den Rest der Welt Importe aus dem Euro-Raum teurer und könnte so den europäischen Leistungsbilanzüberschuss lindern. Diese Aufwertung würde aber die Spannungen im Euro-Raum und den Deflationsdruck noch weiter verstärken und die interne Anpassung erschweren. In Spanien müssten dann die Löhne nicht nur um 20 Prozent fallen, um global wieder wettbewerbsfähig zu werden, sondern gleich um 30 oder 40 Prozent.

Weitere Zinssenkungen sind angesichts des deflationären Drucks angemessen. Aber den Kern des Problems bekommt man damit nicht in den Griff. Solange Deutschland und viele andere Staaten exzessiv sparen, solange ist der Rest der Welt auf externe Kapitalzuflüsse angewiesen. Mit Wettbewerbsfähigkeit hat das nichts zu tun.

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insgesamt 256 Beiträge
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Seite 1
Progressor 06.11.2013
1. Hallo?
Die konsolidierte Leistungsbilanz der Volkswirtschaften des europischen Gemeinschaftswährungsraums ist so gut wie ausgeglichen. Es besteht ein Exportüberschussvon vernachlässigbaren 0,6 %. Und deswegen sind die Auswirkungen der Eurolandexportüberschussländer auf die Weltwirtschaft auch nicht unerfreulich. Der Punkt ist, dass wir mit unseren Exportüberschüssen gewisse Euroländer so benachteiligen, dass dort die Banken drohen umzukippen und _das_ würde globale Auswirkungen haben.
mailschlucker 06.11.2013
2. Zur mathematischen Unmöglichkeit, dass nicht alle Überschüsse erzielen können ...
... ("In Deutschland glaubt man, dass alle Länder dem deutschen Modell folgen und Überschüsse erzielen sollten - was mathematisch unmöglich ist ") sei gesagt: Das ist wohl mehr als plump dargestellt. Meines Erachtens kann nur gemeint sein, dass andere Länder durch eine Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit uns einen Teil unserer Überschüsse wegnehmen werden, wodurch sich das Problem der deutschen Exportüberschüsse teilweise von selbst bereinigen würde. Das heißt aber nicht implizit, dass diese anderen Länder auch Überschüsse erzielen müssen; es kann dabei auch um eine Verringerung ihrer bestehenden Außenhandelsdefizite gehen.
Europa! 06.11.2013
3. Dumme Frage
Zitat von sysopGetty ImagesDie Deutschen sehen den Exportboom vor allem als Ausweis ihrer überlegenen Wettbewerbsfähigkeit. Doch er ist vor allem ein Zeichen der hiesigen Investitionsschwäche: Wer mehr Waren aus- als einführt, der exportiert stets auch seine eigenen Ersparnisse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-ueber-die-kritik-an-der-deutschen-exportstaerke-a-932103.html
Bedeuten die dauernden "Exportüberschüsse" nicht eigentlich, dass wir ständig nach draußen liefern, ohne genügend dafür zu bekommen? Wem nutzen die "Devisenreserven" der Bundesbank, wenn die fremden Währungen immer weniger wert sind?
muellerthomas 06.11.2013
4.
Zitat von ProgressorDie konsolidierte Leistungsbilanz der Volkswirtschaften des europischen Gemeinschaftswährungsraums ist so gut wie ausgeglichen. Es besteht ein Exportüberschussvon vernachlässigbaren 0,6 %. Und deswegen sind die Auswirkungen der Eurolandexportüberschussländer auf die Weltwirtschaft auch nicht unerfreulich. Der Punkt ist, dass wir mit unseren Exportüberschüssen gewisse Euroländer so benachteiligen, dass dort die Banken drohen umzukippen und _das_ würde globale Auswirkungen haben.
Nein, in Q2 2013 waren es 2,2%, in Q1 1,1%, in Q4 2012 2,6%....
agua 06.11.2013
5.
Zitat von sysopGetty ImagesDie Deutschen sehen den Exportboom vor allem als Ausweis ihrer überlegenen Wettbewerbsfähigkeit. Doch er ist vor allem ein Zeichen der hiesigen Investitionsschwäche: Wer mehr Waren aus- als einführt, der exportiert stets auch seine eigenen Ersparnisse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-ueber-die-kritik-an-der-deutschen-exportstaerke-a-932103.html
In der port. Tageszeitung "I"ist heute zu lesen,dass Portugal sich ein Beispiel an Deutschland genommen hat .Das Land hat seinen Export gesteigert,hauptsächlich wird in Nicht Euländer exportiert.Dies sagt aber nichts über die Situation der Menschen in diesem Land aus. Ich fand diese Aufstellung,die meiner Meinung nach sehr übersichtlich ist:Portugal Exports | Actual Value | Historical Data | Forecast (http://www.google.pt/url?q=http://www.tradingeconomics.com/portugal/exports&sa=U&ei=V0Z6UoGuHKfy7Aaq7IAY&ved=0CBIQFjAB&usg=AFQjCNEh-vmipvcJPWdFPObqQkyMXzdCDA)
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