S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Feuert die Volkswirte!

Fast immer daneben, fast immer zu optimistisch: Die meisten Konjunkturprognosen sind Lachnummern. Ökonomen wissen nicht mit Dynamischen Systemen umzugehen. Höchste Zeit, sie zu ersetzen.

Eine Kolumne von


Sie haben wahrscheinlich schon vom Schmetterlingseffekt gehört - eine kleine Störung mit katastrophaler Wirkung. Diesen Effekt erleben wir derzeit in der Wirtschaft. Und die Ökonomen sind so hilflos wie noch nie. Schlimmer noch. Jedes Jahr wiederholen sie die alten Fehler. Der Lerneffekt ist gleich null.

Der Begriff des Schmetterlingseffekts geht auf den US-amerikanischen Mathematiker und Meteorologen Edward Lorenz zurück, der sich in den frühen Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts mit der Frage beschäftigte, ob das Flattern eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könnte. Die darauf aufbauende Chaostheorie gehört zu den faszinierendsten Gebieten der modernen Mathematik - wo sie unter dem Begriff der Dynamischen Systeme bekannt ist. In der Ökonomie ist die Chaostheorie fast ohne Einfluss. Das ist schade. Denn die Erkenntnisse, die Mathematiker und Physiker über Dynamische Systeme gewonnen haben, könnten uns helfen zu verstehen, was in unserer Wirtschaft gerade abgeht.

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, die mittelfristigen Prognosen für das Wirtschaftswachstum vom Internationalen Währungsfonds für Griechenland und Italien mit den tatsächlichen Ergebnissen zu vergleichen - und zwar die jeweiligen Herbstprognosen für das übernächste Jahr, also ein Prognosehorizont von 15 bis 27 Monaten im Voraus. Bei Griechenland war die Prognose für 2011 plus 0,45 Prozent. Das Ergebnis war minus 7,1 Prozent. Für das Jahr 2012 war die Prognose plus 1,1 Prozent, das Ergebnis minus 6,9 Prozent. Für 2013 war der IWF richtig optimistisch mit seiner Prognose von plus 1,5 Prozent. Ergebnis: minus 3,9 Prozent. Bei Italien lag man für 2011 recht gut: Prognose 0,7, Ergebnis 0,5. Danach lief man aber wieder zur alten, schlechten Form auf. Für 2012 war die Prognose 1,4 Prozent, das Ergebnis minus 2,3 Prozent. Prognose für 2013: 0,5 Prozent, Ergebnis: minus 1,9 Prozent.

Das Problem ist nicht, dass die Prognosen falsch sind. Das Problem ist, dass jede einzelne dieser Prognosen zu optimistisch war. Ein Problem, das sich auch in Deutschland abzeichnet, wo sich die Konjunkturaussichten derzeit überraschend eintrüben. Die Modelle, welche den Prognosen zugrunde liegen, funktionieren nicht mehr. Aber die Ökonomen wollen das nicht wahrhaben.

Die Dynamik der Krise unterschätzt

Die alten keynesianischen Modelle kamen der Realität noch am nächsten. Aber auch sie haben die Dynamik der Krise unterschätzt - davon abgesehen, dass sie viele Ergebnisse der Vergangenheit, etwas die Inflation der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre oder die Expansion der Neunziger auch nicht erklären konnten.

Ökonomische Modelle - egal ob altkeynesianisch, neukeynesianisch, monetaristisch, klassisch, oder neoklassisch: sie alle basieren auf der Idee des Gleichgewichts. Danach renkt sich ein System wieder ein, wenn es einmal durch einen Schock aus den Fugen gerät. Der Streit zwischen den großen ökonomischen Denkschulen dreht sich im Wesentlichen darum, wer was verursacht.

Eine Prognose mit einer Lotterie hätte bessere Ergebnisse

Doch die europäische Wirtschaft der Krisen- und Nachkrisenzeit zeigt deutliche Charakteristika eines Dynamischen Systems. In einem Dynamischen System gibt es kein natürliches Gleichgewicht, auf das das System zusteuert. Wenn man verstehen will, wie ein Land wie Japan nach einer Finanzkrise plötzlich einen ganz anderen Pfad eingeschlagen hat, dann ist das Konzept eines Dynamischen Systems ein besseres Denkmodell als das eines ökonomischen Äquilibriums. Bis heute gibt es keine ökonomische Theorie dazu, wie Japan in eine Deflation abdriften konnte.

In Europa ist das nicht anders. Nach den miserablen Wirtschaftsdaten vom zweiten Quartal wissen wir, dass sich der IWF für das Jahr 2014 wieder mal geirrt hat. Wieder war man zu optimistisch. Der IWF ist keineswegs ein Sonderfall. Seine Konjunkturforscher haben starke Konkurrenz von ähnlich qualifizierten Kollegen in der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission. Wenn man die Prognosen durch eine Lotterie ersetzen oder einen Affen bitten würde, sich eine Zahl von minus fünf bis plus fünf auszusuchen, hätten man bessere Ergebnisse, weil man sich dann zumindest nicht immer in dieselbe Richtung irren würde.

Mein konkreter Rat an die Politiker: Schmeißt die Volkswirte raus und ersetzt sie durch interdisziplinäre Teams, die über den Tellerrand hinausdenken. Die Ökonomie kann die ökonomischen Fragen unserer Zeit nicht beantworten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
heavenstown 25.08.2014
1. Endlich mal einer der Klartext redet....
wir haben viel zu viele Leute die "Gefälligkeitsgutachten erstellen...
its4free 25.08.2014
2.
redet der Volkswirt mal wieder Mist, wirds besser, schlechter oder es bleibt wie es ist.
Werner Holt 25.08.2014
3. Marx lesen, darunter gehts nicht
Wer die Kritik der politischen Ökonomie nicht einmal in Ansätzen gelesen hat, wird nie begreifen wie die alternativlose Marktwirtschaft funktioniert, bzw warum sie meistens eben nicht funktioniert. Die bürgerliche VWL ist Opium,dessen Genuss dahin geführt hat, wo wir heute sind. Dass die Expertisen der Experten nicht aufgehen können, habe ich spätestens seit ca 2001 begriffen, für diese Erkenntnis brauche ich Herrn Münchau nicht. Und auch das es mit dem Wachstum und der Beschäftigung nichts mehr wird, weil es eben nichts mehr werden kann, darauf sollte man sich langsam einstellen.
web-physio 25.08.2014
4. Zahlen, nur Zahlen!
Eben das ist das Problem, wenn man für seine Prognosen nur die Macht des Zahlenwerks akzeptiert und den Einfluss der Menschen, welche hinter diesen Zahlenwerken stehen ausklammert. Menschen und menschliches Verhalten ist eben nicht kalkulierbar oder vorhersehbar. Vielleicht versucht man aus eben diesem Grund, die Menschen zu manipulieren, um sie gefügiger und berechenbarer zu machen? Der 'Unsicherheitsfaktor Mensch' steht eben über Statistiken und Wunschträumen. Dumm gelaufen, oder?
ausmisten 25.08.2014
5. vielleicht sollten die Volkswirte...
...oefters mal den Publikumsjoker ziehen !
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