S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Das liebe Geld

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Ein- und Zwei-Cent-Münzen: So überflüssig wie 100-, 200- und 500-Euro-Scheine Zur Großansicht
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Ein- und Zwei-Cent-Münzen: So überflüssig wie 100-, 200- und 500-Euro-Scheine

In der Euro-Krise prallen alte nationale Komplexe aufeinander. Das zeigt sich auch in der Debatte über den EU-Plan zur Abschaffung der kleinsten Münzen. Die Bundesbank ist vehement dagegen - dabei sollten am besten auch die großen Scheine eingestampft werden.

Aus rein rationaler Sicht gibt es weder für die Kleinmünzen noch für die großen Scheine - 100, 200 und 500 Euro - gute Gründe. Die Kleinmünzen kosten in der Produktion mehr, als sie wert sind. Wichtiger noch: Sie beulen das Portemonnaie aus. Ich kann das aus persönlicher Erfahrung bestätigen.

Im normalen privaten Zahlungsverkehr in den USA und in Großbritannien halten sich Zahlgeld und Wechselgeld ohne große Anstrengungen die Waage. Im Euro-Raum geht das nur, wenn man jedes Mal an der Kasse den Versuch unternimmt, die Cents aus den Tiefen der Geldbörse zu pulen. Wenn man den anteiligen Stundenlohn der Puler, der Kassierer und der Leute in der Schlange mit hinzurechnet, wäre es ökonomisch sinnvoller, auf diese Mikromünzen komplett zu verzichten.

Am oberen Ende gibt es andere, gravierendere Probleme. Bankautomaten geben in der Regel keine Scheine aus, die einen höheren Wert als 50 Euro haben. Tankstellen dagegen akzeptieren oft keine 200- oder 500-Euro-Scheine, womit ihre Funktion als Zahlungsmittel eingeschränkt ist. Wer über kein Sicherheitslesegerät verfügt, wäre verrückt, hohe Geldnoten zu akzeptieren. Und vor allem leisten diese hohen Scheine Vorschub für alle möglichen Verbrechen und der damit einhergehenden Geldwäsche. Wer sein Schwarzgeld in die Schweiz schiffen möchte, hätte weitaus mehr Last mit Koffern voller 50-Euro-Noten. Die sinnvollen Einheiten für den Euro wäre somit fünf, zehn, 20 und 50 Cents, sowie fünf, zehn, 20 und 50 Euro - vier plus vier.

Interessanter noch als die Frage der optimalen Stückelung der Währung bei gegebenen Preisen ist jedoch die pathologische Haltung der Bundesbank. Das war bei der Einführung des Euro nicht anders. Damals setzte die Bundesbank eine 500-Euro-Note durch. Ich nehme an, der Grund dafür war der größte D-Mark-Schein. Der Tausender entsprach beim damaligen Umtauschkurs etwa 500 Euro. Man wollte dem ökonomisch analphabetischen deutschen Sparer nicht das Gefühl geben, das Geld würde entwertet, wenn man keinen 500-Euro-Schein habe.

Jetzt verteidigt Weidmann die Ein- und Zwei-Cent-Münzen, in diesem Fall wohl, um den Eindruck zu zerstreuen, im Euro-Land tobe eine so gewaltige Inflation, dass man die Kleinmünzen bald nicht mehr brauche. Dass es tatsächlich so gut wie gar keine Inflation gibt, ist hier eher nebensächlich. Man hat mit der Einführung des Euro schon auf den Pfennig verzichtet, deren Gegenwert ein halber Cent gewesen wäre - auf den die Bundesbank damals glücklicherweise nicht auch noch beharrte.

Die Debatte erinnert mich an dieses schwachsinnigste aller deutschen Sprichwörter, nämlich das vom Pfennig, den man ehren solle. Es ist schwachsinnig, weil es ein falsches Verständnis von Geld vermittelt. Geld übt drei ökonomische Funktionen aus, nicht mehr, nicht weniger.

  • Es ist Zahlungsmittel.
  • Es ist eine Zahlungseinheit.
  • Es bietet die Möglichkeit, Wert ohne Verfallsdatum zu wahren.

Geld ist kein religiöses Symbol. Es ist ökonomisches Objekt mit den oben genannten Eigenschaften. Selbst unter Berücksichtigung der extremsten Formen calvinistischen Materialismus ändert sich nichts daran, dass der Taler einen Wert für den Menschen darstellt und nicht umgekehrt. Man ehrt ihn nicht.

Der Wunsch, reich zu sein, mag nachvollziehbar sein, aber die Besessenheit von Geld als physischem Objekt ist krankhaft. Eng damit verbunden ist eine andere Pathologie, die panische Angst vor dem Schuldenmachen. Das ist sogar in der deutschen Sprache reflektiert, in der die Wörter Schuld und Schulden gleichen sprachlichen Ursprungs sind, was in den meisten anderen Sprachen nicht der Fall ist - guilt und debt im Englischen zum Beispiel. Auch die Schuldendebatte ist längst nicht mehr rational.

Deutschland ist seiner Ausprägung nationaler Pathologien sicher nicht extremer als andere Länder. Auch das britische Problem mit Europa ist zutiefst pathologisch, und man findet Ähnliches in jedem Land. Der Unterschied besteht darin, dass das Geld schon seit mehr als zehn Jahren europäisch ist und dass unsere nationale Geld-Pathologie nicht mehr unsere Privatsache ist.

Einem einzelnen würde man raten, zum Psychiater zu gehen oder sich zumindest ein neues Sprichwort zuzulegen. Eine Nation in ihrer Pathologie umzupolen, ist deutlich schwerer. Das Management der Euro-Krise ist der Test dieses einzigartigen Experiments.

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insgesamt 165 Beiträge
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1. Man sollte noch weiter gehen:
_meinemeinung 22.05.2013
alle Münzen abschaffen, die sind Mittelalter. Dafür 50 ct- 1 €, 2 € Scheine einführen, stets kaufmännisch auf 50 ct. auf- bzw. abrunden - gleicht sich in der Masse aus. Das wäre sinnvoll. Nur - seit wann machen die Politniks was Sinvolles?
2. Euromünzen?
jejo 22.05.2013
Bei der vorgeschlagenen Stückelung fehlen die Euromünzen (1 und 2) komplett. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das Absicht ist?
3. Kleine Muenzen einstampfen?
Ulrich Berger 22.05.2013
Zitat von sysopIn der Euro-Krise prallen alte nationale Komplexe aufeinander. Das zeigt sich auch in der Debatte über den EU-Plan zur Abschaffung der kleinsten Münzen. Die Bundesbank ist vehement dagegen - dabei sollten am besten auch die großen Scheine eingestampft werden. Wolfgang Münchau: Verkorkstes Verhältnis zum Geld - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-verkorkstes-verhaeltnis-zum-geld-a-901219.html)
Mir waere es viel lieber, man wuerde den ganzen Schulden-Muell Euro einstampfen! Und wieder neu anfangen - das geht und wir haben es auch nach dem Krieg gemacht. Natuerlich dauert die Beseitigung des Schadens ein paar harte Jahre, aber die kommen sowieso.
4. Und wie...
Systembereuer 22.05.2013
...bezahlt man dann beim Bäcker z.B. 1,12€ ? Ach so, gar nicht. Das kostet dann nämlich 1,50€ !
5. Bargeld ist....
goethestrasse 22.05.2013
...meine Versicherung einem Staaat und einem System gegenüber, dem ich virtuell ausgeliefert wäre. Eine ausgebeulte Geldbörse ist ein Problem derer, die keinen Überblick über deren Inhalt haben oder die zu faul sind zum rechnen .
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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