Wolfowitz-Abgang: Das Ende des härtesten Neocon

Von , New York

Weltbank-Präsident Wolfowitz stürzte über einen peinlichen Skandal - sein Ende hat jedoch tiefere Gründe. Es ist eine Abrechnung mit den US-Neokonservativen, als deren Hauptvertreter er den Irak-Krieg mitinszenierte.

New York - Er war der hartnäckigste der Neocons. Jahrzehnte hat sich Paul Wolfowitz, der Co-Architekt des Irak-Kriegs, im Dunstkreis des Weißen Hauses halten können. Seine Karriere begann unter Richard Nixon, florierte unter Ronald Reagan und kam unter George W. Bush zur vollen Blüte.

Neokonservativer Wolfowitz: Strippenzieher und brillanter Intrigant
REUTERS

Neokonservativer Wolfowitz: Strippenzieher und brillanter Intrigant

Da erst fand seine neokonservative Ideologie von den USA als globalem Messias so richtigen Anklang. Sie war die perfekte intellektuelle Ausrede für die Invasion im Irak, die Wolfowitz als Vize-Verteidigungsminister schon vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 skizzierte.

Doch als der Irak zum Debakel wurde, lobte Bush den Mann, der für viele in Europa die amerikanische Arroganz symbolisierte, im März 2005 ausgerechnet auf den Präsidentensessel der Weltbank weg - eine jener internationalen Institutionen, die die Neocons verachteten. Die Kritiker waren entsetzt. "Wolfowitz hat nichts als Geringschätzung für die Zusammenarbeit mit anderen Ländern übrig", schipfte David Waskow von der Grassroots-Umweltgruppe Friends of the Earth. "Wie kann so einer die Weltbank nur effektiv führen? Und mit welchen Folgen?"

Zwei Jahre später haben sich die Unkenrufe bestätigt. Erst kamen die Neocons aus der Mode, jetzt hat es auch "Wolfie" erwischt: Seine Zeit als oberster Kreditgeber der Welt fand heute, nach wochenlangem Skandal-Gerangel, ein rüdes, ruhmloses Ende. Als Auslöser hielt zwar eine private Affäre her. Doch war es sein ideologisch-persönlicher Ballast, der ihm das Genick brach und zum Schluss sogar im Weißen Haus die letzten Vasallen vergrätzte.

Die Affäre ist bis heute ebenso undurchsichtig wie anrüchig - und passt so perfekt in Wolfowitz' Schmieren-Image, auf ewig geprägt durch jene gemeine Szene aus Michael Moores Aktivistenfilm "Fahrenheit 9/11", in der er sich mit speichelnassem Kamm durchs fettige Haar fährt.

Hier die Fakten: Als Wolfowitz, heute 63, zur Weltbank kam, stand er vor einem Dilemma. Seine langjährige Freundin Shaha Ali Riza, eine gebürtige Libyerin mit britischem Pass, arbeitete bereits dort, und zwar als Expertin für Frauen- und Gesellschaftsfragen. Das war ein Interessenkonflikt: Die Bank missbilligt "Verhältnisse" zwischen Boss und Angestellten.

Die Bankspitze löste diesen Interessenkonflikt einvernehmlich mit Wolfowitz, indem sie Riza ans US-Außenministerium versetzte - samt einer Gehaltserhöhung von rund 60.000 Dollar auf heute 193.590 Dollar. Das ist sogar mehr als ihre Chefin an der Spitze des State Departments verdient, Außenministerin Condoleezza Rice: Die bekommt 183.500 Dollar im Jahr.

Als dieses Gemauschel nun ausgerechnet zu Beginn der diesjährigen Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfond (IWF) in Washington bekannt wurde, tat Wolfowitz schnell öffentliche Abbitte: "Im Nachhinein wünschte ich", sagte er kleinlaut, "ich hätte mich auf meinen ersten Instinkt verlassen und mich aus den Verhandlungen herausgehalten. Ich habe einen Fehler gemacht, den ich bedauere."

Palastrevolte gegen den Chef

Doch da rollte die Lawine bereits. "Rücktritt! Rücktritt!", skandierten Weltbank-Mitarbeiter in der Lobby des gläsernen Bankpalastes. Alison Cave, die Vorsitzende der Personalvereinigung, forderte vor versammelter Mannschaft seinen Kopf. Selbst die meisten seiner Freunde im Nationenbund der 185 Weltbank-Mitglieder hielten sich mit Rückendeckung zurück.

Denn es war nicht allein Wut über die Riza-Affäre, die sich da ihren Weg suchte. Sondern die seit vielen Jahren aufgestaute Wut über Wolfowitz selbst, seinen autokratischen Führungsstil, sein ganzes Weltbild - und nicht zuletzt Wut über die USA, die seit der Gründung der Weltbank 1944 deren Präsidenten gestellt hat. Was hier seinen Lauf nahm, war eine internationale Abrechnung mit den US-Neokonservativen. "Dies ist eine Debatte über Bush und sein Verhältnis mit der Welt", erkannte die "New York Times".

Fast wäre daran ja schon überhaupt Wolfowitz' Wechsel vom Pentagon an die Weltbank gescheitert: Intern hatte es da zuerst eine Palastrevolte gegen den neuen Chef gegeben. "Es bedurfte enormer Anstrengungen, das niederzuschlagen", sagt ein Mitglied der damaligen Bankspitze. Wolfowitz hatte keinen Vertrauensvorschuss. Als er nun, im Zuge der Affäre, Alliierte brauchte, stand die Front gegen ihn.

Diktatorischer Führungsstil

Zwar rühmt sich Wolfowitz, als Weltbank-Chef erfolgreich gegen Korruption gekämpft zu haben. Doch tat er das in alter Manie, sprich sehr selektiv: Der Irak, Afghanistan und andere strategische Partner der USA kamen stets gut weg. Sein Problem war dabei das gleiche, das ihn auch im Irak zum Verhängnis wurde und ihn am Ende diskreditierte: sein Scheuklappenblick, sein diktatorischer Führungsstil und sein Desinteresse für andere Meinungen - geschweige denn für Kritiker.

Es war ein Stil, der ihm bisher in seiner fast 40-jährigen Karriere eigentlich immer zupass gekommen war. Seine Rolle war stets die des rechtskonservativen Aufständlers gegen das Establishment, auch gegen das republikanische. Selbst nach 9/11 war sein besessener Fokus auf den Irak intern zunächst umstritten. Doch Wolfwowitz erwies sich als brillanter Intrigant und Strippenzieher und bekam schließlich, was er wollte - den ultimativen neokonservativen Präzedenzkrieg.

Ähnlich sein Stil an der Weltbank-Spitze, die so schon nie ein Hort der Offenheit war: Dort kultivierte er Klüngel und Kabale, derweil sich die Mehrheit der Mitarbeiter immer "unerwünschter" fühlte, wie sich der frühere Weltbank-Ökonom Dennis de Tray erinnert. Es half wenig, dass er selbst dabei fast eine halbe Million Dollar verdiente und sein Pressesprecher 240.000 Dollar.

"Er hat eine Trotzki-Mentalität, wie man sie oft sieht bei bewegten Konservativen", sagt der Autor und Weltbank-Experte Sebastian Mallaby. "Mit anderen Worten: Du vertraust nur deiner eigenen, engen Gruppe von Loyalisten. Der Rest der Welt ist gegen dich."

Das war Wolfowitz' Waterloo. Der Rest der Welt war immer schon gegen ihn. Es dauerte nur ein paar Wochen, bis nun auch die anderen wegbrachen. Als er verzweifelt Loyalisten brauchte, waren die nirgends mehr zu finden. Heidemarie Wieczorek-Zeul: "Er würde der Bank und sich selbst einen großen Dienst erweisen, wenn er zurückträte."

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