Wirtschaft


Wirtschaftspreis für Euro-Ausstiegsplan: Lord Wolfson und die Eurokalypse

Von Carsten Volkery, London

So einen Preis kann wohl nur ein englischer Lord erfinden: 300.000 Euro für den besten Plan zum Euro-Ausstieg. Jetzt hat der Gewinner die Auszeichnung erhalten. Sein Vorschlag enthält viele Tipps für Griechenlands Regierung - der Nutzen aber ist fraglich.

Lord Wolfson: "Irgendwann wird das System zusammenbrechen"Zur Großansicht
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Lord Wolfson: "Irgendwann wird das System zusammenbrechen"

Was soll man davon halten? Da lobt ein britischer Lord 250.000 Pfund (rund 300.000 Euro) für denjenigen aus, der ihm einen plausiblen Plan für den Euro-Ausstieg eines Mitgliedslandes präsentiert. Er tut dies, um ein "intellektuelles Vakuum" zu füllen, wie er sagt. Aus seiner Sicht bleibt ihm nichts anderes übrig, denn finstere Mächte, in diesem Fall die Regierungen und Zentralbanken der Euro-Zone, versuchen mit allen Mitteln, diese Debatte zu unterbinden.

"Bis vor sechs Monaten war es verboten, über eine Auflösung der Euro-Zone zu reden", sagte Lord Simon Wolfson am Donnerstag bei der Verleihung des Wolfson-Wirtschaftspreises in London. Dank seines Ideenwettbewerbs sei diese Debatte nun jedoch in vollem Gange. Und sein Instinkt sei richtig gewesen: Mit jedem Tag, der vergehe, werde der Zusammenbruch des Euro wahrscheinlicher.

Bescheidenheit kann man dem 43-jährigen Chef der britischen Modekette Next wahrlich nicht nachsagen. Im vergangenen Oktober hatte der Multimillionär den höchstdotierten Wirtschaftspreis nach dem Nobelpreis ausgeschrieben. Die besten Ökonomen der Welt und die breite Öffentlichkeit waren aufgerufen, Szenarien für den Euro-Ausstieg eines oder mehrerer Länder zu entwickeln.

"Irgendwann wird das System zusammenbrechen", sagte Wolfson. "Wenn das passiert, können wir nicht ohne Plan dastehen."

Nun liegen gleich mehrere Pläne vor. Aus den 400 Teilnehmern waren im April fünf Finalisten ausgewählt worden, am Donnerstag wurde der Sieger vorgestellt. Gewonnen hat ein Team um Roger Bootle, Chef der Beratungsfirma Capital Economics. Sein 112-seitiger Aufsatz trägt die Überschrift "Eine praktische Anleitung zum Euro-Austritt".

Bootle nahm den Preis, eine viereckige Glasplatte, in den Räumen des Euro-skeptischen Think-Tanks Policy Exchange mit Blick auf die Westminster Abbey in Empfang. "Ich fühle mich wie ein Oscar-Gewinner - nur sehe ich nicht so gut aus und werde auch nicht in Tränen ausbrechen", witzelte er.

Die Anwesenden schienen sich einig, dass das Ende der Euro-Zone in ihrer aktuellen Form nicht mehr fern sei. Bootles Plan werde bald in mehrere Sprachen übersetzt werden, prophezeite Jury-Mitglied Charles Goodheart, ein emeritierter Wirtschaftsprofessor. Nur wenn die Europäer "extrem viel Glück" hätten, könnte das Auseinanderbrechen der Währungsunion noch verhindert werden.

Austritt am Beispiel Griechenlands nachgezeichnet

Die Forscher um Bootle zeichnen am Beispiel Griechenlands nach, wie ein Land austreten könnte. Griechenland sei das naheliegende Beispiel, der Plan gelte genauso für jedes andere Land der Peripherie, sagte Bootle. Er sieht mehrere Stufen vor:

1. In dem Szenario bereitet die griechische Regierung den Euro-Austritt heimlich vor. Kurz vor der Ankündigung, die idealerweise an einem Freitagabend erfolgt, werden die Europäische Zentralbank, die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds eingeweiht.

2. Die Regierung führt die neue Währung mit dem Wechselkurs 1:1 zum Euro ein. Das, so Bootle, würde eine sofortige Abwertung von 30 bis 50 Prozent zur Folge haben.

3. Eine Zeitlang gibt es zwei Währungen: Euro-Münzen und -Scheine bleiben für eine Übergangszeit von drei bis sechs Monaten für die alltäglichen Bargeschäfte in Umlauf, bis die neuen Drachmen gedruckt sind. Elektronische Bankgeschäfte werden sofort in Drachmen abgewickelt.

4. Die Regierung setzt ihre eigenen Inflationsziele und Haushaltsziele. Sie wandelt ihre Euro-Schulden in Drachmen um und verhandelt mit den Gläubigern über einen Schuldenschnitt. Der Schuldenstand sollte danach nur noch 60 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen.

5. Der Austritt würde dazu führen, dass die nördlichen Euro-Länder ihre Anstrengungen verstärken, die Währungsunion zu vertiefen, um weitere Austritte zu verhindern. Deutschland würde den Widerstand gegen Euro-Bonds aufgeben. Der Netto-Effekt des Ausstiegs wäre positiv für Wachstum und Wohlstand der Euro-Zone.

Überraschendes enthält dieser Plan nicht. Anders als Wolfson behauptet, läuft die Debatte über die Eurokalypse ja bereits seit einer gefühlten Ewigkeit. Alle denkbaren Szenarien, so scheint es, wurden in den Medien bereits durchgespielt. Und wer Bootle reden hört, fühlt sich in jede x-beliebige Talkshow zum Thema versetzt.

Auch hat sein Plan offensichtliche Lücken: Was passiert mit den Milliarden-Forderungen, die im Target-2-System aufgelaufen sind, dem Zahlungssystem zwischen den Notenbanken? Können die anderen Euro-Länder den Bankrott Griechenlands verkraften? Ist ein Domino-Effekt auf andere Krisenländer zu erwarten? Diese Fragen, sagt Bootle, habe er nicht behandelt, weil er den Euro-Ausstieg nur aus der Perspektive der austretenden Regierung untersucht habe.

Der Wunsch ist Vater des Gedankens

Hier tritt das große Manko dieses Wettbewerbs zutage: Der Wunsch ist Vater des Gedankens. Der Zusammenbruch der Währungsunion in ihrer derzeitigen Form gilt Stifter Wolfson - wie allen britischen Euro-Skeptikern - nicht nur als unvermeidlich, sondern als erstrebenswert. Schließlich würde er ihnen im Nachhinein Recht geben.

Führende Ökonomen hatten daher schon bei der Ausschreibung den Nutzen der Übung in Frage gestellt. Die Aufgabenstellung sei zu sehr politisch motiviert, lautete die Kritik. Die Alternative, dass die Euro-Zone intakt bleibe, sei von vornherein ausgeschlossen.

Tatsächlich fällt auf, dass alle fünf Finalisten zu dem Schluss kommen, ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone würde die wirtschaftliche Lage aller Beteiligten verbessern. Kein Wunder, dass Stifter Wolfson sich freute: Das Preisgeld sei eine hervorragende Investition gewesen.

Allerdings scheint der Sieger selbst nicht daran zu glauben, dass es tatsächlich zu einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone kommt. Auf die Frage, ob er sein Preisgeld darauf verwetten würde, antwortete Bootle: "Es wäre nicht klug, eine so hohe Summe zu setzen."

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insgesamt 19 Beiträge
odysseus33 05.07.2012
Dass ständig über Szenarien von Euro-Austritten oder Verkleinerung des Euro-Raums diskutiert wird, kann man nun wirklich nicht sagen. Da in jeder Talkrunde rhetorisch versierte Euro-Freunde mindestens zu 50% dabei sind wird das [...]
Dass ständig über Szenarien von Euro-Austritten oder Verkleinerung des Euro-Raums diskutiert wird, kann man nun wirklich nicht sagen. Da in jeder Talkrunde rhetorisch versierte Euro-Freunde mindestens zu 50% dabei sind wird das immer sehr schnell abgewürgt. Es kann gerade noch gesagt werden "dann können die abwerten.." und schon kommt das Mantra retour: "der Euro hat Deutschland am meisten genutzt, Das Ende des Euro ist das Ende Europas, blabala..". Mag sein dass es politisch eine Herkulseaufgabe wäre, aber nach all dem Versagen von Kohl über Schröder bis Merkel könnte man sich ja jetzt mal zusammen reissen und nicht mehr den Weg des geringsten Widerstands gehen. Der gesunde Menschenverstand, der zugegeben wenig wert ist derzeit, sagt einem doch dass nur eine kompakte, kompatible Eurozone den Märkten widerstehen und die eigenen Bürger (in den Zhaler-Ländern) schützen kann.
naranja1 05.07.2012
Anscheinend sind die eigenen Probleme der Briten so groß, dass man besser davon ablenkt und die Probleme der anderen groß und die Anderen selber grundsätzlich schlecht redet und als unfähig abtut. Die Briten sollten anfangen sich [...]
Anscheinend sind die eigenen Probleme der Briten so groß, dass man besser davon ablenkt und die Probleme der anderen groß und die Anderen selber grundsätzlich schlecht redet und als unfähig abtut. Die Briten sollten anfangen sich mit ihrem eigenen Kram zu beschätigen. Sie wollen ja weniger EU, gut, dann sollen Sie doch nen Preis ausschreiben wie sie aus der EU aussteigen.
systembolaget 05.07.2012
...bitte loben Sie auch einen Preis aus, wie die Koalition der EU-Willigen zügig Großbritannien wieder los wird. Thank you very much in advance!
...bitte loben Sie auch einen Preis aus, wie die Koalition der EU-Willigen zügig Großbritannien wieder los wird. Thank you very much in advance!
Klartext007 05.07.2012
Allein die Tatsache, dass ein Ausstieg aus dem Euro-egal wessen Landes- überhaupt ein öffentliches Thema wird, stimmt mich zuversichtlich. Ein Verbleiben ist für Geberländer genau so ruinös (Steuergelder), wie für die Staaten, die [...]
Allein die Tatsache, dass ein Ausstieg aus dem Euro-egal wessen Landes- überhaupt ein öffentliches Thema wird, stimmt mich zuversichtlich. Ein Verbleiben ist für Geberländer genau so ruinös (Steuergelder), wie für die Staaten, die sich faul zurücklehnen und dabei ihre Autonomie aufgeben.
pluuto 05.07.2012
Lord Wolfson sollte einen Preis ausloben: wie verhindere ich Zinsmanipulationen bei den englischen Banken.
Lord Wolfson sollte einen Preis ausloben: wie verhindere ich Zinsmanipulationen bei den englischen Banken.
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  • Donnerstag, 05.07.2012 – 18:40 Uhr
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