Wolkenkratzer-Index: Hochbau kommt vor dem Fall

China und Indien erleben einen schwindelerregenden Bauboom. 80 neue Wolkenkratzer sollen bis 2017 entstehen. Eine Analyse der Barclays Bank warnt: Wo Gebäude immer höher in den Himmel wachsen, folgt meist der finanzielle Crash.

Rekordverdächtige Wolkenkratzer: Giganten, am Abgrund gebaut Fotos
REUTERS

Hongkong - Hochbau kommt vor dem Fall - davor warnen zumindest die Analysten von Barclays Capital. Laut dem jährlich erscheinenden Wolkenkratzer-Index der Bank gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Bau immer höherer Gebäude und einem nahenden Finanzcrash. Dies sei in den vergangenen 140 Jahren immer wieder der Fall gewesen, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus dem Bericht.

Haben die Hongkonger Barclays-Analysten recht, droht insbesondere den asiatischen Boomstaaten China und Indien der baldige Absturz: Insgesamt 80 neue Bauwerke mit mehr als 240 Metern Höhe sollen hier in den kommenden fünf Jahren entstehen - die Zahl der Wolkenkratzer würde sich damit in dieser Region verdoppeln. Rund jedes zweite Superhochhaus, das weltweit derzeit gebaut wird, wird in China stehen.

Der Zusammenhang zwischen neuen Höhenrekorden und Crash erklärt der Wolkenkratzer-Index so: Ein Boom bei den extrem teuren Bauwerken weise darauf hin, dass allgemein eine große Menge an Kapital fehlinvestiert werde - und daher das Platzen einer Blase und ein wirtschaftlicher Einbruch bevorstehe.

Beispiele für diese These liefern die Autoren einem Bericht der BBC zufolge gleich mit:

  • Bereits der erste Wolkenkratzer der Welt, das Equitable-Life-Gebäude in New York, markierte mit seiner Fertigstellung im Jahr 1870 den Beginn einer fünf Jahre andauernden Rezession. Das mit 40 Metern im Vergleich bescheidene Bauwerk wurde 1912 wieder abgerissen.
  • Das ungleich bekanntere Empire State Building in New York wurde 1931 eröffnet - auf dem Höhepunkt der weltweiten Großen Depression. Mit seinen 381 Metern war es bis 1972 das höchste Gebäude der Welt.
  • Der Willis Tower in Chicago, besser bekannt unter dem Namen Sears Tower, markierte mit 442 Metern ab 1974 einen neuen Höhenrekord. Die USA aber steckten mitten im Ölschock.
  • Die Petronas Towers in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur galten ab 1998 mit 452 Metern als höchster Wolkenkratzer. Während des Baus stürzten die asiatischen "Tigerstaaten" 1997 in eine tiefe Finanzkrise.
  • Der 828 Meter hohe Burj Chalifa wurde vor rund zwei Jahren eröffnet, unmittelbar nachdem die Immobilienblase in Dubai geplatzt war. Um rund 50 Prozent hatten die Preise im Jahr zuvor nachgegeben. Bis heute ist die Zukunft vieler ambitionierter Bauvorhaben in dem Emirat ungewiss.

Vor allem in China, das allein 66 neue Wolkenkratzer binnen der kommenden fünf Jahre bauen will, mehren sich bereits heute die Anzeichen für das Platzen einer Blase. Die Preise auf den Immobilienmärkten sind zuletzt deutlich gesunken - im Dezember den vierten Monat in Folge. In 60 der 100 größten Städte des Landes verloren Häuser an Wert, unter anderem auch in Shanghai und Peking.

Doch auch London muss sich Sorgen machen: In der britischen Hauptstadt entsteht derzeit der "Shard" ("Glassplitter"). Nach der für diesen Mai geplanten Einweihung wird er mit 310 Metern der höchste Wolkenkratzer Westeuropas sein.

fdi

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Größenwahn und Potenzgeprotze!
ZiehblankButzemann 11.01.2012
Wer sich heute noch wahnsinnig originell vorkommt immer neue, höhere und teurere Phallus Symbole, wie diese Wolkenkratzer aus dem Boden zu stampfen, dem ist bei all dieser geistigen Armut wirklich nicht mehr zu helfen. Dass der Wolkenkratzer Bau-Boom ein wunderbarer Kontra-Indikator zur Wirtschaftsentwicklung ist, kann in einer immer globaler ausgerichteten Wirtschaft auch nicht gerade beruhigen. All diese gestörten Geld-Magnaten, die sich selber mit diesen Bauwerken ein Denkmal setzen wollen um gleichzeitig ihren stinkreichen Nachbarn oder sogar die eigenen geldigen Familienmitglieder zu ärgern und auszustechen, sollten mal ein Dasein in Armut am eigenen Leibe erfahren und erleben müssen. Und wenn dann alles zusammengebrochen ist, wird fröhlich der IWF angezapft oder bei den Deutschen um Spenden und Almosen gebettelt.
2.
muellerthomas 11.01.2012
Zitat von sysopChina und Indien erleben einen schwindelerregenden Bauboom. 80 neue Wolkenkratzer sollen bis 2017 entstehen. Eine Analyse der Barclays Bank warnt: Wo Gebäude immer höher in den Himmel wachsen, folgt meist der finanzielle Crash. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,808509,00.html
Natürlich wurden die zu ihrer Zeit höchsten Gebäude immer in einer Krise gebaut/eröffnet: Vor der Krise baut man immer höher und größer, kommt die Krise dann, wird nicht mehr gebaut. Sie sind damit aber kein Krisenindikator. Wäre die Weltwirtschaftskrise nicht Ende 1929 ausgebrochen, wäre möglicherweise auch noch ein Gebäude höher als das Empire gebaut worden. Erst durch die Krise wurde das Empire dann für lange Zeit zum höchsten Gebäude, die Kausalität verläuft anders herum.
3. Arbeitsplätze
wiwi 11.01.2012
"Wo Gebäude immer höher in den Himmel wachsen, folgt meist der finanzielle Crash." Bis dahin haben die Baufirmen eben gut zu tun.
4.
romanmay 11.01.2012
Ein gewisser Zusammenhang zwischen Hoch-hinaus-wollen und Auf-die-Nase-fallen ist ja allgemein bekannt. Leider wird diese Argumentationskette aber meistens von Langweilern genutzt ..die dafür aber keine Spekulationsblase haben, auch wahr. Ich muss aber zugeben dass ich auf die - auch bauliche - Dynamik Chinas eher neidisch bin, undemokratische Zustände mal ausgeklammert.
5. Unzureichende Begründung
eurasia79 11.01.2012
Der Zusammenhang zwischen dem bauboom und einer sich anbahnenden Finanzkrise ist zwar erkennbar, die Begründung im SPON Artikel bleibt leider trotzdem vage.
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