Woolworth-Comeback Mrs. Robertson verzückt die Briten

815 Filialen geschlossen, 27.000 Mitarbeiter entlassen: Die Insolvenz von Woolworth's sorgte für hässliche Narben in der britischen Fußgängerzone. Eine frühere Filialleiterin eröffnet nun ihren alten Laden in Eigenregie - und wird als Hoffnungsträgerin in düsteren Zeiten gefeiert.

Aus Dorchester berichtet


Dorchester - An gewöhnlichen Tagen ist die Fußgängerzone von Dorchester ein beschaulicher Ort. Familien flanieren die South Street entlang, Verkäufer stehen für eine Zigarette vor ihrem Laden, Teenager verteilen Flugblätter an Passanten. Das Leben geht seinen ruhigen Gang, wie man es in einem Städtchen von 17.000 Einwohnern erwarten kann.

Am vergangenen Mittwoch jedoch herrschte Ausnahmezustand. An der Stelle, wo früher die Woolworth's-Filiale lag, drängelten sich Dutzende Kameraleute und Fotografen. Aus dem ganzen Land waren sie in den Flecken in der Grafschaft Dorset geeilt, um das große Ereignis festzuhalten: Der Laden wurde wieder eröffnet - unter dem Namen Wellworth.

"Es ist verrückt", sagt Claire Robertson. Die 34-jährige Wellworth-Gründerin wird immer noch mit Interviewanfragen bombardiert und hat sich deshalb sogar einen Pressesprecher zugelegt. An der Pinnwand im Konferenzraum über dem Laden hängen Glückwunschkarten von überall. "So etwas hat die Stadt noch nie gesehen", sagt Alistair Chisholm, Präsident der Handelskammer. "Naja, vielleicht, als die Eisenbahn nach Dorchester kam". Das war im 19. Jahrhundert.

"Die Leute wollen auch mal wieder was Schönes hören"

Zu anderen Zeiten wäre die Eröffnung eines Ladens nur eine Randnotiz. Doch Großbritannien steckt in der Rezession. Seit Monaten hören die Menschen nichts als düstere Nachrichten. In diesem Klima hat die Geschichte von Claire Robertson einen besonderen Nerv getroffen. Sie ist zur Hoffnungsträgerin einer ganzen Nation geworden. Ihr Gesicht wurde in alle Wohnzimmer gesendet, die BBC dreht einen einstündigen Dokumentarfilm. "Es ist alles so deprimierend", erklärt Robertson. "Die Leute wollen auch mal wieder was Schönes hören".

So wie die Geschichte einer jungen Filialleiterin, die entlassen wurde, weil ihre Firma pleiteging - und die dann kurz entschlossen entschied, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und den Laden weiterzuführen. Obendrein hatte sie nicht bei irgendeiner Firma gearbeitet, sondern bei "Woolies", wie der Discounter liebevoll genannt wird. Seit mehr als hundert Jahren war der rote Schriftzug eine Orientierungsmarke auf jeder britischen High Street, bis die Ikone im vergangenen November zum prominentesten Opfer der Rezession wurde.

"Die Bankenkrise war den Menschen egal", sagt Chisholm. "Erst als Woolworth's von den Straßen verschwand, begriffen sie die Rezession." Alle 815 Woolworth's-Filialen wurden geschlossen, 27.000 Mitarbeiter entlassen, das gesamte Inventar in wilden Verkaufsschlachten losgeschlagen. Den Markennamen sicherte sich die Firma ShopDirect, die Woolworth's als reinen Onlinemarkt neu erfinden will.

Fünf heiße Wochen mit 15-Stunden-Tagen

Wellworth ist nun der erste Versuch, das Traditionskonzept in den Fußgängerzonen wiederzubeleben. Als die Filiale in Dorchester am 6. Januar die Türen schloss, habe ihr das Herz geblutet, erzählt Robertson. Seit fünf Jahren hatte sie die Filiale geleitet. Sie sei immer profitabel gewesen, der Standort mitten in der Fußgängerzone ideal, sagt sie. Zusammen mit ihrem Vermieter, einem irischen Geschäftsmann aus Limerick, fasste Robertson den Entschluss, in Eigenregie weiterzumachen. Das Kapital stellte der Vermieter bereit, er erfand auch den Namen Wellworth.

Robertson fungiert als Geschäftsführerin. Sie holte 20 von 25 Mitarbeitern zurück. Die Kassiererinnen arbeiten wie vorher zum gesetzlichen Mindestlohn. Robertson stellte auch ein neues Management ein, das nun die Aufgaben übernimmt, die früher von der Londoner Zentrale erledigt wurden. Sie fuhr zum ersten Mal auf eine Messe in Birmingham, um die Zulieferer kennenzulernen. Bisher hatte sie sich um solche Fragen nicht kümmern müssen. Ihre dankbaren Angestellten schrubbten den Boden, pinselten die Wände hellblau und arrangierten die alten Woolworth's-Regale so um, dass nun mehr Platz in den Gängen ist. Das Team hat fünf heiße Wochen hinter sich. Robertson arbeitete jeden Tag 15 Stunden, auch am Wochenende.

Spuren der Rezession in Dorchester

Die Gründung bleibt ein Risiko, mitten in der Rezession und ohne die Marktmacht der Kette im Rücken. Der Einzelhandel leidet, reihenweise machen Geschäfte dicht. Warnende Beispiele gibt es in der Fußgängerzone von Dorchester genug. Drei Häuser vom Wellworth entfernt, steht der frühere Teeladen "Whittard's of Chelsea" seit zwei Monaten leer. Ein Schild im Fenster empfiehlt, die nächste Filiale im größeren Bournemouth aufzusuchen. Auch schräg gegenüber bei Adams, einem Geschäft für Kinderbekleidung, hängt eine "wichtige Information für Kunden" im Fenster: "Dieser Laden ist auf Dauer geschlossen." Über der Damenboutique Dorothy Perkins hängt ein "Zu vermieten"-Schild. In wenigen Wochen wird auch hier ein leeres Schaufenster gähnen.

Auch das Großprojekt des Ortes ist von der Rezession betroffen. Der bereits begonnene Ausbau der früheren Brauerei direkt neben dem Bahnhof zu einem Wohn- und Einkaufszentrum mit Vier-Sterne-Hotel läuft nur noch schleppend voran. Eigentlich sollte bis 2012 alles fertig sein, wenn der Segelwettbewerb der Olympischen Spiele im benachbarten Weymouth stattfindet.

Vier Türsteher gegen Massenandrang

Robertson will sich ihre Zuversicht nicht nehmen lassen, der Zuspruch beflügelt sie. Am ersten Tag mussten vier Türsteher die Massen im Zaum halten. Sie wurden nur stoßweise in den Laden gelassen. "Die Leute vermissen Woolies", sagt die 68-jährige Julia Dean aus Weymouth.

1700 Kunden registrierten die Kassen am ersten Tag - an guten Tagen im alten Woolworth's waren es 1200. Rosenbüsche und Tesafilm waren als erstes ausverkauft. Die Schlangen sind auch am zweiten Tag noch lang, alle fünf Kassen den ganzen Tag geöffnet. Die erste Begeisterung werde sich natürlich legen, sagt Robertson. Aber die Nachfrage sei da. Im Stadtzentrum gebe es keinen vergleichbaren Laden.

Am Grundkonzept von Woolworth's hat Wellworth nicht viel geändert: Am Eingang soll eine große Süßwaren-Abteilung die Kunden anlocken, weiter hinten wartet das übliche Sammelsurium an Billigartikeln - von Kinderplanschbecken über Briefpapier und Tupperdosen bis hin zu Maurerkellen und verspiegelten Blumenvasen. Die Preise seien nicht höher als früher, sagt Robertson. Die Zulieferer seien ihr sehr entgegen gekommen. Sie genießt es, unabhängig von einer Zentrale entscheiden zu können. Neu sind die Abteilungen für Haustiere und Basteln. Auch Puzzles führt sie jetzt - das hatte ihr London immer verboten.

Ein, zwei, viele Wellworth?

"Ich fühle mich, als käme ich nach Hause", sagt eine Kundin im Vorbeigehen. Das ist es, was Robertson hören will. Sie hat alte Kräfte wie Tricia Wilson aus dem Ruhestand geholt. Die 58-Jährige hatte 23 Jahre bei Woolworth's gearbeitet und soll nun für Kundenzufriedenheit sorgen. "Wir werden eine Schuhabteilung brauchen", sagt sie nach einer ersten Befragung der Kunden. Einlegesohlen, Absätze, danach werde oft gefragt. Das Regal mit den Bilderrahmen hingegen könne man verkleinern. Das sei so umfangreich, weil der neu eingestellte Einkäufer ein Faible für Bilderrahmen habe, sagt sie augenzwinkernd.

Die breite Berichterstattung hat schon Nachahmer auf den Plan gerufen. Mehrere ehemalige Woolworth's-Mitarbeiter aus anderen Städten haben sich bei Robertson gemeldet und wollen ihrem Beispiel folgen. Sie hatte aber noch keine Zeit zu antworten. Sie ist auch skeptisch: Geld von der Bank sei kaum zu bekommen. Sie habe das Glück, einen Finanzier im Rücken zu haben.

Insgeheim hofft sie auch selbst auf eine Expansion, wenn es gut läuft. Sie könnte gleich in ihrer Familie damit anfangen: Ihr Mann war auch Filialleiter bei Woolworth's. Er passt jetzt zuhause auf die beiden Kinder im Alter von 2 und 12 Jahren auf. Bei dem Gedanken, mit ihm zusammen arbeiten zu müssen, winkt sie jedoch ab: "Nein, nein, das würden wir nicht überstehen".



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