Messe für angehende Börsen-Zocker Glücksritter im Hobbykeller

Tausende Deutsche träumen von einer zweiten Karriere als Daytrader. Auf einer Messe in Frankfurt treffen sich die Möchtegern-Börsenhändler, um sich für das große Geschäft zu rüsten - vielen von ihnen droht die große Pleite.

Aus Frankfurt am Main berichtet

Daytrader bei der Arbeit (Archivfoto): Die Jagd nach dem Börsenerfolg
Corbis

Daytrader bei der Arbeit (Archivfoto): Die Jagd nach dem Börsenerfolg


Ab Februar hat Hans Eggers endlich freie Bahn. Dann ist er Rentner und kann sich ganz seiner Leidenschaft widmen. Die Lebensgefährtin verschwindet zur Arbeit und er sitzt allein in seinem Hobbyzimmer oben - so stellt er sich das vor. Vier Laptops hat er dort nebeneinander aufgestellt. Wenn es gut läuft, will er sich bald einen neuen Computer kaufen - "mit sechs Monitoren", wie er sagt.

Hans Eggers heißt eigentlich anders, aber seinen richtigen Namen will er nicht veröffentlicht sehen. Seine Leidenschaft ist die Spekulation: Wetten auf Aktien, Indizes, Währungen. Ein richtiger Händler will er sein. Wobei einer wie er nicht von Handeln spricht, sondern von Traden.

Eggers ist zur "World of Trading" gekommen, einer Messe in Frankfurt, auf der sich alles ums Zocken dreht. Hier will er lernen, sich vorbereiten auf das, was bald so etwas wie sein neuer Beruf sein soll. Die Messe zieht jedes Jahr Tausende Menschen an, die eins gemeinsam haben: Sie wollen spekulieren und damit Geld am Finanzmarkt verdienen. Die einen nebenbei, morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, abends oder nachts. Die anderen den ganzen Tag - quasi hauptberuflich.

Viele hier sind moderne Glücksritter. Sie träumen vom schnellen Geld an der Börse. "Manche haben vielleicht mal einen Gewinn gemacht und wollen jetzt ihren normalen Job aufgeben", berichtet ein Aussteller.

"Dreiecke sind die stärksten Signale"

Die Verlockung ist groß. Noch nie war es für kleine Privatanleger so einfach, bei den Großen mitzumischen und sich als große Händler zu fühlen. Sie brauchen nur einen Computer, ein paar Programme und einen Broker, der ihre Aufträge ausführt.

Messestand mit Moderation: Herren unter sich
SPIEGEL ONLINE

Messestand mit Moderation: Herren unter sich

All das gibt es auf der Trading-Messe. Zu den gut 20 Ausstellern zählen bekannte Banken wie die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die Schweizer UBS. Doch die größten Menschentrauben bilden sich anderswo: Beim Stand des Internetportals Godmodetrader etwa, wo ein junger Mann mit Haar-Dutt und bedruckter Krawatte die Vorzüge des "Ausbruchstradings" erklärt. "Dreiecke sind die stärksten Signale" sagt er und blickt auf einen Bildschirm mit Zickzacklinien. Die älteren Herren im Publikum nicken.

"Es wollen immer mehr Leute Trader werden", sagt Uwe Wagner. "Einige davon denken, dass sie nach drei Jahren mit 'ner dicken Rolex rumlaufen und schnelle Autos fahren." Wagner ist selbst Trader. Früher arbeitete er bei der Deutschen Bank, heute für einen privaten Familienfonds. Nebenbei gibt er Seminare. "Den Leuten wird viel Quatsch erzählt", sagt er. "Die meisten verlieren ihr Geld, weil sie den Job nicht ernst genug nehmen."

"Wir denken nicht in langfristigen Strategien"

Auch Hans Eggers will von Wagner lernen, wie es richtig geht. Knapp 400 Euro hat er bezahlt, um am siebenstündigen Seminar "Ich will Trader werden" teilnehmen zu dürfen. Frühstück und Mittagessen sind inklusive.

Knapp 20 Teilnehmer sind gekommen. Allesamt Männer, der jüngste vielleicht 20, viele im Rentenalter oder kurz davor. Manche tragen dunklen Anzug und weißes Hemd, andere T-Shirt und Kapuzenpulli. Sie sitzen in einem fensterlosen Seminarraum im Licht der Neonröhren. Als Wagner gleich zu Beginn fragt, wer vom Trading leben will, heben fast alle die Hand.

Dozent Wagner bei der World of Trading: "Mit den großen Haien mitschwimmen"
World of Trading Veranstaltungs

Dozent Wagner bei der World of Trading: "Mit den großen Haien mitschwimmen"

Schnauzer, Halbglatze, hellblaues Hemd unter dem Pullover: Wagner sieht nicht so aus, wie man sich einen Investmentbanker vorstellt. Mit Berliner Akzent erklärt er den Teilnehmern, worum es geht: den kurzfristigen Handel, von einer Minute zur anderen. Schwankungen ausnutzen, aufspringen und wieder abspringen. "Uns ist es völlig egal, wo der Dax am Abend steht", sagt Wagner. "Wir denken nicht in langfristigen Strategien. Wir sind die, die mit den großen Haien mitschwimmen, und darauf warten, dass denen mal ein Brocken aus dem Maul fällt."

Wagner rät seinen Zuhörern, erst mal mit Trockenübungen anzufangen, mit einer Simulation, dem sogenannten Papertrading. Erst wenn man nicht mehr nachdenken müsse, wie man reagiert, sei es an der Zeit richtiges Geld einzusetzen. 30.000 Euro Startkapital sollten es schon sein, meint Wagner. Besser wären weitere 30.000. Wer das Geschäft richtig lernen will, kann eine neunmonatige Ausbildung bei ihm belegen. Kostenpunkt: Gut 6000 Euro.

Selbst Profis haben Schwierigkeiten

Viele Experten überzeugt so etwas nicht. Sie kritisieren, dass Privatleute sich massenhaft ins Daytrader-Geschäft stürzen. "Das ist wie im Casino", sagt Stefan Müller, der früher als Händler bei der Dresdner Bank und Leiter des Eigenhandels bei Sal. Oppenheim gearbeitet hat. "Auf Dauer kann man da nicht gewinnen." Erst recht nicht, wenn man aus der Not heraus handele, wie viele Privatleute an der Börse. "Wenn ein Profihändler bei einer großen Bank mal 50.000 Euro verliert, hat er immer noch genug Geld übrig, um es erneut zu versuchen", sagt Müller. "Der Privatmann ist dann vielleicht schon pleite."

Messebesucher in Frankfurt: Auf der Suche nach der Gewinnformel
SPIEGEL ONLINE

Messebesucher in Frankfurt: Auf der Suche nach der Gewinnformel

Selbst für Profis sei es heutzutage fast unmöglich, "den Markt zu lesen", erklärt Müller. Früher hätten die Händler der großen Banken noch auf dem Parkett miteinander gesprochen, bevor sie ihre Kauforders abgaben. "Da wusste man ungefähr, wohin es geht." Heute, im Zeitalter des Computerhandels, sei das unmöglich. Die Trading-Angebote für Privatanleger sind für Müller deshalb nur Geschäftemacherei: "Die wollen die Leute auf ihre Plattformen locken und von ihnen Gebühren kassieren."

30.000 Euro Verlust - an einem Tag

Auch Hans Eggers hat schon viel Geld verloren. Vor ein paar Jahren zockte er mit dem Euro-Dollar-Wechselkurs. Es lief gut, Eggers machte Gewinne, die er immer wieder für neue Wetten einsetzte. Dann verlor er innerhalb weniger Stunden 30.000 Euro. Es war am Tag vor seinem Scheidungstermin.

So etwas soll ihm nicht noch mal passieren.

Heute riskiere er nur noch kleine Summen, sagt Eggers. 200 oder 300 Euro pro Tag, mehr nicht. Neulich habe er so schon früh morgens 120 Euro verdient. "Da fährt man doch mit einem ganz anderen Gefühl zur Arbeit."

Künftig sollen möglichst regelmäßig solche Gewinne rauskommen. Mit seiner Rente könne er "keine großen Sprünge" machen, sagt Eggers. 1000 bis 1500 Euro will er sich deshalb pro Monat mit dem Zocken dazu verdienen. Ein neuer Fernseher mit 189-Zentimeter-Bildschirm wäre toll. Auch deshalb sitzt er bei Uwe Wagner im Seminar.

Doch so richtig zufrieden scheint Eggers noch nicht. Immer wieder hakt er ein, wenn Wagner etwas erklärt. "Jeder muss seine eigene Strategie finden", sagt der 65-Jährige schließlich in der Mittagspause. Er selbst hat da schon einen Plan: Sein Schwiegersohn sei Physiker; vielleicht könne der ihm einen eigenen Computer-Algorithmus programmieren, der für ihn das Handeln übernimmt.

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 26.11.2014
1. lach...
...daytrading ist nicht einfach so zu erlernen...es erfordert viel Erfahrung und hat mit zocken nichts zu tun. Sich den ganzen Tag Charts um die Ohren zu hauen und manchmal nur ein paar Euro verdient zu haben ist nicht jedermanns Sache...im übrigen muss man auch um kleine Beträge zu erwirtschaften, hohe Beträge in den Ring werfen...und wenn das mal schief geht (siehe VW Aktien Hoch) dann ist der Trader schnell ein Harzer....ne ne...nix für mich...lieber kleine Brötchen backen...
bartholomew_simpson 26.11.2014
2. Wenn es richtig schief läuft,
bleibt immer noch die Privatinsolvenz.
pommbaer84 26.11.2014
3. Genau..
Das Geld liegt auf der STraße. Wer glaubt mit sowas langfristig privat erfolgreich zu sein, glaubt auch, dass Firmen Geld zu verschenken haben oder dass Zitronenfalter Zitronen falten.
WwdW 26.11.2014
4. Ouch ein eingener Algorithmus
Ich habe auch so einen Algorithmus für Day-Trader und der heißt: € > /dev/null
jewiberg 26.11.2014
5. Das Geld verschwindet nicht,
es wechselt nur den Besitzer. So wird das bei vielen Daytradern auch laufen. Eine Umverteilung von unten nach oben. Die meisten Hobbyhändler verlieren ihr Geld und wenns schlimm wird auch Haus und Hof. Gewinnen wird die Bank. Wie immer.
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