Wut auf Brause-Multi Umweltschützer geißeln Coca-Colas Wasserverbrauch

Der US-Brausemulti Coca-Cola verbraucht zur Getränkeproduktion enorm viel Trinkwasser - und gerät deshalb immer mehr unter Druck, vor allem in dürregeplagten Entwicklungsländern. Jetzt startete Coke eine neue PR-Offensive, um sein "Wasserbewusstsein" zu demonstrieren.

Von , New York


New York - Wussten Sie schon? Um einen Liter Coca-Cola zu produzieren, sind 2,6 Liter Wasser nötig. Diese Statistik präsentierte die Coca-Cola Company in ihrem letzten Umweltbericht - als ökologischen Fortschritt. Denn dies seien vier Prozent weniger als im Vorjahr, als dafür noch 2,72 Liter Wasser verschleudert wurden. Doch halt: "Änderungen in unseren Mischungen könnte die Produktion wieder wasserintensiver machen", schreibt der größte Brausehersteller der Welt im Nachsatz.

Coca-Cola Chart zeigen und Wasser - ein brenzliges Thema. Umweltaktivisten geißeln den Getränkekonzern aus Atlanta seit langem für seinen exorbitanten Verbrauch: Zuletzt waren es im Jahr 278 Milliarden Liter. "Das ist genug, um den Trinkwasserbedarf der ganzen Welt zehn Tage zu stillen", sagt Amit Srivastava, Koordinator der Protestgruppe India Resource Center, die sich gegen Coca-Colas Abfüllanlagen im dürregeplagten Indien engagiert.

Doch jetzt geht Coca-Cola in die Wasser-Offensive, um sein "Wasserbewusstsein" zu demonstrieren und weiteren Imageschäden vorzubeugen. CEO Neville Isdell gab dem "Wall Street Journal" dazu ein "Interview" - eine verbrämte Presseerklärung, die das Blatt willig auf der Titelseite seines Wirtschaftsteils verbreitete. Darin beteuerte Isdell kreuzbrav: "Wasser ist das Herz unseres Ethos, und der verantwortungsbewusste Verbrauch dieses Rohstoffs ist für uns sehr wichtig."

Quell endlosen Ärgers

Schön gesagt. Aber Wasser ist natürlich nicht nur das ethische Herz für Coke. Sondern auch das geschäftliche Herz dieses Sprudelriesen, der damit im vergangenen Jahr über 24 Milliarden Dollar Umsatz machte. Ohne Wasser gäbe es keine Coke, keine Sprite, keine Fanta, kein Schweppes, keine Lift, kein Dr. Pepper, keine Minute Maid, keinen Nestea, kein Dasani, keine Fresca, keine Powerade, kein Tab, kein Bonaqua und kein Vital - um nur eine Auswahl der über 400 Coca-Cola-Marken zu nennen.

Wobei das ja nicht allein an Coca-Cola liegt. Der Konzern stillt ja nur einen weltweiten Heißdurst. So trinken die Amerikaner im Jahr 282 Liter Wasser und Erfrischungsgetränke pro Kopf, Tendenz steigend. Die Deutschen sind mit 251 Litern kaum weniger schluckfreudig.

Das Dilemma ist nicht nur Isdell bewusst. "Wasser ist unser Lebensblut", heißt es im "Wachstumsmanifest" des Konzerns: Es ist der Hauptbestandteil aller Getränke, es dient der Kühlung und Säuberung der Anlagen und ist auch bei der Zuckerproduktion unerlässlich. Gleichzeitig aber ist Wasser eben auch ein Quell endlosen Ärgers für Coca-Cola, vor allem angesichts der jüngsten Ökowelle in den USA.

Streit in Indien

Etwa kommenden Monat, wenn Coke am 18. April im US-Bundesstaat Delaware seine Jahreshauptversammlung abhält: Da drohen wieder Demos wasserbesorgter Öko-Krieger, wie es sie auch schon im vorigen Jahr gegeben hat. Außerdem stehen lästige Shareholder-Initiativen an, darunter eine, die eine offizielle Studie über die "potentiellen Umwelt- und Gesundheitsschäden" der Coca-Cola-Abfüllanlagen in Indien erzwingen will. Selbst der neue Geschäftsbericht spricht warnend die wachsenden Betriebskosten durch die weltweite Coke-Wasserverschwendung an.

Denn die steht in krassem Gegensatz zur globalen Krise der Trinkwasserversorgung. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind weltweit über 1,2 Milliarden Menschen von trinkbarem Wasser abgeschnitten, die meisten davon dürsten in den Entwicklungsländern. Das sind 20 Prozent der Weltbevölkerung - ein Anteil, der sich der Uno zufolge bis 2025 auf ein Drittel der Menschheit erhöhen dürfte.

Kein Wunder, dass Trinkwasser-Schluckspecht Coke unter Druck gerät. Besonders in Indien, wo zum Beispiel der Bundesstaat Kerala eine große Coca-Cola-Abfüllanlage seit 2004 aus Protest stillgelegt hält - ein ärgerliches Geschäftshemmnis, das Coke bis heute höchstgerichtlich bekämpft und wohl auch da Eindruck schinden will. Die Begründung der Behörden für die Strafaktion: "Armen Dörfer wird das Trinkwasser vorenthalten, weil die Coca-Cola-Fabrik in Plachimada Grundwasser verschwendet, um Getränke für Menschen herzustellen, die anderswo Kaufkraft haben."

"Klassenbester in Wasser-Effizienz"

CEO Isdell bedauert das und sagte dem "Wall Street Journal", Coke habe aus der Indien-Affäre "demütigende Lehren" gezogen: "Es war glasklar, dass wir mit den Leuten dort nicht so in Kontakt standen, wie wir es hätten sollen."

Deshalb hat Coca-Cola in Indien schon vor vier Jahren eigens eine PR-Agentur für Wasserfragen angeheuert. Nicht aus Mitgefühl für die Dürstenden, sondern eher in erster Linie aus Angst ums eigene Image: "Man muss sowohl in Anschein als auch in Realität ein integraler und funktioneller Bestandteil jeder Gemeinde sein, in der man operiert", so Isdell.

Ein erfrischend offenes Statement, das die aquatischen Bemühungen von Coca-Cola ins rechte Licht rücken. So hat Coke die "Global Water Stewardship Initiative" gegründet, eine Initiative zur "Wasserverantwortlichkeit". Und schwört, fortan "Klassenbester" in "Wasser-Effizienz und Abwassermanagement" zu werden und "unterversorgten Ortschaften Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern".

"Nur eine Public-Relations-Übung"

Das Unternehmen betreibt derzeit nach eigenen Angaben 70 Trinkwasserprojekte in 40 Staaten, darunter Kenia, Mali und eben Indien. Es hat seinen Wasserverbrauch - trotz Produktionsanstiegs - reduziert (2002 waren es noch 307 Milliarden Liter), hat bisher 13,4 Millionen Dollar für "wasserbezogene Maßnahmen" ausgegeben (weitere 35 Millionen Dollar seien für 2007 veranschlagt) und zwei Millionen Dollar in die Global Water Challenge investiert, eine Uno-Koalition aus Firmen und Umweltorganisationen, in der unter anderem auch der Megakonzern Procter & Gamble sitzt.

Kritiker geben sich damit nicht zufrieden. So besteht die University of Michigan, die alle ihre Geschäftsbeziehungen zu Coca-Cola wegen der Wasser-Frage seit Anfang 2006 suspendiert hat, weiter auf dieser Entscheidung. Auch Amit Srivastava vom India Resource Center hält die Coke-Initiativen für reines Wassertreten: "Sie sind nichts als eine Public-Relations-Übung."



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