Zahnarztauktionen im Internet Gesundheit unterm Hammer

Im Internet hat ein bizarrer Preiskampf begonnen: Zahn- und Augenärzte können in Auktionshäusern à la eBay Aufträge ersteigern. Den Patienten bringt das  Kosteneinsparungen von Hunderten oder sogar Tausenden von Euro. Doch Ärzteverbände sind entsetzt über das virtuelle Feilschen um die Gesundheit.


Hamburg - Doctorbest und Doktor-Implantat bieten sich gen Ende der Auktionen gerne noch ein letztes Preisgefecht. Die Zahnärzte mit den putzigen Pseudonymen sind im Ersteigern von Aufträgen schon alte Hasen - und bei den Usern von www.2te-zahnarztmeinung.de äußerst beliebt. "Eine praktisch schmerzfreie Implantation hätte ich nicht für möglich gehalten!", jubelt da etwa Wumbaba13. Und das Wichtigste: Bei Doktor-Implantat habe er für seinen Zahnersatz nur 1150 Euro zugezahlt. Sein alter Zahnarzt wollte einst 2523 Euro von ihm haben.

Zahnarzt bei der Behandlung: "Die Nachfrage ist riesig"
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Zahnarzt bei der Behandlung: "Die Nachfrage ist riesig"

Das Prinzip des Internetauktionshauses ist schlicht: Der Patient stellt den Heil- und Kostenplan, den sein Zahnarzt für eine Behandlung aufgestellt hat, gegen eine Gebühr von 2,50 bis 7,50 Euro ins Netz. Die registrierten Zahnmediziner können neue Angebote abgeben - am Ende sucht sich der Kunde eines aus. Dem Internet-Auktionshaus zufolge sparen die Patienten so im Schnitt 56 Prozent der ursprünglich veranschlagten Kosten. Damit sie sich wenigstens ein ungefähres Bild davon machen können, wo sie schließlich auf dem Behandlungsstuhl landen, werden doctorbest und Co. in einem Forum bewertet - drei Zähne stehen für gut, ein schwarzer für miserabel.

Über 15.000 Patienten nutzen die Website schon. Rund 600 registrierte Zahnmediziner buhlen um ihre Aufträge. "Das sind junge Ärzte, die sich einen Patientenstamm aufbauen wollen oder Leute, deren Praxen in Randgebieten liegen", erklärt Holger Lehmann, der die Seite vor eineinhalb Jahren startete. "Und manchen macht es auch einfach Spaß zu zocken", erklärt der Betriebswirt freimütig. Die Auktionslust seiner Kunden bringt ihm selbst nicht nur die Patientengebühren, sondern auch satte 20 Prozent des jeweiligen Arzthonorars. Lehmann ist längst nicht mehr der einzige, der diese Marktlücke nutzt. Die Websites Zahngebot.de, zep24.de und dentcomp.de folgen dem gleichen oder einem ähnlichen Prinzip.

"Die Nachfrage nach Schönheits-OPs ist riesig"

Die vor zwei Wochen gestartete Seite arzt-preisvergleich.de lässt neben Zahnbehandlungen sogar schon Laseroperationen für Kurzsichtige versteigern. Ab Juli sollen physiotherapeutische Behandlungen dazukommen - und bald könnten selbst Brustvergrößerungen und Nasenkorrekturen auf der Seite gehandelt werden. "Wir sammeln gerade Anfragen von Patienten für Schönheits-OPs. Die Nachfrage ist riesig", sagt Andreas Hörr, der die Seite betreibt.

Der Unternehmensberater gibt sich alle Mühe, dem Projekt einen möglichst seriösen Anstrich zu verleihen. Man wolle vor allem mehr Transparenz in das Gesundheitssystem bringen, versichert Hörr, und die Politik "ein bisschen provozieren". Für die fachliche Beratung gibt es einen Beirat mit acht Ärzten. Hörrs Partner, der Betriebswirt Claudius Schikora, kann mit zwei Doktortiteln aufwarten, die freilich nichts mit Medizin zu tun haben. Natürlich - irgendwann wolle man schon auch etwas mit dem Projekt verdienen, sagt Hörr.

Die Krankenkassen stehen dem virtuellen Feilschen um die Gesundheit durchaus offen gegenüber. Die 2te-Zahnarztmeinung arbeitet bereits mit Versicherern zusammen, deren Kunden den Service kostenlos in Anspruch nehmen können. Und Andreas Hörr zufolge drängen die Kassen geradezu darauf, dass endlich auch ein Forum für Schönheits-Chirurgie angeboten wird. Hintergrund sei der zunehmende OP-Tourismus ins Ausland - und die häufigen unerwünschten und teuren Nebenwirkungen, mit denen sich dann die Kassen rumschlagen müssten.

Bei der Betriebskrankenkasse mhplus, die offen das Entstehen von Hörrs Seite lobte, klingt das allerdings vorsichtiger. "Es ist sinnvoll, wenn es Möglichkeiten zum Preisvergleich gibt", sagt Sprecher Michael Pfeiffer. Von vornherein ablehnen will er die Brust-OP per Internetauktion aber nicht.

"Ausdruck einer Geiz-ist-geil-Mentalität"

Die Bundesverbände der Ärzte und Zahnärzte dagegen sind entsetzt. "Solche Seiten sind auf rein ökonomische Aspekte reduziert", erklärt etwa Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. "Da gibt ein Arzt ein Preisangebot ohne Untersuchung auf Basis völlig unzureichender Informationen ab", moniert er. Selbst wenn das nicht verbindlich sei - die Ärzte würden viel zu stark unter Druck gesetzt. "Das ist Ausdruck so einer Geiz-ist-geil-Mentalität, dabei geht es da um den eigenen Körper", sagt auch ein Sprecher von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. 

Auch das Bundesgesundheitsministerium schaltete sich letztes Jahr ein, als eine Augenbehandlung in einem herkömmlichen Internet-Auktionshaus angeboten wurde. "Die Versteigerung ärztlicher Leistungen im Internet entspricht nicht dem ärztlichen Berufsethos", hieß es in einer Erklärung, mit der die Ärztekammern aufgefordert wurden, solchen Fällen vorzubeugen. 

Die Stiftung Warentest stellt dagegen zumindest den Seiten für Zahnärzte ein überraschendes Zeugnis aus. Für die Juni-Ausgabe von "Test" ließ sie mehrere Personen die Angebote testen - die in der Regel zufrieden waren. "Es sind schon Einsparungen von bis zu 60 Prozent möglich", resümiert der verantwortliche Redakteur Carl-Friedrich Theill. "Da wird der Wettbewerbsgedanke gestärkt und es funktioniert", sagt Theill.

Solche Komplimente hört Holger Lehmann gern. Er inszeniert sich lieber als Streiter im Kampf gegen das undurchsichtige Gesundheitssystem denn als Geschäftsmann. "Ich will doch nur ein Gefühl für Preise erzeugen." Von 15 Prozent Marktanteil träumt er schon. Zurzeit erstellen seine Internetdoktoren allerdings erst 0,3 Prozent aller Heil- und Kostenpläne. Doch auch Stiftung-Warentest-Experte Theill glaubt: "Dieser Markt wird sich explosionsartig vergrößern."



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