Zeltstädte in Amerika Amerikas Alptraum kehrt zurück

Durch die Rezession verlieren immer mehr US-Bürger ihr Heim, suchen Zuflucht in illegalen Zeltstädten. An den Stadträndern wachsen Armensiedlungen - und Ängste vor einer Massenobdachlosigkeit wie in der Großen Depression. SPIEGEL ONLINE hat Amerikas neue Obdachlose besucht.

Von , Sacramento


Sacramento - Amerikas berühmteste Armenstadt steht auf einem Strich Ödland neben einer Bahnstrecke nahe Sacramento. Entlang des American River stehen Hunderte Zelte, viele davon in dichten Trauben auf dem Feld, manche versteckter im nahe gelegenen Gebüsch. Stromleitungen ziehen waagerechte Linien in den Himmel. In unregelmäßigen Abständen donnern Züge vorbei.

Aussteiger leben hier, Kleinkriminelle und Drogensüchtige. Und neuerdings auch immer mehr Menschen, die durch die Wirtschaftskrise ihr Heim verloren haben. Es ist ein Ort, an dem die Rezession unverhüllt ihre Fratze zeigt.

Zwischen den Zelten liegen Hamburger-Verpackungen, Fahrräder und kaputte Holzplanken. Der Bauch einer Ginflasche ragt kopfüber aus dem Sand. Ein Mann mit tätowiertem Rücken zieht einen Bollerwagen mit Plunder durchs Lager. Eine Frau im Feinrippunterhemd hängt zwischen zwei Flussbirken Wäsche auf. In der Ferne hinter ihr glitzert die Skyline Sacramentos.

Bilder wie diese schockieren derzeit Amerika, obwohl es sie dort schon seit Jahren gibt: Die wachsende Zeltstadt weckt im kollektiven Gedächtnis schlimme Erinnerungen, sie wirkt wie eine Miniaturversion der Hoovervilles der Großen Depression. Hunderttausende Amerikaner verloren damals Haus und Hof. Manche lebten jahrelang in Zelten, Autos und Wellblechhütten. Mitte der dreißiger Jahre übernahmen die Obdachlosen in manchen Städten ganze Viertel. Viele haben jahrelang weggesehen, doch jetzt - auch durch die wachsende Aufmerksamkeit der Medien - rückt die Angst wieder ins Bewusstsein.

Dass die Armensiedlung in Sacramento bald ähnliche Ausmaße erreicht, zeichnet sich zwar noch nicht ab. Die sozialen Netze sind heute dichter, die politischen Möglichkeiten, der Krise entgegen zu wirken, weiter entwickelt. Dennoch avanciert die Zeltstadt zu einer Projektionsfläche der um sich greifenden Rezessionsangst. Sie symbolisiert die allmähliche Rückkehr des amerikanischen Alptraums: den Verlust des Eigenheims, das Abrutschen immer breiterer Gesellschaftsschichten in die Obdachlosigkeit, das Comeback der Massenarmut.

Aus einem offenen Zelt ist rasselndes Husten zu hören. Eine Frau mit strähnigem Haar sitzt vorne übergebeugt auf einer Luftmatratze. Ihr Gesicht ist mit Pusteln übersät. Sie stellt sich als Rainbow Singer vor und erzählt, dass sie eine halbe Cherokee ist.

Vor sieben Monaten verlor Rainbow ihren Job als Türsteherin und Teilzeit-Bodyguard bei einer Sicherheitsfirma. Kurz darauf schmiss man sie aus ihrer Wohnung in Sacramento. Für eine Weile wohnte Rainbow im staatlichen Obdachlosenheim. Mit sieben Frauen teilte sie sich dort einen engen Schlafsaal. Dann bekam eine von ihnen eine bakterielle Lungenentzündung, und Rainbow steckte sich an. Die Kranken wurden im Heim nicht von den Gesunden getrennt. Rainbow zog aus. Sie sagt, sie wohne lieber allein auf einem Feld als mit Kranken in einem schmutzigen Zimmer.

Zeltstädte wachsen am Rande der Städte

Rainbow sagt auch, dass sie in der Zeltstadt bleiben will. Dass sie aus Holzperlen und Schnüren Schmuck flechtet, um etwas Geld zu verdienen. Und dass sie keine Angst habe vor den Trinkern und Crack-Junkies, deren Gegröle bisweilen über den Hügel bis zu ihrem Zelt zu hören ist. Ein Mann namens Spider passe auf sie auf.

Mehr als ein Dutzend Zeltstädte haben sich nach Angaben der National Coalition for the Homeless (NCH) in Amerika gebildet. Die Siedlung, in der Rainbow lebt, zählt zusammen mit einem Lager in St. Petersburg, Florida, zu den größten. Aber auch in Fresno, in Portland, Phoenix oder Seattle wachsen die Zeltstädte.

Die NCH schätzt, dass 44 Prozent aller obdachlosen Amerikaner unter freiem Himmel oder im Auto schlafen. Das sogenannte Section-8-Programm, das ihnen Wohnungen bezuschusst, ist oft auf Jahre ausgebucht. Soziale Einrichtungen beklagen Überfüllung. Dabei werden sie von vielen Armen wegen strenger Benimmregeln ohnehin nicht genutzt. In vielen Heimen herrscht striktes Alkoholverbot, Frauen und Männer müssen getrennt schlafen, Haustiere müssen draußen bleiben, und eigenes Essen darf nicht mitgebracht werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
albgardis 05.04.2009
1. Schon wieder so ein schwuelstiger Artikel!
Es ist wirklich nervig, wie hier versucht wird, Meinung zu machen. Wer hier in den USA obdachlos wird, hat einfach zu lange zu viel falsch gemacht. So aehnlich wie in Deutschland auch. Niemand verliert hier ueber nacht sein Haus!! Das Maerchen von den armen, armen Menschen, die ja so ungerechterweise ihr Eigenheim durch die Kreditkrise verloren haben, ist auch in der 768sten Wiederholung immer noch nicht wahr. Aber es macht sich wohl gut im deutschen Zeitschriftenmarkt... Wer hier bloederweise die sogenannten "variablen" Kreditvertraege unterschrieben hat, ist nun mal selber schuld. Wer im Antragsformular sein Einkommen 6-8-fach ueberhoeht, weil er weiss, dass er andernfalls den Kredit nicht bekommt, der sollte doch schon ahnen, dass er sich die Raten gar nicht leisten kann. Die Bank fragt ja nicht umsonst nach dem Einkommen. Und wer einen Kreditvertrag abschliesst, dessen Zinsen NICHT festgeschrieben sind (also "variabel"), der erlebt eben die "Ueberraschung", dass die Zinsen ploetzlich in die Hoehe schnellen und man die Rate nicht mehr aufbringen kann. Dieses Verhalten ist genauso bloed, wie wenn einer in Deutschland bei einem kriminellen "Paten" Geld leiht und sich dann wundert, wenn dieser im Falle der Nichtrueckzahlung einen Knochenbrecher vorbeischickt. So'was weiss man doch, und man macht es einfach nicht! Und wer kein Einkommen hat, der kann eben auch keine Rate fuer's Haus zahlen! Ich begreife bis heute nicht, wie diese Leute uebehaupt Hauskredite bekommen haben. Ich habe gehoert, das soll so politisch gewollt gewesen sein, damit auch die sogenannten Minderheiten Eigenheime besitzen konnten. Sollen sie doch. Aber ganz ohne Einkommen, oder nur mit Mindestlohn (5 Dollar-noch'was brutto) klappt's nun 'mal nicht. Ach, und nun hat Oprah das Thema angeruehrt. Na dann! Die hat 'ne Menge an Popularitaet verloren, nachdem sie ihren Wunschkandidaten bei ihrer Klientel so durchgepaukt hat. Angesichts 300 Millionen US-Einwohnern sind diese Zeltstaedte wirklich ueberbewertet. Man koennte nach dem Lesen dieses Artikels ja fast den Eindruck bekommen, es stuende den Amerikanern Massenobdachlosigkeit bevor. Ich lebe hier seit Jahren, und ich kann das auf keinen Fall bestaetigen. Es wird immer Obdachlose, Drogensuechtige und Kleinkriminelle geben, die so hausen. Voellig unanhaengig von der Wirtschaftlage!!! Jawohl, auch in Boomzeiten gibt es die. Bloss dann guckt da keiner hin, Oprah berichtet dann lieber aus Afrika, und der Spiegel berichtet auch ueber anderes. Also, wieder 'mal nur fuer's Zeilenhonorar geschieben? Gab es denn nichts anderes zu berichten? Gab's denn gestern nichts Bloedes im deutschen Fernsehen, das man haette verreissen koennen?
kdshp 05.04.2009
2. ....aw
Zitat von sysopDurch die Rezession verlieren immer mehr US-Bürger ihr Heim, suchen Zuflucht in illegalen Zeltstädten. An den Stadträndern wachsen Armensiedlungen - und Ängste vor einer Massenobdachlosigkeit wie in der Großen Depression. SPIEGEL ONLINE hat Amerikas neue Obdachlose besucht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,616671,00.html
Hallo, das ist doch der "American Way of Life" ! Es gehört da ja nicht nur das HOCH dazu sondern auch das TIEF wie jetzt. Also mir tuen diese leute nicht leid und ich denke die sich selber auch nicht (ausnahmen ausgenommen). Was mich eher wundert ist das noch keiner daraus was gemacht hat zb. einen Campingplatz eröffnet. Platz umsonst aber wasser, strom und toilette kosten eben was.
Mitti 05.04.2009
3. Menschlichkeit
Mich macht solch ein Artikel durchaus betroffen. In einem Land wie den USA sollte niemand dauerhaft in Zelten leben müssen, auch wenn er an seiner Misere nicht unschuldig ist. Mir tun diese Leute leid.
Kapnix, 05.04.2009
4. pov
Zitat von albgardisEs ist wirklich nervig, wie hier versucht wird, Meinung zu machen. Wer hier in den USA obdachlos wird, hat einfach zu lange zu viel falsch gemacht. So aehnlich wie in Deutschland auch. Niemand verliert hier ueber nacht sein Haus!! Das Maerchen von den armen, armen Menschen, die ja so ungerechterweise ihr Eigenheim durch die Kreditkrise verloren haben, ist auch in der 768sten Wiederholung immer noch nicht wahr. Aber es macht sich wohl gut im deutschen Zeitschriftenmarkt... Wer hier bloederweise die sogenannten "variablen" Kreditvertraege unterschrieben hat, ist nun mal selber schuld. Wer im Antragsformular sein Einkommen 6-8-fach ueberhoeht, weil er weiss, dass er andernfalls den Kredit nicht bekommt, der sollte doch schon ahnen, dass er sich die Raten gar nicht leisten kann. Die Bank fragt ja nicht umsonst nach dem Einkommen. Und wer einen Kreditvertrag abschliesst, dessen Zinsen NICHT festgeschrieben sind (also "variabel"), der erlebt eben die "Ueberraschung", dass die Zinsen ploetzlich in die Hoehe schnellen und man die Rate nicht mehr aufbringen kann. Dieses Verhalten ist genauso bloed, wie wenn einer in Deutschland bei einem kriminellen "Paten" Geld leiht und sich dann wundert, wenn dieser im Falle der Nichtrueckzahlung einen Knochenbrecher vorbeischickt. So'was weiss man doch, und man macht es einfach nicht! Und wer kein Einkommen hat, der kann eben auch keine Rate fuer's Haus zahlen! Ich begreife bis heute nicht, wie diese Leute uebehaupt Hauskredite bekommen haben. Ich habe gehoert, das soll so politisch gewollt gewesen sein, damit auch die sogenannten Minderheiten Eigenheime besitzen konnten. Sollen sie doch. Aber ganz ohne Einkommen, oder nur mit Mindestlohn (5 Dollar-noch'was brutto) klappt's nun 'mal nicht. Ach, und nun hat Oprah das Thema angeruehrt. Na dann! Die hat 'ne Menge an Popularitaet verloren, nachdem sie ihren Wunschkandidaten bei ihrer Klientel so durchgepaukt hat. Angesichts 300 Millionen US-Einwohnern sind diese Zeltstaedte wirklich ueberbewertet. Man koennte nach dem Lesen dieses Artikels ja fast den Eindruck bekommen, es stuende den Amerikanern Massenobdachlosigkeit bevor. Ich lebe hier seit Jahren, und ich kann das auf keinen Fall bestaetigen. Es wird immer Obdachlose, Drogensuechtige und Kleinkriminelle geben, die so hausen. Voellig unanhaengig von der Wirtschaftlage!!! Jawohl, auch in Boomzeiten gibt es die. Bloss dann guckt da keiner hin, Oprah berichtet dann lieber aus Afrika, und der Spiegel berichtet auch ueber anderes. Also, wieder 'mal nur fuer's Zeilenhonorar geschieben? Gab es denn nichts anderes zu berichten? Gab's denn gestern nichts Bloedes im deutschen Fernsehen, das man haette verreissen koennen?
Irgendwie scheint der Artikel nicht in Ihr Weltbild zu passen.
Yami 05.04.2009
5. america the beautiful
ich frage mich,was amerikaner unter einer gesellschaft verstehen(jedenfalls nicht die starken helfen den schwachen).in einem der reichsten länder der welt leben leute in zelten und den rest tangiert das nicht.millarden für banken und der normalo soll aber bitte die nacht im zelt verbringen,selber schuld.abartig. die sollen erstmal ein soziales netz schaffen, das man nicht bis auf den boden fällt und ne krankenversicherung für alle, bevor sie wieder in den krieg ziehen.
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