Zeugenaussage Angeklagter im Atomprozess schwer belastet

Im Mannheim bemüht sich die Strafkammer des Landgerichts, die Hintergründe des Atomwaffenhandels mit Libyen und Iran auszuleuchten. Nach der ersten Zeugenaussage gerät der angeklagte deutsche Ingenieur Gotthard Lerch schwer unter Druck.

Von Wolfgang Frey, Mannheim


Mannheim - Lerch soll dem libyschen Revolutionsführer Muammar al Gadaffi Technologie für sein Atomprogramm verkauft haben. Die Aktivitäten waren aufgeflogen, als im Oktober 2003 das deutsche Schiff "BBC China" abgefangen wurde, das Teile für Fabrikationsanlagen für die Anreicherung von Uran geladen hatte. Abdul Kadir Khan, Vater der pakistanischen Atombombe und Kopf der Atommafia, hat bereits zugegeben, Nukleartechnik an Iran, Nordkorea und Libyen verraten zu haben.

Als Zeuge bestätigte gestern der walisische Geschäftsmann Peter Griffin einige Details, die die engen Verbindungen Lerchs zu dem Atomwaffenschmugglerring belegen. Griffin hat nach eigenem Bekunden Fließdruckmaschinen und Drehbänke an Khans Chefeinkäufer Buhary Seyed Abu Tahir geliefert. Er habe allerdings nicht gewusst, dass diese Maschinen auch zum Bau von Gas-Ultrazentrifugen verwendet werden könnten. Die Uran-Anreicherungstechnik mittels Gas-Ultrazentrifugen wurde in Deutschland entwickelt und dient zurzeit auch dem iranischen Mullah-Regime zur Umsetzung seines Atomprogramms.

1986 sei er Zeuge eines Streits in Tahirs Büro geworden, als er während eines Geschäftsbesuchs in Dubai bei Tahir vorbeigeschaut hätte. "Da hat Herr Lerch geschrieen, 'was ist mit meinen zwei Millionen Schweizer Franken?'", sagte Griffin. "Dann hat Lerch so was gesagt, wie 'Ich will mein Geld!'". Neben Tahir sei auch der mutmaßliche Zwischenhändler des Netzwerks in Dubai, Mohammed Farooq, bei dem Gespräch anwesend gewesen, sagte Griffin aus.

Vielseitig verwendbare Maschinen

Ein weiteres Detail von Griffins Aussage belegt die Verbindung zwischen Lerch und der Atommafia: Er selbst habe Lerch im Auftrag Tahirs 25.000 Schweizer Franken überwiesen, erklärte Griffin. Das Geld habe er später von Tahir zurückbekommen. Das sei eine "private" und "angemessene Bitte" Tahirs gewesen, die er nicht habe weiter hinterfragen müssen, sagte Griffin auf Nachfrage des Gerichts.

Er selbst habe im Übrigen von der Technik der Gas-Ultrazentrifuge erst im Februar 2004 erfahren, als Tahir, den er als ehemals guten Freund bezeichnete vor der malaysischen Polizei ausgepackt und ihn selbst belastet hatte: "Ich habe das erst dann im Internet recherchiert, um zu sehen, in was mich Tahir da hineingezogen hat." Dass Khan und Tahir mit Nukleartechnik zu tun gehabt hätten, hätte er schon gewusst. Seine Maschinen seien allerdings vielseitig und auch für zivile Zwecke nutzbar gewesen. Deshalb habe er sich dabei nichts gedacht, so Griffin sinngemäß vor Gericht.

Lerchs Anwalt Gottfried Reims bemühte sich am gestrigen Verhandlungstag, die anderen Beteiligten des Waffenschmuggelrings als die eigentlich Verantwortlichen darzustellen. Dazu gehört auch der Schweizer Ingenieur Urs Tinner, der Ende 2004 in Deutschland verhaftet wurde und seitdem in Untersuchungshaft in der Schweiz sitzt. Zusammen mit seinem Vater Friedrich und seinem Bruder Marco soll der nach den Erkenntnissen der Ermittler Teile für Gaddafis Bombenprogramm gebaut haben.

Pläne für die Bombe

Reims verwies auf einen Vermerk eines Beamten des deutschen Zollkriminalamts, der am Verhör von Tinner beteiligt gewesen war, als dieser noch in deutscher Haft saß: Danach habe Tinner zugegeben, Konstruktionspläne von der Atombombe in seinem Büro gehabt zu haben. Erhalten haben will Tinner die Pläne von Tahir. "Diese Originalzeichnungen aus den achtziger Jahren sind offensichtlich Konstruktionspläne zum Bau einer Atombombe", sagte Reims gestern vor Gericht.

Zehn Tage nach der Vernehmung habe die deutsche Bundesanwaltschaft den Schweizer Vize-Bundesanwalt Alberto Fabbri kontaktiert und um eine Durchsuchung der PhiTec-Firmenräume gebeten. Bis heute gebe es darauf aber keine offizielle Antwort in den Akten, monierte Reims. "Wenn ich Ermittler wäre, würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um die Unterlagen zu bekommen."

Tinner hat bislang offiziell alle Vorwürfe zurückgewiesen. Laut Reims hat er dem deutschen Zollbeamten jedoch erzählt, die Pläne an die internationale Atomenergiebehörde IAEA weitergegeben zu haben. Beobachter vermuten, dass sich Tinner von dieser Zusammenarbeit mit der IAEA Erleichterungen im Verfahren gegen ihn erhofft.



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