Zinssenkung Warum die EZB der Fed nicht folgt

Nach dem überraschend radikalen Zinsschritt der US-Notenbank werden die Rufe nach einer Intervention der Europäischen Zentralbank immer lauter. Doch die Zinswächter zieren sich noch – sie wollen ihr Pulver trocken halten.

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Berlin – Für kurze Zeit hatte es so ausgesehen, als könne die Fed den Albtraum einfach beenden. Die Leitzinssenkung hatte den Kursrutsch an der Wall Street selbst für Fachleute unerwartet stark abgebremst. Die Notenbank von Kanada war der Fed gestern sofort gefolgt und hatte ihren Schlüsselzins um 25 Basispunkte reduziert. Der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, deutete eine Zinssenkung für Februar an, um die Konjunktur in Großbritannien zu stützen

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Und heute, so die Hoffnung, würde die Europäische Zentralbank nachlegen und die Gemüter endgültig beruhigen. "Wonach die Märkte derzeit verzweifelt suchen, ist Führung", sagte John Studzinski von der Beteiligungsfirma Blackstone Chart zeigen vor Beginn des Weltwirtschaftsforums heute in Davos. "Und es sieht so aus, als würde das fehlen."

Auch Experten der Commerzbank Chart zeigen forderten - zumindest indirekt - eine Leitzinssenkung. Die Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems und die Konjunktur, die jetzt das Handeln der Fed bestimmt hätten und in der ersten Jahreshälfte weiter bestimmen würden, sollten auch die Einschätzung der EZB zunehmend beeinflussen, schrieben die Experten in einer Analyse.

Von der Panik an den Börsen will sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet jedoch nicht treiben lassen. Es sei noch zu früh, um Schlüsse aus der Korrektur an den Finanzmärkten zu ziehen, sagte er heute bei einer Anhörung vor EU-Parlamentariern in Brüssel. Die Neubewertung an den Märkten setze sich fort, und zwar auf verschiedenen Ebenen.

EZB als Fels in der Brandung

Für Trichet ist die EZB in dieser Situation der Fels in der Brandung: "In schwierigen Zeiten von Finanzmarktkorrekturen und Turbulenzen ist es die Pflicht der Zentralbank, Inflationserwartungen einen festen Anker zu geben und zusätzliche Preisschwankungen auf bereits sehr volatilen Märkten zu vermeiden." Das sei es, was die EZB seit Beginn der Turbulenzen im August vergangenen Jahres tue.

Tatsächlich fühlt sich die EZB in erster Linie der Geldwertstabilität verpflichtet. Zinssenkungen für einen kurzfristigen Wachstumsimpuls sind dagegen verpönt - ein Credo, das die Vertreter der EZB schon seit ihrer Gründung fast gebetsmühlenartig verbreiten. Eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent gilt für sie als das Maß der Dinge.

Die klare Position täuscht allerdings ein wenig über die Schwierigkeiten hinweg, in der sich die Notenbanker derzeit befinden. Denn während weltweit die Wachstumsraten fallen – in den USA spricht etwa Goldman-Sachs Chart zeigen-Chefvolkswirt Jim O'Neill sogar bereits von einer Rezession – steigen die Verbraucherpreise in einem ungewohnten Maß. Der Grund: der dramatische Anstieg der Preise für Rohstoffe und Energie. "Wenn die EZB diese Politik konsequent verfolgen würde, müsste sie die Leitzinsen sogar erhöhen", sagt Henrik Enderlein, Professor an der Hertie School of Governance.

Möglichkeiten sind begrenzt

Trotzdem plädiert der Experte für eine spürbare Senkung der Zinsen. "Die EZB müsste dafür noch nicht einmal ihre Ziele verraten", erklärt er. Denn für die Festlegung des Leitzinses sei die Vorausschau für die kommenden sechs bis zwölf Monate entscheidend. "Und in Anbetracht des zu erwartenden Abschwungs dürfte die Inflationsrate sinken."

Dass eine solche Entscheidung mit einem gewissen Risiko verbunden ist, gibt auch Enderlein zu. Denn dass die Preise in Folge der Konjunkturabschwächung sinken werden, ist diesmal durchaus fraglich. Zu hoch ist die Nachfrage aus den boomenden Schwellenländern. Damit aber würde eintreffen, was nicht nur den Notenbankern schlaflose Nächte bereitet: die so genannte Stagflation.

Für Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel ist diese Aussicht Grund genug, erst einmal abzuwarten und die Zinsen auf dem derzeitigen Niveau zu belassen. "Die Nervosität an den Börsen dürfte ein solcher Schritt kaum lindern", gibt er zu bedenken. "Dafür ist der Druck auf die Kurse viel zu groß". Eine Senkung der Leitzinsen dagegen könnte umgekehrt sogar als Signal gedeutet werden, dass es noch viel schlimmer steht als alle befürchteten.

"Die Möglichkeiten, mit Hilfe einer expansiven Geldpolitik die Konjunktur anzukurbeln, sind sehr begrenzt", sagt der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz der "Berliner Zeitung". Eine zu schnelle Absenkung wertet Franz sogar als gefährlich: Wenn die Banken den Eindruck bekämen, die Fed helfe ihnen aus jeder Krise, würden sie noch risikofreudiger, wenn nicht leichtsinniger.

Mit Material von Reuters



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