Zinssenkungen verpufft Kreditmangel drückt Wirtschaft in tiefe Rezession

Die Wirtschaft in der Schockstarre: Die Notenbank schraubt den Leitzins tiefer und tiefer, aber die Unternehmen haben nichts davon. Immer mehr Konzerne klagen über Probleme, an Kredite zu kommen. Deutschland droht die tiefste Rezession seit 1949.

Von und Jan Hauser


Hamburg - Es ist der bisherige Negativrekord der Konjunkturprognosen: Norbert Walter, Chefsvolkswirt der Deutschen Bank, prognostiziert, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 2009 um bis zu vier Prozent schrumpfen wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür betrage ein Drittel.

Andere Top-Ökonomen halten diese Prognose zwar für überzogen. In einem Punkt aber sind sie sich weitgehend einig: Bis mindestens Mitte 2009 dürfte die Wirtschaft weiter einbrechen - und zwar EU-weit. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, rechnet für 2009 mit eine Konjunkturrückgang um 1,2 Prozent - vielleicht sogar mehr. "Für Deutschland wäre das die schärfste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg."

Autoproduktion: Nach der Rezession "ein Aufschwung, der den Namen nicht verdient hat"
Getty Images

Autoproduktion: Nach der Rezession "ein Aufschwung, der den Namen nicht verdient hat"

Der Commerzbanker glaubt: Die Rezession wird lange dauern, und nach 2009 wird es keinen klassischen Aufschwung geben - denn die Immobilienpreise in den USA und vielen europäischen Ländern werde weiter sinken. Krämers Blick in die Zukunft klingt düster: "Nach dem Ende der Rezession wird sich eine blutleere Aufwärtsbewegung anschließen, die den Namen Aufschwung nicht verdient."

Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.
Europas Zentralbank sieht die Lage ähnlich pessimistisch. Die Wirtschaft im Euro-Raum werde 2009 um real 0,5 Prozent schrumpfen, sagte Notenbank-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag. Die EZB hat deshalb mit einem historischen Schritt gegengesteuert: Sie hat den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent reduziert. Auch in einzelnen europäischen Staaten senken die Zentralbanken den Leitzins in großem Stil.

Das Problem nur: Real zeigt die Zinspolitik der Notenbanken derzeit kaum den gewünschten Effekt.

Für Deutschland veröffentlichte das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung gerade eine neue Studie. Rund ein Drittel von 4000 befragten Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft kritisiert eine zuletzt stärkere Zurückhaltung der Banken, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Das war der schlechteste Wert seit März 2006. Allerdings waren die Daten in den schwachen Wirtschaftsjahren 2003 bis 2005 noch wesentlich negativer. Von einer Kreditklemme wollte Sinn nicht sprechen. "Aber die Kredithürde wird höher."

Insbesondere Großunternehmen klagten darüber, dass die Kreditvergabe restriktiv sei. Hier liege die Quote bei rund 40 Prozent - doppelt so hoch wie noch im August. Der Grund: Kredite an große Konzerne würden für Banken derzeit vor allem eins bedeuten: große Risiken.

"Eine blutleere Aufwärtsbewegung"

In den vergangenen Jahren hatte die Leitzinssenkung stets einen Effekt auf die Realwirtschaft. Der bleibt dieses Mal aus. Die Notenbanken kämpfen mit dem Machtverlust.

"Die Zinssenkung schadet nicht", sagt Konjunkturexperte Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Aber bringen tut es auch nicht viel." Geldpolitik sei in der Finanzkrise wirkungsloser geworden. "Die Banken geben die Zinssenkung vielleicht gar nicht in dem früher beobachteten Umfang weiter", sagt Dreger.

Der Leitzins ist der zentrale Zinssatz, zu dem die EZB den Banken frisches Geld zur Verfügung stellt. Das Institut nimmt mit ihm indirekt Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Indem die EZB den Banken günstig Geld leiht, versucht sie, den sogenannten Interbankenmarkt anzukurbeln. Damit sind in erster Linie die Kredite gemeint, die sich Banken untereinander geben. Mit dem Kapital finanzieren die Banken dann etwa Unternehmen neue Geschäfte und kurbeln so die Wirtschaft an. Soweit die Theorie.

Leitzinssenkungen seit 1999: Klicken Sie auf die Grafik, um die Übersicht angezeigt zu bekommen
Deutsche Bundesbank

Leitzinssenkungen seit 1999: Klicken Sie auf die Grafik, um die Übersicht angezeigt zu bekommen

Die Realität dagegen sieht so aus: Bereits zum dritten Mal seit dem Sommer hat die EZB den Leitzins gesenkt. Der Rekorderhöhung um 0,75 Prozentpunkte gingen zwei kräftige Zinsschritte um jeweils 0,5 Prozent voran (siehe Grafik). Doch die Wirkung auf den Europäischen Interbankenmarkt verpuffte weitgehend.

Zwar ist der Referenzzinssatz für Termingelder in Euro - der Euribor - in den letzten beiden Monaten deutlich gesunken. Am 9. Oktober stand der Zinssatz für Drei-Monats-Kredite noch bei knapp 5,4 Prozent, am 3. Dezember nur noch bei 3,74 Prozent. Das aber bedeutet nur, dass die Banken sich untereinander wieder günstiger Geld leihen. Gegenüber Unternehmen verfolgen sie nach wie vor eine strenge bis restriktive Kreditpolitik.

Insgesamt ist der Effekt der Zinssenkungen auf die Konjunktur nicht allzu hoch, sagt DIW-Forscher Dreger. Eine Verminderung um einen Prozentpunkt könne die Konjunktur nur um ungefähr 0,2 Prozent steigern. Zudem entfalte ein Leitzinsschritt erst mit gehöriger Verzögerung seine Wirkung auf die Realwirtschaft - nämlich dann, wenn die Unternehmen die Investitionen realisieren, für die sie die Kredite aufgenommen haben. "Bei der New-Economy-Blase haben Zinssenkungen in den USA erst nach einem Jahr gewirkt", sagt Dreger. "Im Euro-Raum dürfte es sogar noch länger dauern."

Ähnlich sieht es Commerzbank-Chefsvolkswirt Krämer. "Eine Zinssenkung wird nicht kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln oder den Abschwung verhindern", sagt er. Die EZB könne die Rezession nicht verhindern.

Krämer erwartet daher, dass die EZB im Januar den Leitzins um weitere 50 Basispunkte senkt - spätestens im Frühjahr werde er sogar unter zwei Prozent liegen, prognostiziert der Experte.

Auch Michael Bräuninger, Konjunkturexperte am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), bezweifelt, dass die historische Zinssenkung ausreichen wird, um die Kreditmärkte aus ihrer Schockstarre zu lösen. Er rechne spätestens im Februar mit weiteren Zinssenkungen. "Die EZB ist jetzt definitiv auf einen expansiven Kurs eingeschwenkt - und wird diesen voraussichtlich weiter verfolgen." Ohne zusätzliche staatliche Konjunkturhilfen werde man die Rezession aber nicht abfedern können.

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