Zu hohe Verbraucherpreise Kaufkraft ist deutlich gesunken

Gute Tarifabschlüsse hin oder her: Die Kaufkraft der Arbeitnehmer ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich geringer geworden. Zwar stiegen die Netto-Gehälter, mit ihnen aber auch die Verbraucherpreise - und zwar deutlich schneller.


Berlin - Es sind Zahlen, die dem normalen Verbraucher keine Freude machen: Nach Berechnungen von Allianz und Dresdner Bank haben die Arbeitnehmer in den vergangenen fünf Jahren 3,7 Prozent an Kaufkraft eingebüßt, meldet die "Bild"-Zeitung. Zwischen 1991 und 2007 seien es insgesamt sogar 6,1 Prozent gewesen.

Konsument mit Einkaufstüten: 2008 erstmals wieder Kaufkraftplus
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Konsument mit Einkaufstüten: 2008 erstmals wieder Kaufkraftplus

Schuld daran ist die Inflation: Zwar sind die Netto-Gehälter nach den Berechnungen der Volkswirte in diesem Zeitraum um 28,5 Prozent gestiegen. Aufgefressen wurde das allerdings durch die Verbraucherpreise, die zeitgleich sogar um 36,8 Prozent geklettert sind.

Und das wird auch erst mal so bleiben: Die EU-Kommission rechnet mit einem weiteren Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise. In ihrer Frühjahrsprognose sagt die Brüsseler Behörde für das laufende Jahr eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,6 Prozent in der EU und von 3,2 Prozent in der Eurozone voraus. Ihren Höhepunkt werde die Teuerung voraussichtlich im zweiten Quartal erreichen, um sich dann 2009 auf durchschnittlich 2,4 Prozent in der EU und 2,2 Prozent in der Eurozone abzuschwächen.

In Deutschland verlangsamte sich der Preisanstieg allerdings: Nach Daten aus vier Bundesländern ist die Inflationsrate im April wieder unter drei Prozent gesunken. Die Verbraucherpreise stiegen demnach zwischen 2,2 und 2,9 Prozent. Vor allem Pauschalreisen und Ferienwohnungen seien günstiger geworden. Der Preisanstieg bei Lebensmitteln und Mineralölprodukten ging aber weiter: Im Vergleich zum Vorjahr war Heizöl um 41,3 Prozent, Molkereiprodukte und Eier um 21,8 Prozent und Frischobst um 9,9 Prozent teurer als im Vorjahr.

Tariflöhne so stark gestiegen wie seit zwölf Jahren nicht mehr

In diesem Jahr soll es erstmals seit 2004 wieder ein Kaufkraft-Plus geben, schreibt die "Bild"-Zeitung weiter. Laut Allianz und Dresdner Bank sei mit einem Anstieg der Nettolöhne um durchschnittlich drei Prozent zu rechnen. Nach Abzug der Inflation von 2,4 Prozent bleibt unterm Strich ein Kaufkraftanstieg von 0,6 Prozentpunkten.

Tatsächlich sind die Tarifverdienste zu Jahresbeginn so stark gestiegen wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Die nach Tarif bezahlten Arbeiter und Angestellten verdienten zu Beginn dieses Jahres 3,3 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor, hatte das Statistische Bundesamt Ende April mitgeteilt. Das sei der höchste Anstieg für die Angestellten seit April 1996 und für die Arbeiter seit Juli 1996 gewesen.

Die höchsten durchschnittlichen Tarifsteigerungen gab es laut Statistischem Bundesamt im Öffentlichen Dienst. Außer allgemeinen Lohnsteigerungen wirkten sich dort besonders aus, dass in den neuen Bundesländern die unteren Entgeltgruppen bei Bund, Ländern und Gemeinden auf Westniveau angehoben wurden. Diese konnten der Statistikbehörde zufolge daher höhere prozentuale Steigerungen verzeichnen als die oberen. Insgesamt führte dies bei den Angestellten im Öffentlichen Dienst zu einer durchschnittlichen Tariferhöhung von 4,4 Prozent, für Arbeiter sogar von 5,5 Prozent.

In der Industrie stiegen die tariflichen Monatsgehälter der Angestellten im Januar 2008 gegenüber dem Vorjahresmonat nach Angaben der Statistiker durchschnittlich um 3,7 Prozent. Die einzelnen Branchen unterscheiden sich dabei demnach erheblich: Überdurchschnittliche Tariferhöhungen habe es für die Angestellten unter anderem im Schiffbau (7,1 Prozent) und in der Tabakverarbeitung (4,5 Prozent), unterdurchschnittliche dagegen im Ernährungsgewerbe (2,1 Prozent) sowie im Verlagsgewerbe (1,7 Prozent) gegeben.

sam/AP



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