Zu viele Krankenhäuser Experte hält Deutschland für überversorgt

Deutschland hat zu viele Krankenhäuser - das glaubt zumindest der Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv. Der Gesundheitsexperte der Vereinigung, Stefan Etgeton, erklärte in einem Interview, im internationalen Vergleich sei die Bundesrepublik mit 2100 Krankenhäusern "überversorgt".


Frankfurt am Main - Die Bundesbürger müssen sich darauf einstellen, für bestimmte klinische Eingriffe demnächst einige Kilometer mehr zurückzulegen. Im internationalen Durchschnitt sei Deutschland mit gut 2100 Krankenhäusern "überversorgt", erklärt Stefan Etgeton. In den nächsten Jahren müssten daher wohl "Abteilungen, aber auch ganze Häuser geschlossen werden", sagte der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (vzbv) der "Frankfurter Rundschau".

Krankenhausärzte bei der Arbeit: Bund und Länder sind über die Finanzierung tief zerstritten
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Etgeton erwartet, dass Kliniken sich stärker spezialisieren und im Gegenzug "Bereiche abbauen werden, in denen sie nicht so gut sind". Für manche Patienten werde dies zwar "weitere Wege" bedeuten - allerdings würden viele diese Entwicklung "für eine qualitativ bessere Versorgung" auch akzeptieren.

Vor einem Treffen der Gesundheitsminister am heutigen Freitag in Berlin warf der Verbraucherschützer den Bundesländern "erhebliche Defizite" bei der Finanzierung von Krankenhäusern vor. Aber auch viele Kliniken könnten ihre "Wirtschaftlichkeitspotentiale" besser ausschöpfen, mahnte Etgeton. Als Beispiele nannte er "die Abflachung von Hierarchien oder die Umverteilung von Aufgaben nach der jeweiligen Qualifikation".

Bei dem Treffen in Berlin werden sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern erneut mit der Klinikfinanzierung befassen. Streit ist programmiert. Die Krankenhäuser fordern Milliarden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will den Krankenhäusern mehr Geld zugestehen, verlangt aber gleichzeitig eine neue finanzielle Beteiligung der Länder an der Krankenhausfinanzierung. Die Länder leisten Widerstand. Wegen des Streits hat sich Schmidt noch nicht festgelegt, wie viel Geld die Krankenhäuser zusätzlich bekommen sollen. Zur Debatte stehen rund drei Milliarden Euro.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Carola Reimann, forderte vor dem Treffen eindringlich eine Einigung. "Jedes Verzögern würde bedeuten, dass die Krankenhäuser, Krankenkassen und Beschäftigten die Zeche zu zahlen haben", sagte Reimann der Deutschen Presse-Agentur. "Ich erwarte, dass die Länder sich an einen Tisch setzen." Ohne baldige Einigung "treibt man die Krankenhäuser in die Arme der Privaten". Öffentlich und kirchlich betriebene Kliniken könnten vermehrt von Privatunternehmen übernommen werden, sollte sich die Reform verzögern. Die Krankenhäuser warnen, dass ohne schnelle Finanzhilfe 20.000 Arbeitsplätze gefährdet seien, weil die Tarifsteigerungen nicht bezahlt werden könnten.

Die in Berlin vertretenen Gesundheitsminister beraten auch über den Nichtraucherschutz. Beschlüsse werden dazu ebenfalls nicht erwartet. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird in einigen Ländern darüber gestritten, ob es ein absolutes Rauchverbot oder Ausnahmen für kleine Kneipen geben soll. Eine bundesweit einheitliche Regelung ist nicht in Sicht.

ase/AP/dpa-AFX



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