Zuckerwasser und Wein: EU will Vorschriften für Winzer lockern

Afrikanische Weine sind angesagt - da stört es die Kunden wenig, dass die Hersteller Wasser oder Zuckerwasser beimischen. EU-Agrarkommissarin Boel Fischers will jetzt auch die rigiden Vorschriften für europäische Winzer lockern, sehr zum Unmut von Bundesagrarminister und Weinliebhaber Seehofer.

Brüssel - Die Kunden stört der Bruch mit den europäischen Winzer-Traditionen kein bisschen. Amerikanische oder afrikanische Weine, denen Wasser oder sogar Zuckerwasser beigemischt ist, gehen immer öfter über die Ladentheke. Europäische Weinhersteller haben dagegen immer mehr Probleme, ihre nach sehr viel strengeren Regeln hergestellten Produkte an den Mann zu bringen.

Weinlese im Siebengebirge: "Nicht gelungen, junge Weintrinker zu verführen"
DPA

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Agrarkommissarin Marianne Fischer Boel will sich deshalb jetzt den neuen Zeiten anpassen und die bisher verpönten Herstellungsverfahren, die andernorts schon selbstverständlich sind, auch endlich französischen, deutschen, und italienischen Winzern erlauben.

In einem Papier der Kommissarin heißt es, alle vom internationalen Weinbauverband OIV anerkannten Herstellungsverfahren sollten überprüft und gegebenenfalls auch in der EU zugelassen werden. Einzelheiten gab die Brüsseler Behörde allerdings noch nicht bekannt. Es solle zunächst eine Debatte angestoßen werden, verlautete aus Kommissionskreisen. Zum Jahreswechsel will Fischer Boel eine konkrete Gesetzesinitiative vorlegen, die dann an die Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament geht. Eine Reform sei dringend erforderlich, um wieder mehr Kunden für europäischen Wein zu gewinnen, erklärte Fischer Boel. Den europäischen Winzern sei es "nicht gelungen, junge Weintrinker zu verführen".

"Rückwärtsgewandte Weinbaupolitik"

Der Vorstoß aus Brüssel dürfte vor allem einem wenig gefallen: Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU). Der Weinliebhaber hat wiederholt ein "Reinheitsgebot für deutschen Wein" gefordert. Mit diesem Wunsch steht Seehofer allerdings weitgehend allein: Der CDU-Europaabgeordnete und ehemalige rheinland-pfälzische Weinbauminister Werner Langen etwa begrüßte den Vorstoß der Agrarkommissarin ausdrücklich.

Europa sei gefordert "moderne önologische Verfahren intensiv zu prüfen und gegebenenfalls zuzulassen". Auch der weinpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Volker Wissing, lobte die von der EU-Kommission angestrebte Lockerung, "weil wir wettbewerbsfähig bleiben müssen". Seehofers Forderung nach einem Reinheitsgebot sei "rückwärtsgewandte Weinbaupolitik".

Dagegen erklärte der grüne EU-Abgeordnete Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: "Europäischer Wein muss auch in Zukunft für Qualität und regionale Besonderheiten stehen." Es sei falsch, "unsere Produktion komplett für fragwürdige Herstellungsverfahren wie Wasserzusatz, Holzschnitzel oder Weinfraktionierung zu öffnen".

Umstritten ist bei den Grünen auch ein weiterer Vorschlag Fischer Boels': Die Vorschriften für die Etikettierung von Weinflaschen sollen, wenn es nach der Kommissarin geht, ebenfalls geändert werden. Auch Hersteller von Weinen ohne geschützte Herkunftsbezeichnung sollen demnach künftig die verwendete Rebsorte auf dem Etikett nennen dürfen, wie es bei Weinen aus Chile, den USA oder Südafrika üblich ist.

Rodung von 400.000 Hektar Weinbaugebiet

Auf parteiübergreifende Zustimmung stieß dagegen der Vorschlag, die Überproduktion zu bremsen. Fischer Boel will den Winzern künftig Prämien dafür zahlen, dass sie Weinstöcke aufgeben. Ziel ist die Rodung von 400.000 Hektar in der EU über einen Zeitraum von fünf Jahren. Dafür sollen insgesamt 2,4 Milliarden Euro an Beihilfen gezahlt werden. Zugleich will sie die bisherigen Zuschüsse zum Destillieren nicht verkaufbaren Weins weitgehend streichen.

Bislang hat die Brüsseler Behörde immer wieder große Mengen Weins aufgekauft und etwa zu Biokraftstoff umwandeln lassen. Allein in diesem Monat wurden dafür 131 Millionen Euro ausgegeben. Es gehe darum, "dieses Geld intelligenter zu verwenden", sagte Fischer Boel. Insgesamt gibt die EU jährlich 1,2 Milliarden Euro für Subventionen im Weinanbau aus.

ase/AP/reuters

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