Zukunftsstadt Dresden Unsere versteckte Elite

Dresden ist die überraschendste deutsche Technopole - das Springteufelchen. Schon heute gibt es nirgends auf der Welt mehr angewandte Forschungsinstitute. Konkurrierende Standorte im Westen Deutschlands müssen sich warm anziehen.

Von Michael O. R. Kröher


Dresden ist, wie kaum eine andere deutsche Großstadt, ein Ort der krassen Gegensätze. Während die Innenstadt mit üppig vergoldeten Barockgebäuden, mit Touristenattraktionen wie Zwinger, Semperoper, Frauenkirche und Grünem Gewölbe prunkt, erwecken die meisten der übrigen Stadtviertel immer noch den Eindruck, als hätten sie keinen Cent der milliardenschweren Transferzahlungen für den "Aufbau Ost" gesehen: Gleich hinter dem Innenstadtring beginnt die unendliche Einöde trister Plattenbausiedlungen, zu denen holprige, mit Schlaglöchern übersäte Straßen führen, deren Asphaltbelag nur hie und da notdürftig mit Kopfsteinpflaster geflickt ist. Im Winter verströmen die Quecksilberdampflampen in den hohen Straßenlaternen auch tagsüber ein orangegelbes Licht, das den Passanten auf den zerbröckelnden Bürgersteigen eine kränkliche Gesichtsfarbe verleiht.

Pilotanlage am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden: Anlass für größte Hoffnung
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Pilotanlage am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden: Anlass für größte Hoffnung

Dort wohnen jene Menschen, von denen sich viele innerlich bereits von dem Aufbruch in die Zukunft verabschiedet haben, der andernorts im boomenden Freistaat Sachsen immer noch spürbar ist. Etwa in Leipzig. Doch im Vergleich zu diesem zweiten sächsischen Zentrum hat die Landeshauptstadt nur mäßig attraktive Niederlassungen moderner Großindustrien abbekommen. Zwar betreibt AMD, der amerikanische Chip-Hersteller, eine Hightech-Fabrik in Dresden – doch nur als Produktionsstätte. Also ohne Forschungs- und Entwicklungsabteilung und somit quasi nur als verlängerte Werkbank. Auch Infineon, der bayerische Wettbewerber zu AMD, hat in Dresden eine Chipfabrik gebaut – ohne Labors.

Die "Gläserne Fabrik", die VW in Dresden errichtet hat, arbeitet weit unterhalb ihrer Kapazitäten, teilweise nur auf der Hälfte ihrer Leistungsfähigkeit. Logistik und andere moderne Dienstleistungsbranchen, die etwa im Umfeld der neu errichteten Werke von BMW und Porsche in Leipzig boomen, sind bislang in Dresden nicht maßgeblich vertreten.

Ganz anders sieht es in der Szene der akademischen Spitzenforschung aus. Hier hat Dresden die Nase vorn – so weit, dass kaum eine andere deutsche Stadt noch mithalten kann, weder qualitativ noch quantitativ. In der Elbmetropole haben sich insgesamt zehn Fraunhofer-Einrichtungen angesiedelt. Damit ist Dresden genau genommen die Fraunhofer-Hauptstadt.

Im östlichen Elbtal, in der Nähe des Uniklinikums, entsteht seit der Jahrhundertwende die "Biopolis Dresden". Dort arbeiten jene Dresdner, die den Aufbruch in die Zukunft mitgestalten. Dort hat die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik gegründet und hierfür ein spektakuläres Institutsgebäude errichtet. Dort hat das Land Sachsen ein architektonisch kaum weniger imposantes BioInnovationszentrum (BIOZ) gebaut – ein Inkubator für neu gegründete Unternehmen aus der Biotech-Branche, aber auch für wissenschaftliche Institute.

In der Nachbarschaft installiert die TU Dresden, hauptsächlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt, gerade ein "Zentrum für Regenerative Therapie" – laut Selbstdarstellung "das größte universitäre Forschungszentrum in Deutschland". Mit Hilfe von Stammzell-Medizin und "Tissue Engineering", also durch die Transplantation von hoch spezialisierten Zellen, von gezüchtetem Gewebe und durch neu entwickelte Bio-Materialien sollen dort etwa Herzinfarkt-Patienten, Diabetiker, Arthrose-Geschädigte, Parkinson- oder Alzheimer-Kranke mit neuartigen Ansätzen und innovativen Methoden geheilt werden.

Im Exzellenzwettbewerb der Bundesregierung wurde die einzigartige Institution für biomedizinische Grundlagenforschung als Exzellenzcluster ausgezeichnet. In der Folge wird sie künftig mit etwa 6,5 Millionen Euro jährlich gefördert. Eine weitere Million Euro jährlicher Fördergelder aus demselben Programm geht an die neu gegründete Doktorandenschule, das "Graduiertenkolleg".

Mit diesem umfassenden Ansatz, der von der zellbiologischen Grundlagenforschung bis zur rein anwendungsbezogenen Material- und Geräteentwicklung sowie zur Qualitätssicherung im Bio-Ingenieurwesen reicht, will Dresden zu einem der weltweit maßgeblichen Zentren in der Biomedizin werden.

Die Weichen für diese Entwicklung sind längst gestellt: Seit dem Jahr 2006 werden insgesamt 20 Professuren eingerichtet oder neu berufen. Über die Hälfte der neu Berufenen hat zuvor im Ausland gearbeitet – etwa in den USA. Spätestens ab 2008 soll der reguläre Forschungs- und Lehrbetrieb laufen.



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