Zum Tod von Rudolf A. Oetker Milliardär und Pfennigfuchser

Zeitungen nannten ihn "Pudding-Papst", für viele Mitarbeiter war er schlicht "RAO": Rudolf August Oetker, Patriarch der Bielefelder Lebensmittel-Dynastie, ist 90-jährig gestorben. Die NS-Vergangenheit seines Stiefvaters sorgte noch in jüngerer Vergangenheit für politischen Streit.


Hamburg/Bielefeld – Die Beileidsworte aus der Politik ließen nicht lange auf sich warten: Am Nachmittag drückte Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) Bedauern über den Tod Rudolf August Oetkers aus. Die Wirtschaft des Landes verliere eine "herausragende Persönlichkeit", sagte sie. Oetker habe immer mit hohem Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter seines Konzerns gehandelt. Der Unternehmer war am Morgen in einem Hamburger Krankenhaus gestorben – unbestätigten Berichten zufolge an einer Lungenentzündung.

Die Führung des Lebensmittelunternehmens übernahm Oetker, erst 28-jährig, im vorletzten Jahr der Nazi-Zeit – und behielt sie fast vier Jahrzehnte lang inne, bis 1981. In den Wirtschaftswunderjahren profitierte das Unternehmen von der "Fresswelle", Oetker erschloss aber zügig auch neue Geschäftsfelder. So sicherte er sich die Mehrheit an der Reedereigruppe Hamburg-Süd - unter Ausnutzung der damaligen Steuergesetzgebung avancierte er zum größten deutschen Privatreeder. Heute ist die Oetker-Gruppe in 35 Ländern aktiv, beschäftigt 23.000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von über sieben Milliarden Euro pro Jahr.

Oetker gelang der Aufstieg zu einem der reichsten Unternehmer des Landes – das US-Magazin "Forbes" taxierte seinen Vermögen und das seiner Familie zuletzt auf 8,0 Milliarden US-Dollar. Oetker hatte seinen Besitz schon 2002 offiziell auf die nächste und übernächste Generation übertragen – damit wollte er den Fortbestand der Firma als Familienbetrieb sichern. Er war dreimal verheiratet und hatte acht Kinder.

"Das müsst ihr aber selber bezahlen"

Trotzdem seines Reichtums - der Patriarch galt zeitlebens als genügsam und bodenständig. Geschäftspartner erinnern sich daran, dass er selbst in eigenen Luxushotels wie Brenner's Park Hotel in Baden-Baden nicht von seiner Sparsamkeit ließ: "Das müsst ihr aber selber bezahlen", soll er regelmäßig erklärt haben. Gerne gab er Sparsamkeits-Tipps und zeigte zum Beispiel, wie eine fast aufgebrauchte Seife durch das Zusammendrücken mit einer anderen noch weiter benutzt werden kann. Trotz seines Rufs als Pfennigfuchser war "RAO" im Unternehmen beliebt.

Im Marketing der Nachkriegsjahre beschritt Oetker neue Wege - er setzte als einer der Ersten auf das neue Medium Fernsehen. So machte er Marie-Luise Haase als Leiterin die "Dr.-Oetker-Versuchsküche" in den sechziger Jahren mit zahlreichen Werbespots bekannt. Als immer mehr Tiefkühltruhen in den deutschen Haushalten standen, brachte Oetker 1970 die erste Tiefkühlpizza auf den Markt. Bis ins hohe Alter hinein nahm er an den Bilanzpressekonferenzen der Gruppe teil, wo er kamerawirksam den jeweils neuesten Oetker-Pudding auslöffelte.

Die Lebensgeschichte Oetkers war geprägt von familiären Verlusten und Tragödien. Sein Vater Rudolf Oetker kam – kurz vor der Geburt des Sohnes - 1916 in der Schlacht um Verdun ums Leben. Seine Mutter, sein Stiefvater und zwei Halbschwestern starben bei Bombenangriffen im Herbst 1944. Ein Schlag für die Familie war die Entführung von Oetkers Sohn Richard im Dezember 1976. Oetker zahlte 21 Millionen Mark Lösegeld - der Sohn kam schwer verletzt frei. Der Entführer Dieter Zlof wurde später zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Der Mäzen stellt Bedingungen

Ein anderer Oetker-Sohn, August, führt seit 1981 das operative Geschäft der Gruppe. Der Senior blieb aber bis zu seinem Tod Vorsitzender des Beirats der Unternehmensgruppe.

Wie wichtig Oetker die Loyalität zur Familie nahm, zeigte sich 1998: Damals stritt er mit der Stadt Bielefeld über die NS-Vergangenheit seines Stiefvaters Richard Kaselowsky. Der war kurz nach der Machtübertragung an Adolf Hitler der NSDAP beigetreten - und hatte aus Oetker einen "Musterbetrieb" ganz im Sinne der Nazis gemacht. Mehr als fünf Jahrzehnte später verlangte Rudolf August Oetker von der Stadt, sie solle die von ihm gestiftete Kunsthalle in "Richard-Kaselowsky-Haus" umbenennen.

Weil Bielefeld ablehnte, zog der "Kunstmäzen" seine sämtlichen Leihgaben zurück.

itz/Reuters/AP/dpa/ddp/AFP



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