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Zuwanderung: Das zweite deutsche Wirtschaftswunder

Eine Kolumne von

Flüchtlinge in Berlin: Timing könnte kaum günstiger sein Zur Großansicht
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Flüchtlinge in Berlin: Timing könnte kaum günstiger sein

Ohne die Zuwanderer der vergangenen Jahre hätte sich die deutsche Wirtschaft nicht so gut entwickelt. Hunderttausende Flüchtlinge könnten nun dafür sorgen, dass sich dieses zweite Wirtschaftswunder fortsetzt.

Am Ende eines turbulenten Jahres ist es Zeit für eine vorläufige Bilanz. Wie werden wir dereinst auf 2015 zurückblicken - als das Jahr, das den Niedergang Deutschlands einläutete, oder in dem eine neue dynamische Phase begann?

Das prägende Ereignis dieses Jahres, die größte Zuwanderungswelle seit Generationen, hat bei den Bundesbürgern einen heftigen Pendelschlag der Gefühle ausgelöst: zwischen willkommenskultureller Euphorie und Überfremdungsangst, zwischen Wir-schaffen-das-Rhetorik und Grenzen-dicht-Forderungen, zwischen den Helfenden vor dem Münchner Hauptbahnhof und den Brandanschlägen auf Asylbewerberunterkünfte. Entsprechend gespalten ist das Meinungsbild: Knapp die Hälfte der Bundesbürger glaubt, der Zuzug überfordere Deutschland. Dass die Integration der Flüchtlinge überwiegend gelingen werde, glaubt derzeit nur noch eine Minderheit der Befragten, wie das Dezember-Politbarometer des ZDF zeigt.

Wir schaffen das? Die Zweifel sind groß.

Versuchen wir einen Perspektivwechsel. Was wäre, wenn nicht so viele Menschen ins Land kämen? Ganz klar: Wir würden intensiv darüber nachdenken, wie - und von wo - wir weitere Zuwanderer anlocken könnten. Denn Deutschland braucht Immigranten, viel mehr als in den vergangenen Jahrzehnten. Und sie werden aus immer weiter entfernten Ländern und Kulturen kommen müssen.

Neuankömmlinge gerade zur richtigen Zeit

So schrecklich die Gründe für die Flucht sein mögen: Aus deutscher Sicht könnte das Timing kaum günstiger sein. Die Neuankömmlinge kommen gerade zur richtigen Zeit: Die Wirtschaft läuft, die Beschäftigung steigt, und die Zuwanderung aus dem übrigen Europa flaut allmählich ab.

Ein paar Zahlen: Eine Studie des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland unter realistischen Annahmen bis zum Jahr 2050 einen Zuwanderungsüberschuss von mehr als 500.000 Personen jährlich braucht. Nur dann lässt sich das Potenzial an Arbeitskräften halbwegs stabil halten. Kommen weniger Menschen ins Land, gehen Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung unausweichlich voran.

Was wir derzeit erleben - der Zuzug von vielen Hunderttausend Nichteuropäern -, das ist die neue Normalität. Im Durchschnitt der Jahre 1950 bis 2000 wanderten im Schnitt 200.000 Menschen mehr ein als aus. In den Nullerjahren ging dieser Zuwanderungssaldo zurück, zeitweise wurde Deutschland zum Emigrationsland. Erst seit 2010 kommen wieder mehr als gehen. Es sind überwiegend Europäer, darunter viele hoch qualifizierte EU-Bürger, die sich ohne Probleme in den Arbeitsmarkt integrierten.

Um es klar zu sagen: Ohne den Zuzug der vergangenen Jahre hätten sich weder die Wirtschaft noch die Staatsfinanzen so positiv entwickelt; Deutschland würde längst in der demografischen Falle feststecken.

Noch 2010 hatten Demografen vorgerechnet, der Höhepunkt der Bevölkerungsentwicklung sei erreicht; bis 2025 würden dem Arbeitsmarkt mehr als dreieinhalb Millionen Menschen verloren gehen - ein zunächst allmählicher, dann beschleunigter Niedergang. Glücklicherweise ist es nicht so gekommen: Die Zuwanderungswelle, die nun in ihr siebtes Jahr geht, bildet das demografische Fundament für das zweite deutsche Wirtschaftswunder.

Immigrantenzahlen werden sinken

Doch die Immigration aus dem übrigen Europa dürfte ihren Höhepunkt inzwischen überschritten haben: zum einen weil sich die wirtschaftliche Lage in Ländern wie Spanien zu entspannen beginnt, zu anderen weil auch in Süd- und insbesondere in Osteuropa die heimische Bevölkerung nicht mehr wächst. Künftig ist deshalb mit sinkenden Immigrantenzahlen aus der Nachbarschaft zu rechnen.

Damit sind wir bei den Flüchtlingen von heute. Sie werden einige Zeit benötigen, bis sie soweit integriert sind, dass sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen. Einige werden Deutschland auch wieder gen Heimat verlassen, falls sich die Lage dort stabilisiert. So kalkuliert der Sachverständigenrat zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit einer ganz allmählichen Zunahme der Erwerbstätigkeit der heutigen Flüchtlinge. In den kommenden beiden Jahren werden demnach kaum mehr als 100.000 der Neuankömmlinge aktiv sein; erst 2020 dürften Zahlen von 400.000 bis 500.000 erreicht sein.

Aus deutscher Sicht ist dies eine vorteilhafte Fügung: Just zu dem Zeitpunkt, da die europäische Zuwanderung abnimmt, kommen neue Immigrantengruppen auf den Arbeitsmarkt. Sie verschieben die demografische Wende, samt ihrer unangenehmen ökonomischen Folgen, immer weiter in die Zukunft.

Gegenfrage: Was wäre die Alternative?

Die Herausforderung besteht darin, die Immigranten, die aus humanitären Gründen ins Land gekommen sind und hierbleiben möchten, passend zu qualifizieren. Eine zugegebenermaßen große Aufgabe für Wirtschaft und Staat - die sich allerdings relativiert, wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war, überhaupt so viele Menschen dazu zu motivieren, ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland zu wählen.

Es bleibt dabei: Um die Zuwanderungsdynamik zu erhalten, müssen wir Menschen von anderswo einladen, hierzulande heimisch zu werden und sich hier produktiv zu entfalten. Künftige Zuwanderer werden überwiegend aus Ländern mit hohen Geburtenraten kommen müssen, also nicht aus Europa, sondern aus Asien und Afrika. Die Integration dürfte schwieriger werden als in der Vergangenheit.

Schaffen wir das? Wollen wir das?

Gegenfrage: Was wäre die Alternative? Ohne Zuwanderung würden Deutschland nach IAB-Berechnungen in 20 Jahren rund zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen. Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich ein trübes Szenario: Alterung, Schrumpfung, Niedergang. Es gibt Nationen, die sich bewusst für diesen Weg entscheiden, Japan etwa. Die Deutschen sind davon weit entfernt.

So gesehen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir 2015 im Rückblick als Wendejahr in eine bessere Zukunft sehen werden.

Die wichtigsten Ereignisse der kommenden Woche

Montag

Tokio - Graue Realität - Während japanische Konzerne wegen der demografischen Problemen daheim Rekordsummen im Ausland investieren, veröffentlichen die Statistiker neue Zahlen zur Industrieproduktion.

Dienstag

Rom - Italienische Stimmung - Neue Zahlen zum Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen im dauerkriselnden Italien.

New York - Amerikanische Konjunktur I - Nach zuletzt enttäuschenden Wachstumszahlen geben Werte zum Verbrauchervertrauen neuen Aufschluss über den Zustand der US-Wirtschaft.

Mittwoch

Frankfurt - Big Easy - Wird die EZB noch mehr tun, um die Wirtschaft und die Inflation anzukurbeln? Neue Zahlen zur Entwicklung der Geldmenge (M3) geben Hinweise auf die Wirksamkeit der bisherigen Maßnahmen.

Donnerstag

Chicago - Amerikanische Konjunktur II - Um die Anschaffungsstimmung in der Wirtschaft zu erkunden, werden die Einkaufsmanager befragt. Neue Zahlen für die USA im Dezember.

Freitag

Riad - Frieden? - Voraussichtlicher Beginn der Verhandlungen zwischen syrischer Opposition und Regierung.

Kiew/Brüssel - Freiheit? - Das Handelsabkommen zwischen der EU und der Ukraine tritt in Kraft.

Den Haag - Hartelijke groet - Die Niederlande übernehmen die EU-Ratspräsidentschaft fürs erste Halbjahr 2016.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 392 Beiträge
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1. Leitmedien propagieren Wirtschaftswunder
exil-berliner 27.12.2015
Meinen Sie ein innländisches Konsumwunder für den Einzelhandel ausgelöst durch die Millionen neuen Hartz4 Bezieher/innen? Die deutsche Wirtschaft allem voran die Börse hat 2015 keine Auswirkungen durch die Migrationswelle gespührt. Die EU politischen Vorzeichen (Grexit, Finnland EU Ausstieg) dürften 2016 aber auch ihre Auswirkungen auf den DAX finden und indirekt auf unsere Altersvorsorge.
2.
skade 27.12.2015
verstehe ich nicht. Die Zuwanderer sind doch noch gar nicht ins Arbeitsgefüge integriert. Sie arbeiten noch nicht und geben nichts aus.
3. Guter Perspektivwechsel
rambazamba1968 27.12.2015
Ich finde den Artikel. Bei der ganzen Zuwanderungsdebatte habe ich auch immer im Hinterkopf gehabt wie Deutschland von der Zuwanderung in den 60er und 70er Jahre profitiert hat. Die Integration hat zwar nicht geklappt, aber diese Menschen haben Deutschland mit aufgebaut und Ihren Teil dazu beigetragen, dass Deutschland jetzt für die wirtschaftliche Kraft weltweit bewundert wird. Man muss es so sehen wie in ihrem Artikel beschrieben und die Integrationsfehler der Vergangenheit abstellen. Sprachkurse wird aus meiner Sicht ein wichtiger Schlüssel sein.
4. Ewiges Wachstum
hornochse 27.12.2015
Die ewige Spirale von Antrieb und Wachstum immer die gleichen Parolen + das eine bedingt das andere nur so können wir bis in die Sterne hinein wachsen. Statt Wohlstand in Krisenherde zu exportieren sorgen wir uns lieber um die eigene Industrie damit es den Produktionsstätten gut geht. Der Mensch wird dabei immer kleiner und zu Zahlen degeneriert...
5. Träumereien?
Iggy Rock 27.12.2015
Sehr geehrter Herr Müller, zwei Dinge passen in ihrem Beitrag nicht so recht. Das eine ist die Mär vom demographischen Wandel, der in der Realität den Sozialstaat nur dann gegen die Wand fährt, wenn Lohnstagnation herrscht. Das andere betrifft die Flüchtlinge, die merkwürdigerweise nicht häufig als das bezeichnet werden, was sie sind: Asylanten. Spätestens, wenn die Waffen schweigen und die Machthaber wechseln, wird abgeschoben, das durften wir zuletzt nach dem Balkankrieg erleben. Mich würde es persönlich nicht stören, wenn die Flüchtlinge alle hier blieben, aber mit einem Freund machte ich diese Erfahrung damals, in den 90er Jahren. Dieser war schneller weg, als man begreifen wollte. So sehe ich auch die merkel'sche Wortwahl als das was sie ist, aber von den Medien nicht als solche benannt wird: Deutschland soll ein Zufluchtsland auf Zeit sein, keiner der in den letzten Monaten gekommenen Flüchtlinge ist ein Einwanderer.
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