Zwangs-Urlaub Ein-Euro-Jobber vom Betriebsausflug ausgeschlossen

Eigentlich will die Essener Beschäftigungsgesellschaft Ein-Euro-Jobber wieder ins normale Arbeitsleben integrieren - zum Betriebsausflug darf aber nur die Stammbelegschaft mit. Die Ein-Euro-Jobber müssen Urlaub nehmen oder aber auf Verdienst verzichten.

Von Silke Bigalke


Essen – Die Büros bleiben heute leer, stattdessen geht's an den Niederrhein, zum Wandern und Radfahren. Neue Kraft und Motivation sollen die Mitarbeiter der Essener Arbeits- und Beschäftigungsgesellschaft (EABG) auf dem Betriebsausflug schöpfen, sagt Geschäftsführer Ulrich Lorch. Für die 500 Ein-Euro-Jobber des Betriebs bedeutet der Ausflug allerdings doppelten Frust: Sie dürfen nicht mit, weil sie keine regulären Mitarbeiter sind, sondern Teilnehmer von Beschäftigungsmaßnahmen. Arbeiten können sie alleine aber auch nicht - das heißt, entweder müssen sie zwangsweise Urlaub nehmen oder nacharbeiten. Oder aber auf Verdienst verzichten.

Hartz-IV-Empfänger sind keine Mitarbeiter: Die EABG fährt deswegen alleine auf Betriebsflug
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Hartz-IV-Empfänger sind keine Mitarbeiter: Die EABG fährt deswegen alleine auf Betriebsflug

Die EABG ist ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Stadt Essen mit rund 160 festen Mitarbeitern. Ihr Ziel ist es, langzeitarbeitslose Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dafür bietet die EABG verschiedene Förderprogramme und Beschäftigungsmaßnahmen an. Die Arbeitslosen werden in den Gewerken des Unternehmens eingesetzt - etwa in der Tischlerei, im Maler- und Lackierergewerk oder im Garten- und Landschaftsbaubetrieb.

Für die Entscheidung, die Ein-Euro-Jobber nicht mit auf den Betriebsausflug zu nehmen, hat Geschäftsführer Lorch eine einfache Erklärung: "Wir sind nicht in der Lage, diese große logistische Herausforderung zu stemmen."

Früher hat die EABG noch Betriebsfeste gefeiert – mit allen Beschäftigten. Doch 2001 lief die Party aus dem Ruder. Wegen der großen Teilnehmerzahl sei es zu mehreren Unfällen gekommen, so Lorch. "Einzelne Personen waren nicht in der Lage, ihren Alkoholgenuss zu kontrollieren." Ein Partygast habe etwa in die heiße Kohle des Grills gegriffen, sogar ein Krankenwagen musste gerufen werden. Seitdem gebe es keine großen Feste mehr, sondern Ausflüge.

"Das sind auf gar keinen Fall Mitarbeiter"

Wenn die Ein-Euro-Jobber dazu schon nicht eingeladen sind, sollten sie wenigstens den Tag bezahlt frei machen dürfen, findet Martin Behring, Sprecher des Erwerbslosen-Forums. So war's aber nicht ganz: Ein Teilnehmer berichtet, wie sein stellvertretender Gewerkemeister mit einem Stapel Urlaubsscheinen von einem Ein-Euro-Jobber zum anderen ging. Als er bei dem 37-jährigen Essener angekommen war, weigerte der sich, zu unterschreiben. "Daraufhin hat er mich beschimpft, mich einen Spinner und Pisser genannt", erzählt der Hartz-IV-Empfänger, der inzwischen Strafanzeige wegen Beleidigung gestellt hat. "Eigentlich hat mir der Job immer Spaß gemacht. Ich hoffe, dass ich trotz allem weiterarbeiten kann."

Von diesem Vorfall wisse er nichts, sagt Geschäftsführer Lorch. Er könne sich nicht vorstellen, dass so etwas passiert ist. Der Urlaubstag sei ein Angebot gewesen, kein Zwang. Dass Hartz-IV-Empfänger vom Ausflug ausgeschlossen sind, ist für Lorch ganz normal. Wenn zum Beispiel ein Bildungsträger einen Betriebsausflug mache, würden schließlich auch keine Schüler mitfahren, so der Geschäftsführer. Er trennt klar zwischen seinen Kollegen und den Hartz-IV-Empfängern. "Das sind auf gar keinen Fall Mitarbeiter", so Lorch. Genau diese Einstellung findet Behring vom Erwerbslosen-Forum problematisch. "Auch Hartz-IV-Empfänger erfüllen ihre Aufgaben und werden trotzdem in keiner Weise ernst genommen", sagt er.

Lorch versteht die Aufregung nicht. In den vergangenen Jahren habe es nie Beschwerden gegeben, wenn die Ein-Euro-Jobber nicht zum Betriebsausflug eingeladen waren. Doch dieses Jahr fürchtet er, dass die öffentliche Aufmerksamkeit die Atmosphäre aufheizen könnte. Deswegen möchte er seine Stammmitarbeiter noch während des Ausflugs auf mögliche Probleme vorbereiten. Und am Montag soll es in allen Gewerken eine große Aufklärungsaktion geben, um Schlimmeres zu verhindern.



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