Zwei Jahre nach Tsunami Korruption und Bürgerkrieg fressen Hilfsgelder auf

Nach dem Tsunami vor zwei Jahren wurden den Opfern auf Sri Lanka Milliardenhilfen versprochen. Nur gut ein Drittel wurde gezahlt. Mancher "Helfer" dagegen kaufte sich erstmal einen Geländewagen. Die Bundesregierung will weitere Hilfslieferungen von Friedensbemühungen abhängig machen.


Colombo/Khao Lak – Tausende Überlebende der Flutwellenkatastrophe auf Sri Lanka sind auch zwei Jahre nach dem Unglück noch in notdürftigen Zeltdörfern untergebracht. "Nur Gott weiß, ob das Geld für Tsunami-Opfer oder für andere ausgegeben worden ist", sagt J.C. Weliamuna, der Leiter der Organisation Transparency International in Sri Lanka. Die Regierung des südostasiatischen Landes mache nun die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen dafür verantwortlich, dass der Wiederaufbau so langsam vorangehe. "Das ist, als ob ein Esel den anderen Langohr schimpft."

Tamilische Kinder auf der Flucht: Erst waren sie Opfer des Tsunamis, dann des Bürgerkriegs
AP

Tamilische Kinder auf der Flucht: Erst waren sie Opfer des Tsunamis, dann des Bürgerkriegs

Tatsächlich hätten viele Organisationen die Hilfsgelder nach der Katastrophe im Dezember 2004 verschwendet, sagt Weliamuna. Aber auch die Behörden seien "überwältigt" gewesen von den Spenden, die nach dem Tsunami aus aller Welt eingingen. Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse hatte vor einem Jahr zugegeben, dass die Behörden nicht genug für die Opfer getan hätten. Schätzungsweise 31.000 Menschen starben bei der Katastrophe in dem Inselstaat, rund eine Million wurden obdachlos. Den Opfern wurden daraufhin Hilfen in Höhe von 3,2 Milliarden Dollar versprochen.

Im September 2005, rund ein Dreivierteljahr nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004, stellte der srilankische Rechnungshof fest, dass von den 1,16 Milliarden Dollar, die bis dahin tatsächlich gezahlt wurden, erst rund ein Achtel ausgegeben wurden. Eine weitere Buchprüfung gab es seitdem nicht mehr.

Viele der fast vierhundert Hilfsorganisationen in Sri Lanka hätten Geld verschwendet, sagt Weliamuna. "Wir wissen, dass äußerst hohe Gehälter gezahlt worden sind, das Vielfache der üblichen Höhe." Berichten zufolge genehmigten sich Helfer teils das Dreifache der in der srilankischen Privatwirtschaft üblichen Löhne, schafften sich teure Geländewagen an und ließen sich in den besten Wohngegenden nieder. Von den rund 100.000 beschädigten und zerstörten Häusern der Einheimischen wurde dagegen - nach staatlichen Angaben - erst die Hälfte wiederaufgebaut.

Bürgerkrieg verhindert Einsatz von Geldern

Als die weltweit gegen Korruption kämpfende Organisation Transparency International die Hilfsorganisationen dazu aufrief darzulegen, wie sie die Spendengelder ausgegeben haben, kam fast keine Reaktion, wie Buchprüfer Rukshana Nanayakkara sagt. Gerade einmal sechs der 70 internationalen Organisationen, die große Wiederaufbauprojekte leiten, seien dem Aufruf nachgekommen. Die anderen stellten sich taub oder lehnten es rundweg ab, sich prüfen zu lassen. Nanayakkara zufolge wurden für etliche Menschen neue Häuser gebaut, die gar nicht von den Flutwellen betroffen waren - und manche Fischer erhielten zwei oder drei neue Boote, während andere völlig leer ausgingen.

Die deutsche Regierung sieht jedoch noch ein weiteres Problem: Die Staatengemeinschaft sollte weitere Hilfen für Sri Lanka nach Ansicht von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) von der Wiederaufnahme des Friedensprozesses in dem Land abhängig machen. Ihr Ministerium habe neue Zusagen an die Regierung in Colombo so lange gestoppt, sagte Wieczorek-Zeul dem Berliner "Tagesspiegel am Sonntag" anlässlich des zweiten Jahrestages der Tsunami-Flutkatastrophe. "Es wäre schön, wenn andere westliche Regierungen auch so handeln würden."

Wieczorek-Zeul sagte der Zeitung, in Sri Lanka könnten neue Gelder wegen des wieder aufgeflammten Bürgerkriegs und der Kämpfe im Tamilengebiet nicht entsprechend eingesetzt werden. Daher seien gerade 19 Millionen Euro, die für Sri Lanka vorgesehen waren, für den Häuserbau und und Ausbildungsmaßnahmen in der indonesischen Provinz Aceh umgewidmet worden.

Thailand: Kleine Hotels bleiben auf der Strecke

In Thailand dagegen ging der Wiederaufbau sehr viel schneller voran - was man auch daran ablesen kann, dass mittlerweile wieder fast genauso viele Ausländer ihren Urlaub in dem südostasiatischen Königreich verbringen wie vor der Tsunami-Katastrophe. "Die Ertragskraft liegt 22 Prozent über der vor dem Tsunami", sagt Gregory Anderson, der Chef der Hotelanlage Le Méridien in Khao Lak. Rund 5400 Menschen waren bei der Flutwellenkatastrophe in Thailand umgekommen, etwa die Hälfte von ihnen ausländische Urlauber.

Doch auch in Thailand gibt es Missbrauch. Deutschland forderte jetzt einem Zeitungsbericht zufolge die thailändische Behörden zur Aufklärung eines angeblichen Missbrauchs von Tsunami-Spendengeldern auf. Die Summe von 1,7 Millionen Dollar aus sieben westlichen Staaten seien verschwendet oder ihre wirkliche Verwendung verschleiert worden, berichtete die Zeitung "The Nation" heute unter Berufung auf diplomatische Kreise. Der Polizeichef Thailands, General Kowit Wattana, sagte die Einsetzung einer Ermittlungskommission zu, um die Verwendung des Geldes zu klären, das zur Identifizierung von thailändischen Opfern des verheerenden Tsunami 2004 dienen sollte.

Und während große Hotels mit Werbekampagnen und Preisnachlässen arbeiten, um ihre Häuser vollzubekommen, bleiben kleinere Hotels und Geschäfte oft auf der Strecke. Prateep Potsakul zum Beispiel hatte am Strand von Phuket ein paar Stände, an denen er Kleidung verkaufte. Die Flutwellen spülten alles davon, und nun versucht er mit viel Mühe - und einem Darlehen von der Bank - sein Geschäft wiederaufzubauen. Der 32-Jährige will aber nicht klagen, weil es seiner Schwester noch viel schlimmer ergangen sei: "Sie hat ihren Laden verloren, ihr Haus und ihren Sohn."

Amal Jayasinghe, AFP (mit Material von Reuters)



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