Zypern-Krise: Im Land der toten Banken

Aus Nikosia berichtet Nicolai Kwasniewski

Zyprische Bankangestellte: Blockiertes Finanzzentrum Zur Großansicht
REUTERS

Zyprische Bankangestellte: Blockiertes Finanzzentrum

Die Geldhäuser auf Zypern haben den fünften Tag in Folge geschlossen. Die Inselrepublik ist derzeit ein Finanzzentrum ohne Finanzinstitute. Wie gehen die Bürger mit der Banken-Blockade um? Wie die Geschäftsleute? Eindrücke aus der Hauptstadt.

Es gibt sie, die Schlangen vor den Geldautomaten. Vor den Banken in der zentralen Fußgängerzone Ledras in Zyperns Hauptstadt etwa. Dort stehen Menschen an, um Geld abzuheben. Aber geht das überhaupt? Haben die Banken nicht geschlossen, eben weil zu befürchten steht, dass nervöse Anleger ihre Konten plündern?

Es geht. "Ich habe vorsichtshalber 200 Euro abgehoben", sagt ein Mann, der sich als Alexandros vorstellt. Der Geldautomat hat die Euro-Scheine ausgespuckt, wie immer. Die Banken haben ihre Automaten aufgefüllt, wie immer, und versprochen, das auch in den nächsten Tagen zu tun. Auch Überweisungen konnte Alexandros noch veranlassen - und mit der Bankkarte zahlen.

Die Unsicherheit über das, was jetzt kommen wird, nachdem das zyprische Parlament die Zwangsabgabe auf Spareinlagen und damit auch das Euro-Rettungspaket vorerst abgelehnt hat, lächeln die Zyprer weg.

Angst um sein Geld hat Alexandros nicht. Aber er ärgert sich über die spärlichen Informationen. Seine Bank hat ihm keine Nachricht geschickt, dass ein Teil seines Geldes einbehalten werden soll. "Wir wissen von der Zwangsabgabe nur aus der Zeitung. Wer weiß, wie lange wir noch an unsere Konten kommen."

Als Erste hatte sich die Co-op-Bank kurz vor der Parlamentsentscheidung geäußert: Das Institut versprach seinen Kunden als Ausgleich für die Zwangsabgabe hoch verzinste Anleihen in gleicher Höhe. Vor allem gelte es jetzt, die Kunden zu beruhigen, damit sie nicht am ersten Öffnungstag ihre Konten räumten. "Je früher wir wieder öffnen dürfen, desto besser", hieß es am Dienstag aus der Bank.

Sorgen um die Wirtschaft

Das Problem dürfte sich erst langsam verschärfen: Nach dem langen Wochenende arbeiten Unternehmen erst seit Dienstag wieder - wenn die Banken jetzt, wie am Mittwochabend verkündet, noch bis kommenden Dienstag geschlossen bleiben, dann rechnen die Geschäftsleute mit Schwierigkeiten.

Allerdings macht den Unternehmen der Vertrauensverlust in das zyprische Finanzsystem viel größere Sorgen als eine Woche geschlossene Bankschalter. "In Zypern ist nichts mehr, wie es mal war", sagte der Chef der zyprischen Industrie- und Handelskammer, Phidias Pilides. Der Schaden für die Wirtschaft des Landes sei "beträchtlich". Bereits jetzt.

Ausländische Investoren könnten ihr Geld am Tag, wenn die Banken wieder öffnen, sofort abziehen, fürchtet ein zyprischer Wirtschaftsprüfer. Die zyprische Wirtschaft könnte an den Folgen zerbrechen. Gerade die Russen würden in Zypern viele Unternehmen betreiben, sagt er. Wenn die nun ihre Büros schließen müssten, würden viele Zyprer ihren Job verlieren. Dann gingen die Proteste erst richtig los.

Hilfsorganisationen fürchten um Spenden

Schon jetzt gebe es immer mehr arme Menschen, die auf Spenden angewiesen sind, in Form von Nahrungsmitteln oder Kleidung. Gerade die Wohltätigkeitsorganisationen im Land aber sorgen sich um ihre Programme: Wenn es allen Menschen im Land schlechter gehe, blieben auch die Spenden aus, befürchten sie.

Hoffnung setzten die Spendensammler auf eine jüngst eingeführte Kooperation mit einer zyprischen Supermarktkette: Kunden können die Bonuspunkte, die sie beim Einkauf erhalten, direkt weitergeben - ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Hilfsorganisationen.

Unklar ist nach wie vor, wie Zypern vor der Pleite gerettet werden soll. Der Plan B, an dem die Regierung angeblich schon seit Tagen arbeitet, soll der Regierung zufolge noch im Laufe des Tages ausgearbeitet werden. Finanzexperten aus allen Parteien im zyprischen Parlament seien in der Zentralbank zusammengetroffen, um nach einem Weg zu suchen, den von der Euro-Gruppe geforderten Eigenanteil am Rettungspaket von 5,8 Milliarden Euro zu stemmen.

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1. Spiegel immer auf Seiten der Pleitestaaten. Warum nur?
annelen1 20.03.2013
Schon Ihr Überblick: "Umstritten an dem Hilfspaket ist die von den Euro-Staaten geforderte Beteiligung der Bankkunden auf Zypern. Diese Teilenteignung hat das zyprische Parlament abgelehnt. Nun droht dem Land der Staatsbankrott" verdreht doch ziemlich die Wirklichkeit. Nach Art. 125 Maastricht-Vertrag, wonach kein Euro-Staat für die Schulden eines anderen in Anspruch genommen werden kann, sollte die drohende Pleite Zyperns den Rest der EU gar nichts angehen. Die EU bietet (rechtswidrig) mal wieder Hilfe mit Steuergeldern Unbeteiligter an. Von einer "Forderung" der Helfer kann man doch dann eigentlich nicht sprechen, oder? Von einer Enteignung der Zyprioten zu sprechen, finde ich auch inkonsequent. Wenn Billionen-Rettungsschirme gespannt werden, für die vor allen Dingen die Deutschen Bürger (ob nun durch Steuern, Beschneidung der Renten, Reduzierung des Bildungsetats etc.) aufkommen werden, haben Sie noch nie von einer Enteignung der Geberbürger gesprochen. Und wenn sich an dieser bevorstehenden Enteignung der deutschen Bevölkerung zaghafter Widerstand in Form der Alternative für Deutschland regt, spricht der Spiegel von rechtsradikalem Populismus. Warum stellt sich der Spiegel immer gegen die Deutschen, seine eigenen Leser? Denn die sollen doch Ihre Hefte kaufen, oder? Oder sind Ihnen die Zahlungen der deutschen Exportunternehmen, die sich sicher für Ihre versuchte Beeinflussung des Lesers in Richtung Eurorettung erkenntlich zeigt, doch um einiges wichtiger?
2.
pauschaltourist 20.03.2013
Zitat von sysopZypern steht vor dem Staatsbankrott, schuld sind vor allem die Banken. Jahrelang profitierte das Land von seinem überdimensionierten Finanzsektor, nun müssten die beiden größten Institute dringend abgewickelt werden.
Sind tatsächlich nur die Banken Schuld? Wer wählte denn in Zypern die verantwortlichen Politiker, die den Bankensektor unkontrolliert aufblähen ließen, Dumping-Steuergesetze erließen, Briefkastenfirmen förderten und auch gegen angelegtes Schwarzgeld und kriminell erlangtes Vermögen nicht vorgingen?
3.
Zaunsfeld 20.03.2013
Zitat von pauschaltouristSind tatsächlich nur die Banken Schuld? Wer wählte denn in Zypern die verantwortlichen Politiker, die den Bankensektor unkontrolliert aufblähen ließen, Dumping-Steuergesetze erließen, Briefkastenfirmen förderten und auch gegen angelegtes Schwarzgeld und kriminell erlangtes Vermögen nicht vorgingen?
Ihre Kritik ist völlig richtig. Aber wenn man wirklich selbstkritisch ist, dann erkennt man, dass es hier in Deutschland nicht wirklich anders ist. Auch bei uns wurde eine Regierung gewählt und ist augenblicklich im Amt, die den heute unkontrollierbaren Bankensektor auch in unserem Land mit von der Kette ließen. Allen voran die FDP fordert sogar heute noch, die Leine noch lockerer zu lassen. Auf die Dumping-Steuersätze trifft das natürlich ganz genauso zu. CDU und FDP würden doch die Unternehmenssteuern am liebsten gleich komplett abschaffen. Auf europäischer Ebene tun Union und FDP alles, um zu verhindern, dass Steuerschlupflöcher von Konzernen, die ihre Gewinne und Verluste kreativ von einem Land ins andere verschieben, wirksam geschlossen werden. Eine Finanztransaktionssteuer ist für die gleichzeitig Teufelszeug. Die würde die FDP selbst dann erst einführen, wenn auch Mars und Venus dabei mitmachen, weil ja sonst unsere komplette Wirtschaft auf die Venus abwandert, wenn die dort nicht auch die Finanztransaktionssteuer einführen. Und Vorgehen gegen Steuerhinterziehung, Schwarzgeld und kriminell erlangte Vermögen? Da muss man bei Union und FDP wohl nicht viel zu sagen, wenn man sich deren Positionen mal genauer anschaut. Die tun alles, um Aufklärung in dieser Hinsicht zu verhindern, so zum Beispiel als die FDP durch eine Gesetzesänderung gesetzlich festlegen wollte, dass der heute legale Ankauf von Steuerdaten-CDs künftig illegal wird. Für Steuerhinterzieher wollten die sogar eine Generalamnestie durchsetzen, die deren Schwarzgeld auch noch offiziell legalisiert hätte. Zum Glück konnte das meiste davon durch eine Blockade der entsprechenden Gesetze im Bundesrat verhindert werden. Aber wie gesagt: Wenn wir ganz ehrlich sind, muss man zugeben, dass bei uns in Deutschland genau die gleichen verantwortungslosen Leute mit genau der gleichen geistigen Ideologie in der Regierung sitzen wie in Zypern auch. Der einzige Unterschied ist, dass Deutschland das Glück hat, ein relativ großes Land mitten in der Mitte Europas zu sein mit einer immer noch halbwegs funktionierenden Realwirtschaft. Und wenn wir weiterhin ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es der deutschen Wirtschaft nur so gut geht, weil bei uns 40% der Arbeitnehmer Niedriglöhner, Leiharbeiter, Zeitarbeiter und andere Sklavenlöhner sind, die zwar von ihrem Geld gerade so ÜBERLEBEN, aber nicht wirklich leben können.
4. Zyperer reicher als Deutsche?
Jens Schuetz 20.03.2013
70Miliarden in den Banken. 25Milliarden aus dem Ausland, macht also 45Milliarden die von den Zyperern selbst kommen. Bei 1Mil Einwohnern hat der durchschnittliche Zyperer also 45000 Euro auf dem Konto. Im reichen Deutschland haben wir hingenen im Schnit 18000 Euro. Wie kommt es das dieses kleine arme Land eigentlich so reich ist? Taeuschen die ihre Traenen nur vor um nicht mit ihren Reichtuemern fuer ihre Fehler einstehen zu muessen, oder sind die offiziellen Zahlen einfach nur BS?
5. ich hätte da eine einfache Lösung....
genervtneu 20.03.2013
auch für die ganze EU. Die Einlagensicherung bis 100.000€ für alle Kleinanlager bei der jeweiligen Nationalbank hinterlegen, hierzu einfach die Gelder bei den Superreichen, die bisher ja von der Krise profitiert haben abbuchen und mit Gold, Aktien und Immobilen aus Staatsbesitz absichern. Dann kann man den Rest den ach so tollen Kräften des Marktes überlassen, wenn dann die Commerzbank oder irgendwelche Banken in Zypern, zusammenbrechen wird wenigsten der normale Sparer nicht geschädigt. Das Geld ist ja in der Krise nicht verschwunden, einzig skrupellose Banken und Superreiche haben von der Krise profitiert, warum sollte man deren Banken noch stützen ? .... oder hat Ihre Hausbank vielleicht die Zinsen gesenkt, seit es billiges Geld von der EZB gibt ?
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Entscheidungstag in Zypern: Nein zur Zwangsabgabe

Fläche: 9251 km²

Bevölkerung: 840.407

Hauptstadt: Nikosia (Lefkosa)

Staats- und Regierungschef: Nicos Anastasiades

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