Geteilte Insel Zypern: Auf die Krise folgt die Hoffnung

Aus Gemikonagi berichtet

Der griechische Teil Zyperns ist von der Bankenkrise schwer getroffen - nun wächst im türkischen Norden der Insel die Hoffnung auf eine Aussöhnung. Beide Seiten könnten davon profitieren, schon allein wegen großer Gasvorkommen.

Zypern-Konflikt: Szenen einer geteilten Insel Fotos
AP

Gemikonagi ist eins der weniger malerischen Örtchen am Mittelmeer: Ein Förderband, das weit ins von Kiesstränden umsäumte Blau hineinragt, erinnert an die Vergangenheit des Ortes als Verladehafen für Erze. Entlang der Hauptstraße drängen sich ein paar Dönerbuden und einige Automaten-Kasinos: Das Kaff ganz im Westen der Türkischen Republik Nordzypern war bis vor kurzem Anlaufstelle für griechische Zyprer, die auf dieser Seite ihrer geteilten Insel billig essen und ihre Euro-Scheine verspielen wollten. Bis die Krise begann.

Die Bankenkrise des Südens trifft nun auch den Norden hart. Tausende türkische Zyprer pendelten bislang täglich zur Arbeit in den griechischen Teil. Viele von ihnen müssen nun um ihre Jobs fürchten - genauso wie die Automaten-Kasinos in Gemikonagi jetzt um ihre griechische Kundschaft bangen müssen.

Prominentester Bau in Gemikonagi ist ein Militärclub. Bis zum Dach rot-weiß gestrichen, zeugt er von türkisch-zyprischem Nationalstolz. "Zuerst die Heimat", heißt es drinnen über einem Bild des türkischen Nationalhelden Mustafa Kemal Atatürk. Auch anhand der restlichen Deko könnte man darauf schließen, dass hier niemand an Versöhnung interessiert ist: Dutzende Fotos halten die Erinnerungen an historische Gräueltaten zwischen den beiden Volksgruppen wach, die 1974 in einem griechischen Putsch und einer darauf folgenden türkischen Militärintervention gipfelten. Die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seitdem geteilt. Im Norden gibt es die Türkische Republik Nordzypern, die aber nur von der Türkei anerkannt wird. Im Süden liegt die Republik Zypern, die aber die ganze Insel international vertritt und auch Mitglied der EU ist.

Doch der Eindruck der alten, tiefen Feindschaft, die die Bilder im Militärclub heraufbeschwören, trügt. Das Verhältnis zwischen dem griechischen und dem türkisch besetzten Teil Zyperns ist wesentlich komplexer. So stimmten die Menschen in Gemikonagi in einem 2004 abgehaltenen Referendum für die Wiedervereinigung der Insel und den Friedensplan des damaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan. Doch während die türkischen Zyprer sich von einem gemeinsamen EU-Beitritt den Aufschwung erhofften, machten ihnen ihre griechischen Nachbarn mit einem klaren Nein zur Wiedervereinigung einen Strich durch die Rechnung.

"Die Griechen wollten allein vom Euro profitieren"

Als der griechische Teil der Insel im Jahr 2008 den Euro bekam, fühlte sich der Norden betrogen. Entsprechend groß ist nun die Schadenfreude. "Beim Referendum haben uns die Griechen außen vorgelassen, sie wollten allein vom Euro profitieren", sagt Efem Okiran, der den örtlichen Blumenladen betreibt. Nun könnten die Nachbarn sehen, wo sie bleiben. "Zehn Jahre lang haben sie Geld dank der EU gemacht, jetzt sollen sie zehn Jahre lang bluten."

Andere Beobachter sind weniger schadenfroh. Sie sagen, dass die Krise dabei helfen könnte, den gordischen Knoten des Zypern-Konflikts zu durchschlagen. Im Mittelpunkt stehen dabei die 2011 vor der Insel gefundenen Erdgasvorkommen, die beide Seiten für sich beanspruchen. Zuletzt hatte die Regierung in Ankara in scharfer Form davor gewarnt, die Finanzkrise mit einem Verkauf von zwischen beiden Seiten beanspruchten Gasvorkommen bewältigen zu wollen.

Experten vermuten, dass unter dem Meer südlich von Zypern etwa 2700 Milliarden Kubikmeter Gas lagern. Zum Vergleich: Der Erdgasriese Norwegen kommt auf eine mögliche Fördermenge von 7900 Milliarden Kubikmetern. Die Royal Bank of Scotland (RBS) hat den Wert der unerschlossenen Gasreserven Zyperns mit mehr als 600 Milliarden Euro beziffert. Doch die Ausbeutung dieses Schatzes könnte sich als äußerst schwierig erweisen - auch wegen möglicher Konflikte mit anderen Staaten aus der Region. Israel, der Libanon und eben auch die Türkei melden Ansprüche auf die unterseeischen Gasreserven an.

So wird das Gas wohl erst dann gefördert, wenn sich beide Inselteile und ihre Schutzmächte Griechenland und die Türkei geeinigt haben: Die Türkei hofft, dass die klammen Griechen das Geld aus der Gasförderung so dringend brauchen, dass sie sich endlich auf eine - den Türken genehme - politische Lösung des Zypern-Konflikts einlassen.

Der türkische Präsident Abdullah Gül sprach bereits davon, dass die Finanzkrise eine "wichtige Gelegenheit" darstelle, die Spaltung der Insel zu beenden. Laut Gül wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, wenn alle Embargos aufgehoben würden. Die Türkei verbietet es zyprischen Flugzeugen und Schiffen, türkische Flug- und Seehäfen anzusteuern. Umgekehrt gibt es ein EU-Embargo gegen die Türkische Republik Nordzypern.

Das Engagement der Türkei für ein Ende der Zypern-Krise hat ebenfalls wirtschaftliche Gründe: Die Lage auf der Insel, auf der etwa 30.000 türkische Soldaten stationiert sind, ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einem EU-Beitritt der Türkei.

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1. in welcher Form?
Hilfskraft 29.04.2013
Zitat von sysopDer griechische Teil Zyperns ist von der Bankenkrise schwer getroffen - nun wächst im türkischen Norden der Insel die Hoffnung auf eine Aussöhnung. Beide Seiten könnten davon profitieren, schon allein wegen großer Gasvorkommen. Zypern: Türkischer Norden hofft auf Wiedervereinigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/zypern-tuerkischer-norden-hofft-auf-wiedervereinigung-a-895222.html)
in welcher Form? Gemeinsam einen trinken oder Grenze weg und die Insel ist vereint? So müsste die Türkei dann, schwupp die wupp, vorerst teilweise in der EU sein. Oder, denke ich da falsch?
2.
andreu66 29.04.2013
Wer einmal die geplünderten Kirchen in Nordzypern gesehen hat und weiss, dass den Griechen nicht einmal am Namenstag des Kirchenpatrons der Zugang gestattet wird, der weiss, dass eine Versöhnung so nicht möglich ist. Inzwischen wird Nordzypern fast ausschließlich von anatolischen Türken bewohnt, die muslimischen Zyprioten leben oft in England oder sogar im Süden.
3.
lischen 29.04.2013
@tangarra: ein Land wie Zypern, welches aufgrund von fehlenden Rohstoffen selbst so gut wie keinerlei Export betreibt -abgesehen von Zitronen, Kartoffeln und Re-exporten von Autos - ist dermaßen von der umliegenden Wirtschaft (Haupteinnahmequelle Tourismus)abhängig, dass es keine andere Wahl hat, als sich auf Bankgeschäfte zu verlassen, sieht an ja schon am . Das ging ja auch ganz gut, bis zum Schuldenschnitt wegen Griechenland, bei dem der Kleinanleger um sein Geld gebracht wurde
4.
shuggarcgn 29.04.2013
Zitat von sysopDer griechische Teil Zyperns ist von der Bankenkrise schwer getroffen - nun wächst im türkischen Norden der Insel die Hoffnung auf eine Aussöhnung. Beide Seiten könnten davon profitieren, schon allein wegen großer Gasvorkommen. Zypern: Türkischer Norden hofft auf Wiedervereinigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/zypern-tuerkischer-norden-hofft-auf-wiedervereinigung-a-895222.html)
Soweit ich mich erinnere, wollte die EU Südzypern damals nicht aufnehmen, so lange sie sich nicht für die sog. "Wiedervereinigung" einsetzt. Sie hat sich statt dessen komplett verweigert und kam trotz dem rein! Und dass das Zypern-Problem "der Hinderungsgrund" eines türkischen EU-Beitritts sei, ist schlichtweg verlogen. Bereits am obigen Beispiel dürfte klar sein, dass die EU ein Christianistenhaufen ist und eben nur solche "Mitglieder" duldet! So lange die Türken nicht auf die Idee kommen, den Halbmond gegen das Kreuz auszutauschen, so lange wird die EU Geschichten erfinden, warum die Türkei kein Beitrittskandidat sein kann. Umgekehrt ist der Zug aber abgefahren: Bereits die Mehrheit der Türken wollen nicht mehr in die EU. Denn die Türkei ist heute wirtschaftlich auf einem besseren Weg, dass manche "Größen" in der EU von solchen Zahlen heute nur träumen können. Die Türkei benötigt die EU nicht mehr, aber umgekehrt beschwert sich die EU, dass sich die Türkei von ihr abwende... Nein nein, da bin ich und sehr viele Andere auf der selben Wellenlänge mit den europäischen Neokons: Die EU darf der Türkei nicht beitreten! Und wenn die Krise so weitergeht wird die EU eher von sich selbst austreten. Zumindest für ihr Zypern-Problem gibt es bereits eine Lösung: Abtrennen und an die Türkei verkaufen!!!
5. Versöhnung muss warten
wwwwalter 29.04.2013
Die griechischen Zyprer haben mit den erst in den vergangenen Jahrzehnten angesiedelten Festlandstürken aus Anatolien kaum irgendwelche Gemeinsamkeiten. Letztendlich handelt es sich um Siedler, die im Auftrag der türkischen Regierung das Land in Besitz genommen haben, ganz ähnlich wie die israelischen Siedler in den Palästinensergebieten. Das ist dann schon eine harte Nuss, zumal Sprache, Alltagskultur und Religion grundverschieden sind. Man sollte eher in Generationen, denn in Jahren denken, ehe da eine echte Versöhnung stattfinden wird. Vielleicht gibt es mal eine lose Konföderation, die vor allem der Wirtschaft dienen wird, aber alles andere bleibt Wunschdenken der Westeuropäer und Amerikaner.
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Das Zypern-Hilfsprogramm
Wie hoch ist der Finanzbedarf?
Der zyprische Finanzbedarf bis zum ersten Quartal 2016 wird auf insgesamt 23 Milliarden Euro beziffert. Die Summe ergibt sich aus Restrukturierungen und Rekapitalisierungen im Bankensektor des Inselstaates. Hinzu kommen Verpflichtungen aus mittel- und langfristigen Krediten des Landes sowie ein weiterer Mittelbedarf zur Staatsfinanzierung.
Wer zahlt?
Mit 13 Milliarden Euro soll - im weitesten Sinne - Zypern selbst den größeren Teil des Bedarfs aufbringen. Aus dem Euro-Rettungsschirm ESM sollen rund 10 Milliarden Euro an Kredithilfen kommen. Die Laufzeit der soll zwischen 15 Jahren und 20 Jahren liegen. Eine weitere Milliarde Euro will der Internationale Währungsfonds in Form eines dreijährigen Kredits beisteuern.
Wohin fließen die externen Gelder?
2,5 Milliarden Euro sollen in die Rekapitalisierung der Banken nach Abwicklung beziehungsweise Umstrukturierung der beiden größten Institute fließen. 4,1 Milliarden Euro sollen für Tilgung auslaufender Staatsanleihen aufgewendet werden. 3,4 Milliarden Euro sind für weitere finanzielle Verpflichtungen des zyprischen Staates bis 2016 eingeplant.
Wohin fließt der Eigenanteil?
10,6 Milliarden Euro kostet allein die Abwicklung der Laiki Bank und die Restrukturierung der Bank of Cyprus. Beteiligt werden Großanleger und -gläubiger. 600 Millionen Euro soll die Erhöhung der Unternehmenssteuer um 2,5 Punkte auf 12,5 Prozent und die Verdopplung der Kapitalertragssteuer bringen. Etwa 400 Millionen Euro sollen aus Goldverkäufen fließen. Bis zu einer Milliarde Euro soll die Streckung bestehender Staatskredite bringen, die bei heimischen Investoren liegen. Schätzungsweise 1,4 Milliarden Euro könnten Privatisierungen ergeben. Verbesserte Konditionen eines laufenden Großkredits Russlands könnten bis zu 100 Millionen Euro beisteuern.