Migranten nach den NSU-Morden Das Vertrauen ist weg

Eine Studie analysiert erstmals die gesellschaftlichen Auswirkungen der NSU-Morde. Demnach belasten sie die Beziehung vieler türkischstämmiger Migranten zu Deutschland. Das hat Folgen für das ganze Land.

Kundgebung für die NSU-Opfer
DPA

Kundgebung für die NSU-Opfer


Wir wissen viel über die Seelenqualen der Überlebenden des Terroranschlages am 11. September 2001, über das Leid der Hinterbliebenen und Helfer. Es gibt dazu Dokumentationen, Filme, Bücher. Die psychischen Folgen für die Nation und die westliche Welt sind vielfach untersucht worden. Auch bei anderen derartigen Anschlägen sind Forscher schnell zur Stelle und prüfen die Auswirkungen. Doch was wissen wir über die Folgen der NSU-Morde?

Eigentlich nichts. Noch niemand hat systematisch nachgehakt, wie es sich auf die in Deutschland lebenden Migranten ausgewirkt hat, dass eine rechtsradikale Terrororganisation über Jahre hinweg Anschläge in sieben Städten verüben konnte, bei denen insgesamt zehn Menschen starben - und der Staatsschutz nur durch einen Zufall auf diese Gruppe aufmerksam wurde. Stattdessen ermittelten Polizei und Sicherheitsbehörden zunächst im türkischen Mafia-Milieu, suchten die Täter unter den Verwandten und Freunden der Opfer.

Wie die Polizei anfangs bei den Ermittlungen zu den Morden, wissen auch Wissenschaftler bislang wenig, wenn es um die gesellschaftlichen Folgen des Skandals geht. Der Ökonom Sumit Deole von der Universität Halle-Wittenberg will diese Lücke schließen. Auf Basis des Sozioökonomischen Panels (SOEP) konnte er nachvollziehen, inwiefern der NSU-Skandal und seine Enthüllung die türkischstämmigen Menschen in Deutschland getroffen hat.

Türkischstämmige Menschen fühlten sich weniger Deutsch

Für das SOEP werden seit 1984 regelmäßig rund 12.000 Haushalte in Deutschland sowie seit Mitte der Neunziger auch bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Zuwanderer, befragt. Für die aktuelle Studie verwendete Deole deren Angaben aus den Jahren 2009 bis 2014. Sie wurden in dieser Zeit unter anderem gefragt, wie sehr sie sich vor Fremdenfeindlichkeit fürchten, wie groß ihre Angst vor Kriminalität generell in Deutschland ist und nach ihrem Zugehörigkeitsgefühl. Die Antworten der rund 700 türkischstämmigen Muslime sind eindrücklich, wie Deoles Studie zeigt.

2012, in dem Jahr nachdem die NSU-Morde aufgedeckt wurden, empfanden türkischstämmige Migranten deutlich mehr Fremdenfeindlichkeit in ihrem Alltag als Migranten aus anderen Staaten. Die Erhebung zeigt, dass dieses Gefühl schon vor der Flüchtlingskrise 2014 und 2015 zunahm. Es stammt also aus der Zeit, bevor es vermehrt zu Anschlägen auf Migranten kam, welche die Ängste unter allen betroffenen Minderheiten schürten.

Mehr noch: Die verstärkte Unsicherheit wurde von einem Gefühl der Entfremdung begleitet. Türkischstämmige Menschen, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, auch in zweiter Generation, fühlten sich weniger Deutsch und gleichzeitig eher fremd im Land als vor dem NSU-Skandal. Sie fühlten sich gleichzeitig ihrem Ursprungsland enger verbunden.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Letztendlich hinterließ die Enthüllung der wahren Täter auch Spuren in ihrem allgemeinen Wohlbefinden. Die türkischstämmigen Migranten fühlten sich nicht nur mehr bedroht und unsicher sowie fremd im Gastland. Sie büßten auch an Lebenszufriedenheit ein, wie die Analyse von Deole ergab.

"Die Ursache für diese soziale Entfremdung sind jedoch nicht die Verbrechen an sich", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Seiner Meinung nach sind eher die Schlampereien bei den Ermittlungen verantwortlich.

"So viel Misstrauen habe ich noch nie bei den Menschen erlebt"

Unterstützung bekommt er vom Psychotherapeuten und Integrationsbeauftragten der LRV-Klinik Köln Ali Kemal Gün: "Die Studienbefunde bestätigen meine Erfahrung mit Patienten, Angehörigen von Opfern sowie den türkischstämmigen Menschen, mit denen ich gesprochen habe", sagt er. Zahlreiche Opfer des Nagelbomben-Attentats des NSU kennt er persönlich und arbeitet seit Jahrzehnten unter anderem mit Opfern und Angehörigen von fremdenfeindlichen Übergriffen. "So viel Misstrauen wie nach dem NSU-Morden habe ich noch nie bei den Menschen erlebt", sagt der Psychologe.

Es sei eine rein menschliche Reaktion, dass die türkischstämmigen Migranten in Deutschland mehr Angst haben seit den Morden. "Mir könnte es auch passieren" gehe es ihnen durch den Kopf. Ihr Sicherheitsgefühl sei nachhaltig gestört, die Aufarbeitung der Verbrechen habe zudem das Vertrauen in die Justiz vermindert.

Gün glaubt nicht, dass sich das verlorene Vertrauen durch den Schuldspruch am Mittwoch zurückerlangen lasse. "Der Staat hat nicht alle Gründe für diese Taten, nicht alle Strukturen hinterm NSU aufgeklärt. Es bleiben viele Fragen offen und somit auch die Angst, dass solche Anschläge noch immer passieren können", mahnt er. Die Studie von Deole gebe erstmals einen Einblick. Doch man müsse nun mit den Individuen sprechen, um zu ergründen wie tief die Wunden sind, die der NSU-Skandal hinterlassen hat.

"In einer Zeit, in der rechtsgerichtete politische Parteien in Wahlen von etablierten Demokratien hinzugewinnen, hängt der Erfolg von Eingliederungsbestrebungen davon ab, die Ängste der Minderheiten zu adressieren", glaubt Ökonom Deole. Dafür sei Prävention und die schnelle Aufklärung von Verbrechen gegen Einwanderer wichtig. So könnten auch Gelder, die für Integration ausgegeben werden, effizienter genutzt werden.

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