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07.08.2009
 

Stammzellen aus Nabelschnurblut

Wie die Angst der Eltern zu Geld gemacht wird

Von Birger Menke und Jens Lubbadeh

Unternehmen preisen tiefgefrorene Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" an und locken werdende Eltern mit großen Versprechen. Im Internet findet sich "gesundheitliche Aufklärung" zum Thema - doch auch die wird oft von privaten Zellbanken finanziert.

Es ist der Alptraum aller Eltern: Ein Kind, zweieinhalb Jahre jung, soll am Darm operiert werden. Während der Vorbereitung der Operation kommt es zu Komplikationen, das Herz hört auf zu schlagen. Das Gehirn des Kindes ist eine Zeit lang ohne Sauerstoff. Das Kind überlebt, doch bleibt es nach der Operation im Wachkoma, es entwickelt spastische Lähmungen an Armen und Beinen. So geschehen in einer Klinik in Bochum im Jahr 2008.

Umworbenes Blut: Unternehmen versprechen mit den Stammzellen aus der Nabelschnur eine Art biologischer Lebensversicherung
DDP

Umworbenes Blut: Unternehmen versprechen mit den Stammzellen aus der Nabelschnur eine Art biologischer Lebensversicherung

Die Eltern entscheiden sich für eine äußerst seltene Therapie: Die Transplantation von Stammzellen, gewonnen aus dem Nabelschnurblut des Kindes. Es war gleich nach der Geburt entnommen und vom Unternehmen Vita 34 in Leipzig tiefgefroren worden. Was danach geschah, ist für beide ein Glücksfall - zuallererst für das Kind, aber auch für Vita 34. In den Wochen nach der Transplantation hörte es erst auf zu wimmern, dann reagierte es wieder auf die Außenwelt, zudem gingen die spastischen Lähmungen zurück.

Seit einigen Jahren bieten öffentliche und private Anbieter Eltern die Möglichkeit, Nabelschnurblut einzufrieren. Mit den Stammzellen aus dem Blut wollen Mediziner in Zukunft Krankheiten wie Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt heilen - und womöglich sogar einmal neue Organe züchten. Ob das tatsächlich einmal gelingen wird, ist völlig ungewiss. Zwar macht die Stammzellforschung derzeit rasante Fortschritte. Bisher gibt es aber nur wenige sichere Therapien mit Stammzellen wie etwa die Behandlung von Leukämie, dem Blutkrebs. Laut Statistiken des Kinderkrebsregisters erkranken 14 von 100.000 Kindern bis 15 Jahren jährlich an Krebs, ein Drittel dieser Fälle sind Leukämien.

"Es ist und bleibt ein Heilversuch"

Ganz anders klingt das aber in der Werbung der privaten Nabelschnurblut-Lagerer: Vita 34, nach eigenen Angaben mit inzwischen rund 62.000 eingelagerten Proben Marktführer unter den privaten Anbietern in Deutschland, macht auf seiner Internetseite auf den Fall des hirnkranken Kindes aufmerksam. Oben auf der Seite werden Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" angepriesen, unten wird über das Kind berichtet. Überschrift: "Medizinische Erfolge", Hintergrund des Textes: Grün - die Farbe der Hoffnung.

Die hat auch Arne Jensen, Professor an der Uniklinik Bochum, der gemeinsam mit Eckhard Hamelmann von der Universitätskinderklinik St. Josef-Hospital die Transplantation durchführte. Jensen hofft, dass die Transplantation tatsächlich zu der Genesung des Kindes geführt hat - er weiß es aber nicht. "Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass hier Ursache und Wirkung zusammenhängen, es ist und bleibt ein Heilversuch", räumt Jensen ein. Er plant nun eine Studie, um die Wirkung der körpereigenen Stammzellen aus Nabelschnurblut bei Kindern mit Schädigungen des Gehirns näher zu untersuchen. "Es bleibt, die Ergebnisse abzuwarten, um von Erfolg zu sprechen." Wenn die Darstellung des Falles über sachliche Information hinausgehe, sei das "nicht korrekt".

So steht der Bochumer Fall beispielhaft für den Umgang mit Stammzellen aus Nabelschnurblut: Auf der einen Seite Wissenschaftler und eine Forschung im Experimentalstadium. Auf der anderen Seite sechs Unternehmen, die werdende Eltern überzeugen wollen, dass das Einfrieren von Nabelschnurblut für den Eigengebrauch eine biologische Lebensversicherung für das Kind darstellt - gegen entsprechende Bezahlung natürlich.

Vita 34 etwa lagert für einmalig 1990 Euro und eine Jahresgebühr von 30 Euro Nabelschnurblut tiefgefroren ein. Dazwischen stehen: Die fünf öffentlichen Stammzellbanken, die um Spenden für die Allgemeinheit werben, das Nabelschnurblut kostenlos einlagern und im Bedarfsfall an kranke Kinder weitergeben.

Entschließt man sich zur Spende des Blutes an eine öffentliche Bank, ist es damit nicht zwangsläufig für den Spender verloren: Sollte er erkranken und die Zellen benötigen, kann er sie bekommen - vorausgesetzt, sie sind noch nicht verwendet worden. Denn eine Spende reicht nur für eine Behandlung.

Die Vision, mit der die Unternehmen werben, ist eine individuelle, auf den einzelnen Patienten maßgeschneiderte Medizin. Man entnimmt ihm eine Zelle, die den Bauplan für den gesamten Organismus in sich trägt und züchtet aus ihr alles nach, was man braucht. So zumindest die Theorie. Der Vorteil: Da es körpereigenes Gewebe ist, wird es vom Immunsystem nicht abgestoßen.

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insgesamt 17 Beiträge zum Forum...
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13.08.2009 von sniffless: Je nachdem wie der Wind steht...

So klang Spiegel Online am 04.01.2007 in dem Artikel "Eigenes Nabelschnurblut hilft erstmals gegen Blutkrebs" zu dem Thema... http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,457885,00.html Vielleicht klingt der [...] mehr...

13.08.2009 von Phil5: -

ad sniffless & wolfha Danke, besser und deutlicher kann man es nicht ausdruecken. Leider zeigt sich in immer mehr Spiegel Artikeln die Tendenz polemisch zu thematisieren anstelle zu konkretisieren. Schade. mehr...

11.08.2009 von wolfha: Neurotischer Komplex vom Geldverdienen

Eine sensationalistische Schlagzeile ("Wie die Angst der Eltern zu Geld gemacht wird"), und schwupps hat man ein ernst zu nehmendes Thema völlig undifferenziert stigmatisiert. Ist doch schön - und als kleiner Nebeneffekt [...] mehr...

10.08.2009 von sniffless: was ich schade finde....

In all den vielen Diskussionen und Beitragen rund ums Thema Stammzellen aus Nabelschnurblut wird mit viel Emotion sich gerne widersprochen oder am Thema vorbeigeredet. Tatsache ist, dass Stammzellen die Grundlage unseres Körpers [...] mehr...

10.08.2009 von svez: Nabelschnurblut: "adulte" Stammzellen

Bei der ganzen Diskussion sollte ausserdem nicht ausser acht gelassen werden, dass es sich bei den Stammzellen im Nabelschnurblut "lediglich" um adulte Stammzellen handelt, und nicht um omnipotente embryonale [...] mehr...

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