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Stammzellen aus Nabelschnurblut Wie die Angst der Eltern zu Geld gemacht wird

2. Teil: Unabhängige Aufklärung? Fehlanzeige

Wissenschaftler können aus Stammzellen bereits Herz-, Lungen- und Hirnzellen züchten. Allerdings findet die Forschung noch entweder in der Petrischale oder in Mäusen statt. Wissenschaftlich valide, große Studien der Behandlung am Menschen gibt es wenige und sie laufen zurzeit noch. In den USA werden beispielsweise derzeit 40 Kinder mit Hirnschädigungen mit Stammzellen aus ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt.

Die ersten Ergebnisse sind zwar vielversprechend - doch Studienleiterin Joanne Kurztberg warnte in der "Los Angeles Times": Es sei noch nicht klar, ob die Verbesserungen durch die Behandlung kämen oder etwa durch einen Placebo-Effekt.

Bei anderen Krankheiten ist die Anwendung von Stammzellen noch kaum erforscht. Ebenfalls in den USA läuft eine Studie mit Querschnittsgelähmten, denen man mit Stammzellen helfen will. Ergebnisse gibt es noch keine. Risiken dagegen schon: Stammzellen können auch Krebs auslösen.

Die Unternehmen drücken auf das Gewissen der Eltern

Für die heute existierende Stammzelltherapie von Leukämie besteht zudem keine Notwendigkeit, Stammzellen für den Eigenbedarf einzufrieren. Der Grund: Blutkrebs hat vermutlich überwiegend genetische Ursachen. Würde man dem kranken Kind seine eigenen Zellen einpflanzen, wäre die Gefahr einer erneuten Erkrankung groß, da seine Zellen ja den Gendefekt in ihrem Erbgut tragen. Leukämie wird deswegen erfolgreich mit körperfremden Zellen behandelt - die die öffentlichen Stammzellbanken dank der kostenlosen Spenden bereithalten.

Auch ist unsicher, was der Gefrierprozess mit den Zellen macht. Zwar haben Forscher aus Nabelschnur-Stammzellen bereits Knochen-, Knorpel- und Nervenzellen sowie Zellen der inneren Organe gezüchtet. Allerdings gelang ihnen dies bisher nur mit frischen Zellen.

Niemand weiß, wie gut eingefrorene Stammzellen nach Jahrzehnten noch sind.

Vita 34 aber wirbt etwa damit, die Einlagerung könne "die Gesundheit ihres Babys ein Leben lang sichern". Wer will sich da später von seinem todkranken Kind vorwerfen lassen, diese Chance nicht genutzt zu haben?

"Eltern sollten fair und umfassend über den aktuellen Stand der Medizin aufgeklärt und nicht mit Versprechen geködert werden, die möglicherweise nicht zu halten sind", sagt Gesine Kögler, Biologin am Institut für Transplantationsdiagnostik und Zelltherapeutika der Uni-Klinik Düsseldorf und Leiterin der öffentlichen José-Carreras-Stammzellbank.

An den großen Versprechen der Unternehmen kommen werdende Eltern jedoch kaum vorbei. Wollen sich künftige Eltern über das Für und Wider einer Entnahme der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut informieren, stoßen sie im Internet auf eine Reihe von Seiten: nabelschnurblut.de, nabelschnurblut-experten.de, nabelschnurblut-tv.de, sogar ein eigenes Lexikon ist unter nabelschnurblut-wiki.de zu finden. Sie alle bieten Informationen und Meinungen von Experten zum Lesen, Ansehen und Anhören. Und hinter allen steht ein Unternehmen: Vita 34.

Gesetz erfüllt, das Ködern geht weiter

Während sich Vita 34 jedoch unter nabelschnurblut.de im Impressum zeigt, wird bei allen anderen Seiten eine Agentur "für journalistische Kommunikation" als Herausgeber genannt. Wer sich von den Experten überzeugen lässt, kann sich unter den weiterführenden Links gleich zum Anbieter begeben: zu Vita 34.

Die Vermischung von gesundheitlicher Aufklärung und unternehmerischem Interesse sieht der Vorstandschef von Vita 34, Eberhard Lampeter, nicht problematisch: Es seien "genau die Infos, die Eltern wünschen". Bis Juli 2008 sei Vita 34 als Herausgeber offen genannt worden - doch das Unternehmen wurde von der Verbraucherzentrale abgemahnt. "Wir dürfen in der Werbung keine konkrete Behandlung nennen, das verbietet das Heilmittelwerbegesetz", so Lampeter. Nun füttere die Agentur die Seiten, Vita 34 unterstütze sie dabei mit News, "die wir auf unserer eigenen Homepage nicht nennen dürfen". Kurz: Gesetz erfüllt, das Ködern geht weiter.

"Ich würde mich ja freuen, wenn unabhängige Stellen gesundheitliche Aufklärung zum Thema betreiben würden, aber sie überlassen das den Unternehmen", sagt Lampeter - und hat recht: Das Bundesgesundheitsministerium sah es bisher nicht als notwendig an, in einer Broschüre über den Stand der Forschung und das Für und Wider privater und öffentlicher Einlagerung aufzuklären. Das sei "Sache der Privatanbieter", sagte eine Sprecherin des Ministeriums zu SPIEGEL ONLINE.

Allein das Bundesforschungsministerium klärt in einer Broschüre über den allgemeinen Stand der Stammzellforschung auf.

Abhilfe wollte auf den ersten Blick der Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz (BVG) schaffen, als er im Oktober 2008 die Broschüre "Zehn Gründe, warum werdende Eltern das Nabelschnurblut ihres Kindes nicht wegwerfen sollten" veröffentlichte. Doch auch hier: unabhängige Aufklärung? Fehlanzeige. Das einzige Unternehmen, das in der Broschüre genannt wird, ist Vita 34.

"Wir sehen die Anwendung in vielleicht erst 40 Jahren"

Wer sich über Möglichkeiten in Kliniken in seiner Umgebung informieren will, dem empfiehlt der BVG in der Broschüre die Seite nabelschnurblut.de, Inhaber der Seite: Vita 34. Lampeter versichert, man habe inhaltlich nicht an der Broschüre mitgewirkt. Ob die Spende, die Vita 34 im letzten Jahr dem BVG überwiesen hat, sich auf den Inhalt der Broschüre ausgewirkt haben könnte, bleibt ungeklärt: Beim BVG war für SPIEGEL ONLINE niemand für eine Stellungnahme zu sprechen.

So bleiben werdende Eltern auf die Informationen von Unternehmen angewiesen und werden gelockt mit Slogans, die eine lebenslange Gesundheitsversicherung für ihr Kind versprechen.

Bei einem Konkurrenten ist man da schon realistischer: "Wir sehen die Anwendung nicht heute, nicht morgen, sondern in 20, vielleicht auch erst 40 Jahren", sagt Rochus Wegener, Vorstandsvorsitzender des Rostocker Unternehmens Seracell.

Trotzdem: Im eigenen Werbefilm bricht ein junger Mann auf dem Fußballfeld mit Herzinfarkt zusammen, Blende, der Mann ist wieder genesen und erzählt, er habe den Infarkt beinahe nicht überlebt. "Doch meine Eltern hatten schon vor meiner Geburt entschieden, Stammzellen aus dem Blut meiner Nabelschnur einlagern zu lassen, und diese Stammzellen haben die anschließende Therapie positiv beeinflusst."

Was der Film verschweigt: Stammzellen aus Nabelschnurblut wurden noch nie erfolgreich zur Behandlung von Herzinfarkten beim Menschen eingesetzt.

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insgesamt 17 Beiträge
km16 07.08.2009
Wichtig wäre noch anzumerken, dass bisher in Deutschland nur bei 3 Prozent aller Geburten das Nabelschnurblut weiterverwendet wird. Sei es nun als Spende oder für die private Einlagerung: Hier sollte in jedem Fall eine neutrale [...]
Wichtig wäre noch anzumerken, dass bisher in Deutschland nur bei 3 Prozent aller Geburten das Nabelschnurblut weiterverwendet wird. Sei es nun als Spende oder für die private Einlagerung: Hier sollte in jedem Fall eine neutrale Aufklärung der Eltern stattfinden. Und nicht alle Anbieter sind teuer. Das von Ihnen zitierte Unternehmen Seracell bietet die Einlagerung für monatlich 6 Euro und einmalig 180 Euro an.
Hovac 07.08.2009
Dafür hätten wirs es vielleicht gemacht, habe aber nur Angebote um die 2000 gesehen.
Zitat von km16Wichtig wäre noch anzumerken, dass bisher in Deutschland nur bei 3 Prozent aller Geburten das Nabelschnurblut weiterverwendet wird. Sei es nun als Spende oder für die private Einlagerung: Hier sollte in jedem Fall eine neutrale Aufklärung der Eltern stattfinden. Und nicht alle Anbieter sind teuer. Das von Ihnen zitierte Unternehmen Seracell bietet die Einlagerung für monatlich 6 Euro und einmalig 180 Euro an.
Dafür hätten wirs es vielleicht gemacht, habe aber nur Angebote um die 2000 gesehen.
Dieter Neth 07.08.2009
Als ob da irgendwelche Garantien bestünden dass in der heutigen Zeit diese Firmen wirklich noch existieren, wenn man die Zellen brauchen sollte. Nur mal versuchen, eine Versicherung zum Zahlen zu bewegen. Der menschliche Koerper [...]
Als ob da irgendwelche Garantien bestünden dass in der heutigen Zeit diese Firmen wirklich noch existieren, wenn man die Zellen brauchen sollte. Nur mal versuchen, eine Versicherung zum Zahlen zu bewegen. Der menschliche Koerper haelt bei guter Pflege 100 Jahre, da braucht es kein Ersatzteillager. Die ganze heutige Wissenschaft nimmt immer mehr die Züge eines Voodoo Kultes an-verbunden mit einem mittelalterlichen Ablasshandels, und einem Hollywood Starkult a la Elvis Presley, speziell die Medizin. In Wirklichkeit braucht man die ganzen Aerzte Heerscharen gar nicht, gute Hygiene, ein paar Basisimpfungen, korrekte Ernaehrung reichen aus. Aber heute ist ja angeblich jeder krank, von Geburt weg. Die wenigen wirklich gefaehrlichen Infektionskrankheiten koennte man heute noch gut mit Antibiotika behandeln, wenn man diese nicht für jeden kleine Kratzer verschrieben haette. Das beste Beispiel für die ganze Hysterie ist die gegenwaertige Schweinegrippe, welche nicht gefaehrlicher ist als Windpocken. Das ganze ist Geldverschwendung, weil die Lebenserwartung trotzdem nicht über 75 Jahre zu bringen ist, rechnet man mal das mehrjaehrige Dahinsiechen in Spitaelern und Altersheimen wieder raus. So alt wurde man schon zu Zeiten Mose, wenn nicht ein kleiner Krieg oder Hungersnot dazwischen kam.
ergoprox 07.08.2009
Unsere Frauenärztin hatte es auch empfohlen, nach ein wenig Recherche wusste ich warum: Es gibt Provisionen der Firmen. Nach etwas Internetrecherche haben wir uns entschlossen dies nicht zu tun. Wir haben das Blut gespendet.
Unsere Frauenärztin hatte es auch empfohlen, nach ein wenig Recherche wusste ich warum: Es gibt Provisionen der Firmen. Nach etwas Internetrecherche haben wir uns entschlossen dies nicht zu tun. Wir haben das Blut gespendet.
DerGriller 07.08.2009
Wenn man im Umland einer größeren Stadt sein Kind zur Welt bringt, sollte man das Nabelschnurblut besser unentgeltlich öffentlichen Forschungseinrichtungen wie Unikliniken spenden. Gerade in der Forschung zur Behandlung von [...]
Wenn man im Umland einer größeren Stadt sein Kind zur Welt bringt, sollte man das Nabelschnurblut besser unentgeltlich öffentlichen Forschungseinrichtungen wie Unikliniken spenden. Gerade in der Forschung zur Behandlung von Blutkrankheiten oder sogar HIV/AIDS sind Blutstammzellen aus Nabelschnurblut sehr wertvoll. Die Proben werden selbstverständlich nur mit Einverständnis der Mutter weitergegeben. Einfach die Hebamme oder den zuständigen Gynäkologen fragen. Auf diese Weise schenkt man langfristig vielleicht sogar mehr als einem Menschen das Leben.
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