Schweinegrippe
Mediziner fordern Schon-Impfung für Kinder
Von Gerald Traufetter
DPA
Immunisierung für Kinder: Wirkung noch nicht untersucht
Ärzte sind empört: Auch Kleinkinder sollen mit Pandemrix gegen die Schweinegrippe immunisiert werden, obwohl noch keine Wirkungsstudien vorliegen. Mediziner fordern eine Impfung ohne Wirkverstärker und Konservierungsmittel.
Ab nächstem Montag liegt der
Impfstoff gegen die
Schweinegrippe in den Arztpraxen: Er ist für Risikopatienten mit Vorerkrankungen gedacht, die als erste geimpft werden sollen. Zu dieser Gruppe zählen auch Kleinkinder, die chronische Beschwerden plagen, etwa an den Atemwegen. Doch ob der Impfstoff sicher für sie ist, hat bislang noch keine Studie untersucht - und das weckt Unmut bei Kinderärzten.
Nach dem Rat der Bundesregierung und der Zulassungsbehörden sollen auch Kleinkinder mit dem Impfstoff Pandemrix immunisiert werden. Doch das von GlaxoSmithKline (GSK) hergestellte Vakzin enthält einen Wirkverstärker ("Adjuvans").
Schwangeren soll er deshalb nicht verabreicht werden, so lautet die mittlerweile offizielle, behördliche Empfehlung.
Viele Kinderärzte kritisieren nun, dass diese Empfehlung für Kleinkinder offenbar nicht gilt. "Kinder haben ein
Immunsystem, das zu Überreaktionen neigt, und genau die könnten durch Adjuvantien ausgelöst werden", sagte Wolfram Hartmann, Präsident des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er würde Kleinkinder unter drei Jahren mit Vorerkrankungen eigentlich gerne gegen die Schweinegrippe impfen. Denn für Kinder dieser Altersgruppe stelle die Ansteckung mit der Schweinegrippe tatsächlich ein größeres Risiko dar, einen schweren Krankheitsverlauf erleiden zu müssen.
Kein Quecksilber für Kinder
Das Problem ist: Wie bei Schwangeren wurde Pandemrix im Vorfeld nicht an unter Dreijährigen getestet. Das gibt auch die Ständige Impfkommission (Stiko) zu bedenken. Sie schreibt in ihrer letzten Impfempfehlung: "Klinische Daten lagen zum Zeitpunkt der Zulassung nicht vor." Wolfram Hartmann fordert deshalb, umgehend einen Impfstoff ohne Wirkverstärker zu beschaffen. Die niedersächsische Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) versprach am Montag bereits, einen solchen alternativen Impfstoff zu besorgen. Diesen solle es erst ab Mitte November geben.
Der Baxter-Impfstoff allerdings, den das Bundesinnenministerium für die Regierung, Spitzenbeamte und nachgeordnete Behörden bestellt und
dadurch starken Unmut in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat, eignet sich als Alternative weder für Schwangere, noch für Kleinkinder. Auch dieser Stoff ist noch nicht an diesen beiden Personengruppen getestet worden
Kinderärzte-Präsident Hartmann führt einen weiteren Grund für einen alternativen Impfstoff auf: Pandemrix enthalte einen Konservierungsstoff, der aus einer Quecksilberverbindung bestehe. Diese Konservierungsmittel hat man bei anderen Kinderimpfstoffen schon vor längerem weggelassen. Der Haltbarmacher ist nötig, weil Pandemrix in Ampullen geliefert wird, mit denen sich gleich zehn Erwachsene impfen lassen.
Stiko: "Bei Kindern noch mit Impfung warten"
Doch das stellt die Kinderärzte vor ein ganz praktisches Problem: Wollen sie ein chronisch krankes Kind gegen die Schweinegrippe impfen, dann verabreichen sie ihm die Hälfte der Erwachsenendosis. "Aus einer Ampulle könnten wir also 20 Kinder impfen", sagt Hartmann. "Doch so viele Kinder kommen bei den meisten Pädiatern gar nicht an einem Tag in die Sprechstunde."
Unglücklicherweise aber hält sich der Impfstoff nur 24 Stunden. "Wir müssen dann die angebrochene Ampulle wegwerfen", so der nordrhein-westfälische Kinderarzt. Er empört sich darüber, dass niemand bei den Behörden sich darüber Gedanken gemacht hat. Die Kosten für den weggeschütteten Impfstoff zahlen dann wohl nicht die Krankenkassen, sondern dafür springt der Staat ein. So jedenfalls äußert sich die Landesregierung Niedersachsen.
Kinderarzt Hartmann rät Eltern mit chronisch kranken Kindern derzeit zum Abwarten, bis die Behörden einen Impfstoff ohne Adjuvans bestellt haben. Für Eltern mit gesunden Kindern gilt derzeit ohnehin, mit der Impfung zu warten. So steht es in der Stiko-Empfehlung: "Angesichts der aktuell noch limitierten Datenlage zur Sicherheit und Wirksamkeit der pandemischen H1N1-Impfstoffe bei jungen Kindern ab 6 Monaten und der derzeit milden Verläufe in Deutschland sollten weitere Daten zu den Impfstoffen abgewartet und der weitere epidemiologische Verlauf beobachtet werden, um eine ausgewogene Nutzen-Risiko-Analyse vornehmen zu können."
Gleiches gilt übrigens für die gesunde Bevölkerung. Die Stiko wird bis Mitte November erneut beraten, ob eine Impfung überhaupt notwendig ist.
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DAS SCHWEINEGRIPPE-VIRUS
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen.
Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten
Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist
zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in
der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
SCHWEINEGRIPPE-IMPFUNG
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Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar:
http://www.emea.europa.eu.
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man
hier.
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.