Schweinegrippe
Ärzte beklagen Regressdrohung bei Impfung
ddp
Impfung gegen die Schweinegrippe: Müssen Ärzte draufzahlen?
Neuer Ärger mit der Schweinegrippe-Impfung: Diesmal beschweren sich die Ärzte, weil ihnen mitunter Regresszahlungen drohen, wenn sie nicht alle Impfdosen verbrauchen. Während in Rheinland-Pfalz die Gesundheitsbehörde einspringen will, gibt es in Mecklenburg-Vorpommern noch Klärungsbedarf.
Zweibrücken/Mainz - Christian Neumann wollte seinen Augen nicht trauen, als er den Vertrag der AOK Rheinland-Pfalz aufschlug. Das Manuskript, das der Kinderarzt eigentlich unterschreiben wollte, sah vor, dass Ärzte in Rheinland-Pfalz für jede nicht von ihnen verbrauchte Dosis des Impfstoffes gegen die Schweinegrippe Schadenersatz zahlen sollen. "Der Druck, der damit auf die Ärzte ausgeübt wird, ist für diese Impfaktion kontraproduktiv", sagt Neumann, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Rheinland-Pfalz.
In jedem Bundesland wird der Impfstoff in Ampullen mit jeweils zehn Impfdosen ausgeliefert. Ist eine Ampulle einmal angebrochen, dann müssen die zehn Dosen innerhalb von 24 Stunden aufgebraucht werden. Pro erfolgter Impfung bekommen die Ärzte in Rheinland-Pfalz ein Honorar von sechs Euro bezahlt, pro nicht verbrauchter Dosis sollen sie der Kasse neun Euro zahlen. Wenn von zehn potentiellen Patienten vier nicht zur Impfung kämen oder es sich nach dem Beratungsgespräch anders überlegten, bekomme der Arzt schon kein Geld mehr, rechnet Neumann vor. Er hätte zwar Anspruch auf sechsmal sechs Euro Honorar, müsste aber zugleich viermal neun Euro Regress zahlen.
Neumann betonte, kein Arzt wolle sich an der Schweinegrippe-Impfung bereichern. "Der angedrohte Regress macht es jedoch für die meisten wahrscheinlich, dass sie jetzt sogar draufzahlen, wenn sie den Vertrag mit der AOK unterschreiben." Schon das Honorar von sechs Euro je Impfung mache eine kostendeckende Durchführung der Impfaktion eigentlich kaum möglich.
Übernehmen Landesregierungen die Kosten?
Die AOK Rheinland-Pfalz hält dagegen, sie sei nur zur Kostenübernahme für tatsächlich verabreichte Impfdosen verpflichtet. "Wenn die Ärzte einfach eine Packung mit zehn Impfdosen aufreißen, aber nur eine verabreichen, gibt es ein riesiges Kostenproblem", sagt Walter Bockemühl, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland-Pfalz, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Deswegen haben wir in Zusammenarbeit mit der Landesregierung die Regressquote eingerichtet."
Nun springt aber ausgerechnet die Landesregierung für die Mediziner in die Bresche - die laute Beschwerde der Kinderärzte hat offenbar Wirkung gezeigt. "Wir werden sicherstellen, dass kein finanzielles Risiko für die Ärzte entsteht", sagt Beate Fasbender-Döring, Pressesprecherin der Gesundheitsbehörde Rheinland-Pfalz, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Voraussichtlich werde die Regierung die Kosten für die übrig gebliebenen Impfdosen übernehmen, diese Entscheidung sei nach den Klagen der Kinderärzte am Dienstag gefallen.
Auch in anderen Flächenländern koordinieren die Krankenkassen-Verbände die Impfung gegen die Schweinegrippe, so auch in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist nach Angaben von Arne Boecker, dem Pressesprecher des Ministeriums für Soziales und Gesundheit, die Kostenübernahme für nicht-verimpfte Dosen noch nicht geklärt: "Ob die Ärzte, die Krankenkassen oder die Landesregierung zahlen müssen, wissen wir noch nicht."
Im Stadtstaat Hamburg hingegen hat das Gesundheitsministerium 15 Schwerpunktpraxen benannt, die die Immunisierung vornehmen. "Hier wird es das Problem mit unverbrauchten Impfdosen nicht geben, weil es nur einige wenige Stellen gibt, an denen Impfungen durchgeführt werden", sagt Rico Schmidt, der Pressesprecher der Gesundheitsbehörde Hamburg. "Regressforderungen an Ärzte gibt es hier nicht." In vielen Bundesländern können sich Personen mit Vorerkrankungen ab Montag, dem 2. November, impfen lassen.
hei/dpa
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SCHWEINEGRIPPE-IMPFUNG
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Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar:
http://www.emea.europa.eu.
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man
hier.
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.
Wer sich in den kommenden Wochen gegen die
Schweinegrippe impfen lässt, sollte seinen Arzt oder Apotheker über
aufgetretene Nebenwirkungen informieren, insbesondere im Fall von Kleinkindern und Schwangeren. Das teilte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Start der bundesweiten Impfaktion mit.
Der Vorsitzende des Gremiums, Martin Schulz, erklärte: "Soweit wir
derzeit wissen, ist die Impfung gut verträglich. Um seltene
Nebenwirkungen zu entdecken, bitten wir alle Patienten, ihren Arzt
oder Apotheker über beobachtete Nebenwirkungen zu informieren."
Auch bereits bekannte unerwünschte Wirkungen sollten gemeldet
werden, damit deren Häufigkeit oder Schweregrad künftig besser
eingeschätzt werden könnten. Apotheken würden dann die
Verdachtsfälle an die Geschäftsstelle der AMK melden.
Nebenwirkungen wie Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle sowie mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen sind bei jeder Grippeimpfung möglich. Adjuvantien können die Nebenwirkungen verstärken.
DAS SCHWEINEGRIPPE-VIRUS
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen.
Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten
Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist
zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in
der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
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