Pandemie in Deutschland
Drei Schweinegrippe-Tote an einem Tag
dpa
Spritzen: Die WHO rät angesichts der steigenden Schweinegrippe-Fälle weiterhin zur Impfung
Die Schweinegrippe breitet sich immer schneller aus - auch in Deutschland: Am Freitag starben drei infizierte Menschen in Bonn, Augsburg und im Saarland. Eines der Opfer hatte keine bekannten Vorerkrankungen. In Osteuropa bekämpfen die Behörden das Virus mit drastischen Maßnahmen.
Genf/Berlin/Kiew - Seit dem Ausbruch der Krankheit im April seien weltweit mindestens 5700 Menschen an der
Schweinegrippe gestorben. Das teilte die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Freitag in Genf mit. Die meisten Todesfälle habe es in der vergangenen Woche in Nord- und Südamerika gegeben: Laut WHO sind 600 Menschen dort am H1N1-Virus gestorben, insgesamt seien es damit bisher 4175 Todesopfer.
Auch in Deutschland breitet sich die Schweinegrippe nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums immer schneller aus: 30.000 Infektionsfälle seien bisher erfasst worden. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) lagen zunächst keine neuen Überblicksdaten vor. Im zuletzt verfügbaren Berichtszeitraum vom 14. bis 20. Oktober waren 25.285 Fälle registriert. Die Zahl der Neuerkrankungen war binnen einer Woche von 1503 auf 1596 gestiegen.
Vor einiger Zeit hatte es erst 600 bis 800 neue Infektionsfälle pro Woche gegeben, sagte der RKI-Sprecher Günther Dettweiler. Derzeit würden 27 Prozent der von Arztpraxen an das RKI eingesandten Rachenabstriche positiv auf Schweinegrippe getestet.
Damit sei eine weitere Ausbreitung der Krankheit absehbar. Dieser Umstand solle bei der Abwägung für oder gegen eine Impfung beachtet werden, sagte Dettweiler.
Drei neue Opfer in Deutschland
Seit Freitag gibt es in Deutschland sechs Todeopfer des H1N1-Erregers. Allein drei von ihnen starben an diesem Freitag. Die drei jüngsten Opfer erlagen im Universitätsklinikum Bonn, im Augsburger Zentralklinikum und in einer Kinderklinik im saarländischen Neunkirchen den Folgen ihrer schweren Erkrankung. Es handelt sich um eine Frau mittleren Alters, einen Jugendlichen und ein Kind.
Ein Sprecher der Bonner Klinik teilte am Abend mit: "Die 48-Jährige aus dem Rhein-Sieg-Kreis hatte keine bekannten Vorerkrankungen, die den schweren Krankheitsverlauf erklären würden. Wo sie sich angesteckt hat, ist unklar." Die Patientin sei vor einigen Tagen aus einem anderen Krankenhaus zur intensivmedizinischen Weiterbehandlung in das Universitätsklinikum verlegt worden. "Dort musste sie an der künstlichen Lunge angeschlossen werden."
Bei dem jugendlichen Opfer soll es sich laut der "Augsburger Allgemeinen" um einen 16-jährigen schwerbehinderten Jungen handeln. In der Augsburger Klinik werden dem Blatt zufolge zwei weitere an den Folgen der Schweinegrippe erkrankte Kinder künstlich beatmet. Bei dem dritten Opfer dieses Tages handelt es sich um einen fünfjährigen Jungen. Wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Abend in Saarbrücken sagte, hat das Kind durch einen Unfall vor zwei Jahren an schweren chronischen Krankheiten gelitten. Der Junge sei seit zwei Tagen in einer Kinderklinik in Neunkirchen behandelt worden und litt neben der Schweingrippe an einer bakteriellen Lungenentzündung.
Ukraine schließt landesweit alle Schulen
Unterdessen ergreift die Regierung der Ukraine drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie: Nach einer Serie von Todesfällen im Zusammenhang mit der Schweinegrippe hat die Regierung landesweit die Schulen geschlossen und größere Veranstaltungen verboten. Die Regierungschefin Julia Timoschenko ordnete am Freitag zunächst drei Wochen Ferien für alle Bildungseinrichtungen des Landes an, wie die Agentur Interfax aus Kiew meldete. Außerdem seien für diesen Zeitraum keine Veranstaltungen mit größeren Menschenmengen, einschließlich Konzerte oder Kino, erlaubt. Besonders stark ist der Westen des Landes von der Grippe betroffen.
Unklar ist allerdings noch, wie viele der Todesfälle tatsächlich auf das H1N1-Virus zurückzuführen sind: Insgesamt bestätigten die ukrainischen Behörden den Tod von 35 Menschen. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko sprach aber nur von 11 bestätigten Schweinegrippe-Todesfällen.
Im Westen des Landes kam es zu Hamsterkäufen in Apotheken. Die Regierung drohte damit, im Fall von Preiserhöhungen für Medikamente den Apotheken die Lizenzen zu entziehen. Die ukrainische Armee stelle Ärzte, Sanitäter und Reservisten ab, um die massenhaft unter Grippe leidenden Menschen zu betreuen. "Die Situation droht völlig außer Kontrolle zu geraten", sagte der Chef des Sicherheitsausschusses im Parlament, Anatoli Grizenko. Die Krankheit breite sich mit "rasender Schnelligkeit" aus.
Erste Ergebnisse aus den Massenimpfkampagnen
Die WHO rät weiterhin zu einer
Impfung gegen den H1N1-Erreger. Experten hatten die verfügbaren Studien und Erfahrungen aus Massenimpfkampagnen ausgewertet. Sie kommen zu dem Schluss, dass eine einzelne Impfdosis bei allen Menschen im Alter von mindestens sechs Monaten eine ausreichende Immunantwort gegen das Virus erzeugt. Dies gelte für alle zugelassenen Pandemie- Impfstoffe weltweit, sowohl für solche mit abgeschwächten Lebendviren als auch für solche mit abgetöteten Erregern mit oder ohne Wirkverstärker (Adjuvans), erklärte die WHO-Direktorin für Impfstoffforschung, Marie-Paule Kieny am Freitag.
Deshalb gebe es auch keinen Grund, Schwangere nicht zu impfen. Die WHO stützt sich dabei auf das Urteil ihrer strategischen Beratergruppe der Impfexperten. Bezüglich eines
besonders verträglichen Impfstoffs für Schwangere brauchen die Betroffenen in Deutschland dennoch weiterhin Geduld. Momentan würden weltweit Gespräche mit Herstellern geführt, hieß es aus dem Bundesgesundheitsministerium. In Europa gebe es bisher keinen zugelassenen Spaltimpfstoff ohne Wirkstoffverstärker und quecksilberhaltige Konservierungsstoffe.
cib/AFP/ddp/dpa
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SCHWEINEGRIPPE-IMPFUNG
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Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar:
http://www.emea.europa.eu.
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man
hier.
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.
Wer sich in den kommenden Wochen gegen die
Schweinegrippe impfen lässt, sollte seinen Arzt oder Apotheker über
aufgetretene Nebenwirkungen informieren, insbesondere im Fall von Kleinkindern und Schwangeren. Das teilte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Start der bundesweiten Impfaktion mit.
Der Vorsitzende des Gremiums, Martin Schulz, erklärte: "Soweit wir
derzeit wissen, ist die Impfung gut verträglich. Um seltene
Nebenwirkungen zu entdecken, bitten wir alle Patienten, ihren Arzt
oder Apotheker über beobachtete Nebenwirkungen zu informieren."
Auch bereits bekannte unerwünschte Wirkungen sollten gemeldet
werden, damit deren Häufigkeit oder Schweregrad künftig besser
eingeschätzt werden könnten. Apotheken würden dann die
Verdachtsfälle an die Geschäftsstelle der AMK melden.
Nebenwirkungen wie Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle sowie mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen sind bei jeder Grippeimpfung möglich. Adjuvantien können die Nebenwirkungen verstärken.
DAS SCHWEINEGRIPPE-VIRUS
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen.
Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten
Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist
zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in
der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
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