Schweinegrippe in Deutschland
Zwei Menschen nach H1N1-Infektion gestorben
dpa
Isolierstation für Schweinegrippe-Patienten: Elf Infizierte starben bisher in Deutschland
Erst eine Schülerin, dann eine 55-jährige Frau: In Deutschland sind zwei weitere Menschen gestorben, die mit der Schweinegrippe infiziert waren. Todesursache war in beiden Fällen jedoch nicht die Grippe selbst. Politiker warnen nun vor einer zweiten Ausbreitungswelle.
Hamburg - In Deutschland sind zwei weitere Menschen gestorben, die an der Schweinegrippe erkrankt waren. Am Freitagmorgen starb eine 15-jährige Schülerin aus Kassel. Sie war am Donnerstag im Klinikum Kassel stationär aufgenommen worden. Sie starb an einer Herzmuskelentzündung.
Das örtliche Gesundheitsamt teilte am Samstag mit, dass bei ihr das Virus H1N1 nachgewiesen wurde. "Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Virus nachweislich die Ursache der Herzmuskelentzündung ist", betonte die Amtsleiterin Karin Müller.
Grippeviren könnten in seltenen Fällen Herzmuskelentzündungen verursachen. Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC gebe die Rate tödlicher Komplikationen durch das Schweinegrippe-Virus bei daran Erkrankten mit ein bis drei auf 1000 an, erklärte Müller. Dieses Risiko trage jeder, der an Schweinegrippe erkranke, auch wenn die Gefahr für Menschen mit Vorerkrankungen höher sei als bei bislang Gesunden.
Bisher elf Tote in Deutschland
Am Samstagabend starb eine 55-jährige Frau im Uni-Klinikum Düsseldorf. Nach Informationen der "Rheinischen Post" stammte die Patientin aus Iran und war für eine Schweinegrippe-Behandlung nach Düsseldorf gekommen. "Sie muss sich kurz vorher mit dem Virus infiziert haben", sagte eine Sprecherin des Klinikums der Zeitung.
Wie bei vielen anderen Fällen mit schwerem Krankheitsverlauf soll die Frau bereits unter einer chronischen Vorerkrankung gelitten haben. Sie wurde seit einer Woche künstlich beatmet. Zusätzlich zum H1N1-Virus bekam sie noch eine bakterielle Infektion und verstarb an den Folgen. Mit der 55-Jährigen sind bisher elf Menschen in Deutschland gestorben, die an der Schweinegrippe erkrankt waren.
Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Malu Dreyer berichtete im SWR, dass sich die Schweinegrippe stark ausbreitet. Die Infektionswelle sei von Bayern ausgegangen und dann über Baden-Württemberg nach Rheinland-Pfalz gekommen. Inzwischen könne man von einer Art zweiter Welle sprechen.
Endgültig könne dies aber erst am Montag beurteilt werden, wenn die Gesundheitsminister der Länder über die Lage berichteten. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler sagte der "Bild"-Zeitung am Samstag, er werde am Montag mit den zuständigen Ministern der Länder sprechen, um mögliche Schwachstellen bei der Versorgung mit dem Impfstoff
zu ermitteln.
Rösler ruft Ärzte zur Beteiligung an Impfaktion auf
Dreyer forderte von Rösler mehr Unterstützung in der bundesweiten Kommunikation. Hier gebe es einen erheblichen Verbesserungsbedarf, um Verunsicherungen zu vermeiden, sagte die Mainzer Ministerin.
Rösler forderte derweil die Pharmaindustrie auf, ihren Verpflichtungen nachzukommen. "Wichtig ist jetzt, dass die Industrie den Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung stellt", sagte der FDP-Politiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Situation in den Ländern werde sich entspannen. "Dennoch bitte ich besonders diejenigen Menschen um Geduld, die in der Reihenfolge nach den Helfern und den Kranken an der Reihe sind."
Im NDR äußerte sich Rösler zuversichtlich, dass in Kürze überall ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen werde. Zugleich rief er Ärzte auf, sich an den Impfaktionen zu beteiligen.
Gesundheitsminister bereiten Patienten auf Verzögerungen vor
In den vergangenen Tagen hatte es aus mehreren Bundesländern Berichte über Engpässe bei der Impfstoffversorgung gegeben. Nach Angaben des Thüringer Gesundheitsministeriums, das derzeit den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz hat, erhielten die Länder bislang nur 1,5 Millionen Impfdosen, etwa die Hälfte der ursprünglich in Aussicht gestellten Menge. Der Hersteller GlaxoSmithKline begründete die zunächst geringeren Liefermengen unter anderem mit dem komplizierten Produktionsprozess, der inzwischen umgestellt worden sei.
Von Verzögerungen bei der Lieferung von Impfstoff sprach auch Saar-Gesundheitsminister Gerhard Vigener (CDU). "Wir müssen in einigen Praxen vorübergehend mit Wartelisten rechnen", erklärte er in Saarbrücken. Ab Dezember werde es für Schwangere auch einen Impfstoff ohne Wirkverstärker geben. Die Verstärker sind wegen möglicher Nebenwirkungen umstritten. Der Bundesverband Deutscher Apothekenkooperationen kritisierte, dass der Impfstoff nur in Großpackungen abgegeben werde, die für kleinere Apotheken nicht absetzbar seien.
bim/AFP/AP/ddp
SCHWEINEGRIPPE-IMPFUNG
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Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar:
http://www.emea.europa.eu.
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man
hier.
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.
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Ausschließen kann man eine Infektion nie. Dennoch können bestimmte Maßnahmen die Verbreitung des H1N1-Virus (und auch vieler anderer Viren) effektiv senken. Im September 2009 veröffentlichten Forscher im Fachblatt "
British Medical Journal" eine statistische Auswertung von insgesamt 58 Studien über präventive Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Das Ergebnis: Vor allem häufiges Händewaschen und die Isolation infizierter Patienten verhindert die rasche Ausbreitung des Virus. Unter
wir- gegen- viren.de gibt das Robert Koch-Institut neun Tipps, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Zu den wichtigsten Vorkehrungen gehören
regelmäßiges Händewaschen,
richtiges Husten und Schnäuzen, bei Verdacht auf Schweinegrippe
zu Hause bleiben und
Abstand von anderen Personen halten sowie
regelmäßiges Lüften. Zudem rät die US-Gesundheitsbehörde CDC, den Haushalt möglichst sauber zu halten und beispielsweise Oberflächen von
Möbeln regelmäßig zu
reinigen und
Kleidung regelmäßig zu
waschen.
Der wahrscheinlichste Ansteckungsweg des H1N1-Virus ist die sogenannte
Tröpfcheninfektion. Es nistet sich in den Atemwegen ein, weshalb Tröpfchen aus dem Nasen- und Rachenraum gefährlich sind. Man kann sich bereits im Gespräch mit einer Person anstecken. Die ganz normale Atemluft der infizierten Person enthält Tröpfchen, die deren Gegenüber einatmen könnte. Gleiches gilt, wenn Menschen niesen oder husten. Mikroskopisch kleine Mengen reichen schon aus. Deshalb empfehlen viele Fachleute auch,
Menschenansammlungen zu
meiden. Das Virus überlebt aber auch einige Zeit außerhalb des Körpers. Man kann sich also anstecken,
indem man Infizierten die Hand schüttelt oder Gegenstände anfasst, die Infizierte berührt haben. Wischt man sich danach durchs eigene Gesicht, hat es der Erreger in seinen neuen Wirt geschafft. Dieser Übertragungsweg heißt
Schmierinfektion. Experten gehen davon aus, dass das H1N1-Virus bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius für etwa zwei bis acht Stunden unversehrt bleibt. In einer feuchten Umgebung verlängert sich die Zeit auf bis zu vier Tage. Und in der Kälte, vor allem bei Minusgraden, ist das Virus fast unsterblich. Dagegen kann der H1N1-Erreger mit Hitze nur schwer umgehen. Bei 60 Grad und mehr stirbt er nach etwa 30 Minuten.
Die Inkubationszeit des Virus beträgt in der Regel drei bis vier Tage. Meistens setzt das Krankheitsgefühl ganz plötzlich ein. Zu den häufigsten Symptomen zählen Fieber und Husten. Die Glieder und Muskeln können schmerzen, Atembeschwerden und Ausfluss aus Nase oder Augen können dazukommen. Anders als bei der saisonalen Influenza leidet bei der Schweinegrippe etwa jeder Vierte an Erbrechen oder Durchfall. Es gibt aber auch Menschen, an denen die Infektion spurlos vorbeiging.
Bei Menschen, die sonst gesund sind, lautet der einfachste Rat: ins Bett legen und das eigene Immunsystem die Arbeit verrichten lassen. Schwangere oder chronisch Kranke - Diabetiker, Patienten mit Asthma oder Herz-Kreislauf-Beschwerden beispielsweise - sowie ältere Patienten und Kinder sollten dagegen einen Arzt aufsuchen. Ist das Immunsystem zum Beispiel durch eine bereits vorhandene chronische Erkrankung geschwächt, kann es leichter zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion, wie etwa einer Lungenentzündung, kommen.
Es gibt manche antivirale Medikamente wie Tamiflu, die Grippesymptome lindern können. Allerdings sind sie verschreibungspflichtig, und für die meisten Patienten gilt: Sie überstehen die Schweinegrippe genauso gut oder schlecht wie ohne Medikamente. Vor allem bei Kindern gilt größte Vorsicht mit Medikamenten. Sie sollten auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat behandelt werden. Treten zusätzliche bakterielle Infektionen auf, sollte der Patient unter Umständen Antibiotika nehmen. Experten weisen zudem darauf hin, dass es nicht sinnvoll ist, vorsorglich antivirale Medikamente einzunehmen. Der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes, Heiko Schneidler, sagt, dass es dadurch zu Resistenzen der Viren kommen könnte.
Das Robert Koch-Institut sagt zu Hygienemasken: "Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen keine ausreichenden Daten vor. Sie sind deshalb nur ergänzend zu erwägen." Da die Masken nicht dicht abschließen, geraten Grippeviren trotzdem in die Atemluft. Und wer mit ungewaschenen Händen die Maske anlegt, bindet sich die Viren direkt unter die Nase. Zudem müssen die Masken alle paar Stunden gewechselt werden. Sinnvoll ist eine Hygienemaske, wenn überhaupt, nur für Erkrankte. Damit kann die Anzahl der Erreger, die dieser in die Luft ausatmet verringert werden. Staubmasken aus dem Baumarkt sind übrigens wirkungslos.
Ein zuverlässiger Test kostet in etwa 130 Euro. Bis das Ergebnis vorliegt, vergeht in etwa ein Tag. Nachdem sich die Grippe immer weiter ausbreitet, wird nur noch stichprobenartig auf den H1N1-Erreger untersucht. Man kann in der Apotheke auch Schnelltests kaufen, allerdings sind sie nicht sehr zuverlässig. Im Labor wird das H1N1-Virus mit Hilfe der sogenannten PCR-Technik nachgewiesen. Der Test ist positiv, wenn es gelingt, spezifische Teile des Virus-Erbguts im Reagenzglas zu vervielfältigen.
Das H1N1-Virus gehört zur Gattung der Influenza-A-Viren. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat. Die gewöhnliche Grippe (saisonale Influenza) tötet Schätzungen zufolge weltweit jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken. Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Sie findet statt, wenn sich in den Zellen eines Organismus die Erbgutinformation mehrerer Grippeviren-Typen neu kombiniert.
Wer sich in den kommenden Wochen gegen die
Schweinegrippe impfen lässt, sollte seinen Arzt oder Apotheker über
aufgetretene Nebenwirkungen informieren, insbesondere im Fall von Kleinkindern und Schwangeren. Das teilte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Start der bundesweiten Impfaktion mit.
Der Vorsitzende des Gremiums, Martin Schulz, erklärte: "Soweit wir
derzeit wissen, ist die Impfung gut verträglich. Um seltene
Nebenwirkungen zu entdecken, bitten wir alle Patienten, ihren Arzt
oder Apotheker über beobachtete Nebenwirkungen zu informieren."
Auch bereits bekannte unerwünschte Wirkungen sollten gemeldet
werden, damit deren Häufigkeit oder Schweregrad künftig besser
eingeschätzt werden könnten. Apotheken würden dann die
Verdachtsfälle an die Geschäftsstelle der AMK melden.
Nebenwirkungen wie Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle sowie mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen sind bei jeder Grippeimpfung möglich. Adjuvantien können die Nebenwirkungen verstärken.