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11.11.2009
 

Ethik-Debatte

Richter entscheiden über Stammzell-Patent

Von Dietmar Hipp, Karlsruhe

Stammzellforschung: "Ergebnisse patentieren zu lassen gilt als unmoralisch"Zur Großansicht
REUTERS

Stammzellforschung: "Ergebnisse patentieren zu lassen gilt als unmoralisch"

Kann man die Nutzung von Stammzellen patentieren lassen? Wissenschaftler wollen auf diese Art ihre Ideen schützen und Geld verdienen, Kritiker fürchten eine Embryo-Industrie. Jetzt entscheidet der Bundesgerichtshof über ein Patent des Top-Forschers Oliver Brüstle.

Es gibt Greenpeace-Aktionen, die sind gut für ein Foto, eine Meldung, einen kurzen Kommentar. Jene Aktion zum Beispiel, als einige Dutzend Wagemutige in gelben und roten Overalls in den frühen Morgenstunden vor dem Portal des Europäischen Patentamts am Münchner Isarufer einen stählernen Bauzaun aufstellten und den Zugang mit Hohlblocksteinen zumauerten. Greenpeace wollte damit gegen ein Patent zur "Züchtung gentechnisch veränderter Tiere einschließlich des Menschen" protestieren, das die Behörde kurz zuvor der University of Edinburgh erteilt hatte. Doch die Blockade währte nicht lange. Mit "sanfter Gewalt", so der Polizeibericht, transportierten die Ordnungshüter die Störenfriede alsbald wieder ab.

Es gibt aber auch Aktionen, die entfalten ihre Wucht erst mit den Jahren: Am 20. Februar 2000 brachte Greenpeace einen förmlichen Einspruch gegen das Patent beim Europäischen Patentamt (EPA) auf den Postweg. Nun wurden auch andere aufmerksam: Die Grünen, die PDS, sogar das Bundesjustizministerium und die Deutsche Forschungsgemeinschaft traten dem Einspruch bei. In der Folge widerrief das Amt zu weiten Teilen das Schutzpapier; es rückte damit erstmals von seiner bis dahin sehr forschungsfreundlichen Linie ab.

Mehrfach wurden Patente zur Nutzung menschlicher Stammzellen kassiert

Am Donnerstag steht, wieder auf Betreiben der Regenbogen-Krieger, beim Bundesgerichtshof ein weiterer grundlegender Patentstreit um die Nutzung menschlicher Stammzellen an, der diesmal einen deutschen Spitzenforscher betrifft. Sollte der Bundesgerichtshof auch dessen Patent zur Herstellung neuraler Vorläuferzellen wegen Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung oder die "guten Sitten" für nichtig erklären, wäre das ein weiterer Sieg für die Moral - aber ein harter Schlag für den Forschungsstandort Deutschland.

Mehrfach wurden in den letzten Jahren Patente zur Nutzung menschlicher Embryonen und Stammzellen kassiert: Eine US-Firma hatte 2005 ein Verfahren schützen lassen, das Eltern ermöglicht, bei einer künstlichen Befruchtung das Geschlecht des Kindes auszuwählen. Auf Einspruch von Greenpeace schränkte die Firma ihr Patent auf die Anwendung bei Tieren ein. 2006 widerrief die Einspruchsabteilung des EPA ein Patent der schwedischen Firma Vitrolife auf ein Tiefkühlverfahren, so weit es menschliche Embryonen betraf; die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Und im November 2008 erklärte das EPA in einer Grundsatzentscheidung, dass Verfahren nicht patentiert werden dürfen, sofern diese auf Erzeugnissen beruhen, bei deren Gewinnung "zwangsläufig" menschliche Embryonen zerstört wurden.

Sollte Greenpeace nun mit dem selben Argument auch beim Bundesgerichtshof gewinnen, dürfte dies dazu führen, dass auch in Deutschland an embryonalen Stammzellen zwar geforscht werden darf, die Ergebnisse aber vielfach nicht mehr durch Patente geschützt werden können. Die Forschung wird damit aus wirtschaftlicher Sicht uninteressant.

"Jahre an Verfahrensentwicklung in den Wind geschrieben"

"Für deutsche Wissenschaftler bedeutet das, dass ihre Erfindungen direkt von ausländischen Firmen aufgegriffen und letztendlich sogar wieder in Deutschland verwertet werden können", sagt der Bonner Mediziner Oliver Brüstle, um dessen Patent es in diesem Fall geht. "Da werden Jahre biomedizinischer Verfahrensentwicklung einfach in den Wind geschrieben."

Brüstle, 46, der das Institut für rekonstruktive Neurobiologie der Uni Bonn leitet, war der erste Stammzellforscher, dessen Projekt in Deutschland bewilligt wurde - was eine politische Debatte auslöste, die dann 2002 ins erste Stammzellgesetz mündete: Brüstle und seine Kollegen durften weiterhin forschen, mussten dabei aber auf bereits vorliegendes menschliches Zellmaterial zurückgreifen - sogenannte Stammzelllinien, deren Ausgangszellen bereits vor einem bestimmten Stichtag gewonnen wurden. Und zwar nur aus Embryonen, die bei künstlicher Befruchtung überzählig waren.

Bereits im Dezember 1997 meldete Brüstle sein Verfahren zur Herstellung neuraler Vorläuferzellen und ihrer "Verwendung zur Therapie von neuralen Defekten" zum Patent an. Diese aus embryonalen Stammzellen gewonnenen Nervenzellen, heißt es in der Patentschrift, könnten ohne Tumorbildung in Gehirn oder Rückenmark transplantiert werden und dort helfen, Defekte zu heilen - also Alzheimer, Parkinson, möglicherweise auch Multiple Sklerose oder gar Querschnittlähmungen.

Greenpeace aber legte, ermutigt durch die Erfolge auf europäischer Ebene, auch dagegen Klage vor dem Bundespatentgericht ein. Begründung: Da die Stammzellen ursprünglich aus Embryonen stammten, würden letztlich auch die Embryonen durch das Patent wirtschaftlich genutzt. Die Verwendung von Embryonen zu industriellen oder kommerziellen Zwecken ist nach deutschem und europäischem Patentrecht sittenwidrig.

Aber kann das auch gelten, wenn dafür längst vorhandene Stammzelllinien benutzt werden? Ja, sagte das Bundespatentgericht, da die Verwendung von Embryonen für das angemeldete Patent "unabdingbare Voraussetzung" sei. Es erklärte Brüstles Patent in überwiegenden Teilen für nichtig.

Briefbomben können nicht patentiert werden, wohl aber Tretminen

Nach Meinung Brüstles ist das eine "bizarre Situation", da seine Forschung genehmigt und gefördert werde und er sogar nachweisen müsse, dass er sich um den Patentschutz kümmere. "Wenn ich meine Ergebnisse aber patentieren lasse", klagt Brüstle, "gilt das als unmoralisch."

Dabei spielen moralische Fragen bei der Patenterteilung sonst eher eine untergeordnete Rolle. Zwar könne eine Briefbombe etwa, so das gängige Beispiel in juristischen Lehrbüchern, nicht patentiert werden. Doch Patente zur besonders wirkungsvollen Tötung von Menschen sind auch in Deutschland immer wieder erteilt worden, wie etwa für Tretminen (1919), Flammenwerfer (1943) oder eine Handgranate mit verbesserter "Splitterdurchschlagsleistung" (1967). Der Bundesgerichtshof hat 1972 zwar geprüft, ob das Diaphragma als Verhütungsmittel den guten Sitten zuwiderläuft - das Patent aber gebilligt, weil Spiralen auch von Ärzten und damit im Einklang mit dem Abtreibungsrecht eingesetzt werden können.

Greenpeace-Experte Christoph Then fürchtet, aus Forschung wie der von Brüstle könnte eine "Embryonenindustrie" entstehen. Er will verhindern, dass der Patentschutz dafür einen wirtschaftlichen Anreiz bietet. Inzwischen, so Then, könnten Stammzellen ohnehin anders gewonnen werden, etwa aus umprogrammierten Körperzellen erwachsener Menschen.

Ob reprogrammierte Körperzellen medizinisch einsetzbar sind, sei jedoch längst nicht klar, so Brüstle. Die Entrüstung darüber, dass die inzwischen uneingeschränkt vermehrbaren embryonalen Stammzellen ursprünglich aus befruchteten Eizellen gewonnen wurden, kann der Forscher ohnehin nicht verstehen. "Jedes Jahr fallen bei der künstlichen Befruchtung Tausende überzähliger Eizellen an, die weggeworfen werden. Aber wenn man daraus medizinisch wertvolle Stammzellen gewinnt, soll das plötzlich verwerflich sein."

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16.11.2009 von tylerdurdenvolland: ...

Wie ja wohl kaum anders zu erwarten war, weichen sie der Frage nach dem "Welche Forschung, und Warum?" finanziert werden soll/muss, mit semantischen Phrasen aus. Lassen sie mich raten... sie sind Wissenschaftler? [...] mehr...

15.11.2009 von reuanmuc: .

Prophezeiungen solcher Art sind in der Geschichte meist gründlich in die Hose gegangen. Zum "Wohle der Menschen" impliziert die Gegenfragen welches Wohl welcher Menschen. Genau darin liegen die meisten [...] mehr...

14.11.2009 von Tubus: Verschwörungstheorie

Niemand behauptet, dass jede Forschung öffentlich finanziert werden muss,wenn Sie das meinen. Bei Grundlagenforschung ist das häufig aber nur der einzige Weg. Der weit überwiegende Teil muss sich kommerziell finanzieren. Meine [...] mehr...

14.11.2009 von tylerdurdenvolland: ..

Wir leben in einer Demokratie. wie von allen gewünscht. Und da hat gerade erts die Mehrheit der Wahlberechtigten bestimmte Leute wieder an die Macht gewählt. Warum sollten Bürger also nicht mit den Konsequenzen ihrer freien, [...] mehr...

14.11.2009 von tylerdurdenvolland: ....

Glauben sie mir, mir ist das was sie sagen bewusst. Das eigentlich Problem sind natürlich unsere Politiker, deren mangelnder Sachverstand, und deren Verwicklung in korrumpierende Zusammnehänge. Ich spreche hier in der Tat von [...] mehr...

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Stammzellen - die Multitalente

Embryonale Stammzellen (ES)

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DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.

Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)

Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)

Adulte Stammzellen

Ethik und Recht


Chronik der Stammzellforschung

1998 - Embryonale Stammzellen

Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.

2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

2007 - Menschliche iPS-Zellen

Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen

März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt

März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut

April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen

Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen

Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln

Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen

Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen

Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen






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