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06.12.2009
 

Schweinegrippe-Informationsdesaster

Pest-Panik in Russlands Provinz

Von Benjamin Bidder, Moskau

Russland: Schweinegrippe oder Pest?
Fotos
Ilja Repin

Schulen werden geschlossen, der Bischof lässt Messen lesen - 30 Todesfälle wegen Schweinegrippe haben in einer russischen Wolgastadt Panik ausgelöst. Verschwörungstheorien machen die Runde, angeblich würden Behörden die viel schlimmere Wahrheit verschweigen: Die Pest sei da.

Wieder klingelt das Telefon des Chefredakteurs der "Neuen Zeitung" in der Wolgastadt Saratow. Wieder hat Alexander Burmistrow einen aufgeregten Anrufer am Telefon. "Wir bekommen ständig Anrufe von besorgten Bürgern", erzählt der Journalist. Viele berichten ihm jetzt von merkwürdigen Lastern, die durch die Straßen der Stadt fahren. Es seien schwere Tankwagen, berichten die Informanten. Sie verspritzten eine Flüssigkeit - vielleicht gegen die Schweinegrippe? Oder vielleicht gegen Schlimmeres?

Furcht hat die 800.000 Einwohner der Stadt Saratow ergriffen. Angst vor der Epidemie, vor allem aber Angst davor, dass ihnen die Behörden die Wahrheit verschweigen. Sie fürchten, dass eine schlimmere Krankheit als die Schweinegrippe hinter den Todesfällen steht: die Pest.

Schulen bleiben geschlossen, man meidet Menschenansammlungen, Geschäfte, Konzerte. Abends um 8 Uhr sind die Straßen wie leer gefegt. Der Gouverneur Itapow besucht demonstrativ eine Apotheke, vor den Fernsehkameras lässt er sich Grippepräparate reichen. Er habe sich auch schon impfen lassen, verkündet der Provinzfürst. Wenn aber die normalen Bürger in die Apotheke gehen, müssen sie feststellen, dass es für sie keine Medikamente gibt. Der Impfstoff bleibt knapp. Dann meldet das städtische Gesundheitsamt Mitte der Woche 466 bestätigte Fälle von Schweinegrippe. Und 30 Tote, die meisten davon junge Leute, ohne Vorerkrankungen. Es sind viele Frauen darunter.

Das Mobilfunknetz bricht zusammen

Gerüchte verbreiten sich wie Lauffeuer. Die Stadt solle abgeriegelt werden. Die Luftwaffe werde Einsätze fliegen, die Stadt werde aus der Luft "desinfiziert". Und Iwan P., 22, Medizinstudent, tippt verhängnisvolle Zeilen in seinen Blog: "Die Ergebnisse der Obduktion jener Saratower, die an der Schweinegrippe gestorben sind, ähneln den Beschreibungen in der medizinischen Literatur über die Resultate der Obduktion von Patienten, die an der Lungenpest gestorben sind." Geht der schwarze Tod um in Saratow?

Aus der Sorge wird Panik. Das Mobilfunknetz bricht zusammen, weil Tausende Einwohner gleichzeitig Ärzte und Behörden sprechen wollen. Beim städtischen Gesundheitsamt gehen massenhaft Anrufe ein. Die Krankenhäuser sind überfüllt, in den Polikliniken bilden sich Schlangen. Ratschläge machen die Runde, man solle nur abgekochtes Wasser trinken oder zum Zähneputzen verwenden. Und Hunderte Bürger schreiben an Präsident Dmitrij Medwedew: "Uns beunruhigt die enorme Anzahl von Todesfällen junger Leute mit der Diagnose 'Lungenentzündung'", heißt es in dem Brief.

Die Dementis der Behörden klingen wütend. "Verbrecherisch" nennt der Chef des föderalen Gesundheitsamtes in Moskau, Gennadi Onischenko, die Vorgänge in der Wolgastadt. Man habe es offenbar mit einer Verschwörung zu tun. "Welche Ziele verfolgt werden, dass weiß ich nicht, und ich will es auch nicht wissen", schäumt Russlands oberster Arzt. Es handle sich ohne Zweifel um "eine zielgerichtete Provokation", sagt Onischenko der Zeitung "Iswestia".

Dabei trauen Russlands Bürger schlicht ihren Behörden nicht mehr über den Weg. Saratow werde nicht geschlossen, beeilt sich der Leiter des Gesundheitsamts der Stadt, Alexej Danilow, zu betonen. "Von der Pest kann nicht die Rede sein."

Die Menschen glauben ihm nicht mehr. Denn zu oft wurde ihnen in der Vergangenheit nicht die Wahrheit gesagt. So zum Beispiel die Beteuerungen der russischen Staatsanwaltschaft, der angeblich von Piraten gekaperte Frachter "Arctic Sea" sei lediglich "mit Holz und Brettware beladen" gewesen. Oder die Aussage von Wladimir Putin im August 2000, Russland verfüge selbst über die nötige Technik, um das gesunkene Atom-U-Boot Kursk zu bergen. Alle Seeleute seien durch Explosionen sofort ums Leben gekommen, versicherte man damals den schockierten Angehörigen. Die Matrosen hätten nicht leiden müssen. Tatsächlich hatten mehr als 20 Besatzungsmitglieder zunächst überlebt und waren dann am Grund der Barentssee jämmerlich erstickt.

Zehn Prozent glauben den Medien, zehn den Ärzten, sieben den Beamten

Sicherheitskräfte und Stadtobere verkünden jetzt einen Erfolg im Kampf gegen die vermeintlichen Übeltäter, die Saratow in Aufruhr versetzt haben sollen. Sie haben den Studenten Iwan P. verhaftet. Nach Informationen der Moskauer Zeitung "Kommersant" drohen ihm 200.000 Rubel Strafe - umgerechnet 4500 Euro - oder bis zu zwei Jahren Haft.

Der Bischof von Saratow lässt Messen gegen die Krankheit lesen und versichert, "Gott sende niemanden - nicht dem einzelnen Menschen, nicht einem ganzen Volk - ein Kreuz, dessen Last zu schwer ist zu tragen." Doch das Misstrauen bleibt. Die Zeitung "Wsgljad Info" aus Saratow hat ihre Leser abstimmen lassen. "Wer stellt die vertrauenswürdigsten Informationen über die Schweinegrippe-Epidemie zur Verfügung?" Zehn Prozent glauben den Medien. Zehn auch den Ärzten. Den Beamten? Knapp sieben. Und 65 Prozent der Leser sind davon überzeugt, dass "alle versuchen, den tatsächlichen Umfang der Epidemie zu vertuschen".

Denn Amtsinhaber und Würdenträger sind es nicht gewöhnt, die Öffentlichkeit offen und umfassend zu informieren, es gibt auch kaum einflussreiche Medien, die nicht staatlich kontrolliert werden. Das ist der Boden, auf dem in Russland Verschwörungstheorien besonders gut gedeihen. So glaubt heute laut Umfragen des Meinungsinstitutes WZIOM jeder fünfte Russe, dass es der eigene Inlandsgeheimdienst FSB war, der 1999 mehrere Wohnhäuser in die Luft sprengte - um einen Vorwand für einen Feldzug in der abtrünnigen Teilrepublik Tschetschenien zu haben.

In Saratow machen schon neue Versionen und Gerüchte die Runde. Es könnte einen Zwischenfall im Umland der Stadt gegeben haben. Wurden nicht im Dorf Gornij vor Jahren Chemiewaffen verschrottet?

Aber nicht alle verfallen der Furcht. Ilja Repin, ein junger Geschäftsmann, hat ein T-Shirt entworfen, das er jetzt im Internet vertreibt. Darauf ist ein Flugzeug zu sehen, das Desinfektionsmittel versprüht, und rennende Strichmännchen. "Ich habe die Desinfektion vom 2.12.2009 überlebt" lautet die Aufschrift. Ilja hofft auf die befreiende Wirkung des Humors - und ein bisschen Gewinn. 250 Rubel kostet das T-Shirt. In nur zwei Tagen hat er schon 400 Bestellungen entgegen genommen.

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