Cambridge - Depression ist eine Volkskrankheit, 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens daran (siehe Kasten links). US-Forscher um Jesse Richardson-Jones von der Columbia-Universität in New York haben nun in Versuchen an Mäusen möglicherweise herausgefunden, warum Antidepressiva bei über der Hälfte der Patienten nicht oder nicht sofort anschlagen. Bei diesen Leuten wird die künstliche Erhöhung des Serotoninspiegels, die durch viele Antidepressiva herbeigeführt wird, durch einen Regelkreis im Gehirn konterkariert. Die Depression kann nicht gelindert werden.
Zwar stammten die Ergebnisse bisher lediglich aus Versuchen mit Mäusen, es gebe jedoch bereits Hinweise auf einen ähnlichen Mechanismus beim Menschen, schreibt das Forscherteam im Fachmagazin " Neuron" (Bd. 65, S. 40).
Serotonin ist ein Botenstoff zwischen Nervenzellen im Gehirn und gilt als Schlüsselfaktor sowohl bei der Entstehung als auch beim Behandeln einer Depression.
Die wichtigsten Antidepressiva erhöhen den Serotonin-Spiegel im Gehirn
Nervenzellen sind hoch vernetzt und über sogenannte Synapsen miteinander verbunden. Nach Schätzungen gibt es im menschlichen Gehirn die astronomisch hohe Zahl von 100 Billiarden Synapsen.
Eine Synapse ist ein kleiner Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Wird eine Nervenzelle aktiviert, schüttet sie winzigste Mengen eines Botenstoffs in den synaptischen Spalt aus. Die nachfolgende Nervenzelle besitzt im Bereich der Synapse Rezeptoren auf ihrer Oberfläche. Wie ein Schlüssel in ein Schloss passt, binden die Botenstoff-Moleküle an die speziell für sie empfänglichen Rezeptoren und lösen in der nachgeschalteten Nervenzelle Mechanismen aus, die sie elektrisch erregen oder auch hemmen.
Bei einer Erregung wandert das elektrische Signal über die Nervenfaser zur nächsten Synapse und aktiviert wiederum über Botenstoff-Ausschüttung weitere Nervenzellen. Der ausgeschüttete Botenstoff wird, nachdem er seine Aufgabe im synaptischen Spalt verrichtet hat, anschließend wieder von der Nervenzelle aufgenommen. Serotonin ist einer von mehreren Stoffen, über den Nervenzellen via Synapsen miteinander kommunizieren.
Nach aktuellem Stand des Wissens ist bei einer Depression der Serotoninspiegel im Gehirn allgemein zu niedrig. Die meisten Medikamente gegen Depressionen greifen hier an und versuchen, den Serotoninspiegel zu erhöhen. So verzögern die sehr häufig eingesetzten "Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer" (SSRIs) die Wiederaufnahme des Botenstoffs aus dem synaptischen Spalt. Die Folge ist, dass die Serotoninmoleküle länger in den vielen Synapsen im Gehirn verbleiben und die nachgeschalteten Nervenzellen länger aktivieren.
Allerdings hat das Gehirn auch Regelkreise, um den Serotoninspiegel zu überwachen und zu steuern. Serotoninrezeptoren, die im Hirnstamm sitzen, wirken genau entgegengesetzt wie Rezeptoren im synaptischen Spalt. Man nennt sie daher auch Autorezeptoren. Wenn sie von Serotoninmolekülen aktiviert werden, drosseln sie nämlich die Neuproduktion des Botenstoffs. Je mehr Rezeptoren ein Mensch in dieser Hirnregion hat, desto geringere Serotoninspiegel reichen aus, um die Neubildung zu unterdrücken.
Regelkreis auch beim Menschen vorhanden?
Bereits früher gab es den Verdacht, dass Menschen, die sehr viele dieser Autorezeptoren besitzen, schlechter auf Antidepressiva ansprechen. Untersuchen ließ sich das allerdings nicht, weil jeder Versuch, die Autorezeptoren zu beeinflussen, gleich auch alle anderen Serotoninrezeptoren mit erfasste.
Jetzt gelang es Richardson-Jones und ihren Kollegen jedoch, Mäuse gentechnisch so zu verändern, dass sie die Zahl der Autorezeptoren in deren Gehirnen gezielt erhöhen und verringern konnten. Und tatsächlich: Mäuse mit überdurchschnittlich vielen Autorezeptoren reagierten kaum oder gar nicht auf einen SSRI. Wurde die Zahl jedoch gesenkt, stellte sich die Wirkung relativ schnell ein.
Sollte es gelingen, dieses Prinzip auch beim Menschen nachzuweisen, könnte schon vor einer Behandlung getestet werden, ob ein Betroffener auf die Medikamente anspricht oder nicht, schreiben die Forscher. Zudem bestehe die Hoffnung, dass sich die Autorezeptoren mit Hemmstoffen ausschalten lassen.
lub/ddp
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