London - Eigentlich ist alles ganz einfach: Das Immunsystem schützt den Körper vor Krankheitserregern. Es erkennt Oberflächenproteine der Eindringlinge, sogenannte Antigene, als körperfremd und kann so auf den schädlichen Organismus reagieren. Oft verändern Viren, Bakterien und Parasiten ständig ihre Antigene, um das Abwehrsystem auszutricksen. Es kommt zu einer Art Wettrüsten.
Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis setzt hingegen auf eine andere Strategie, wie Forscher um Joel Ernst von der New York University School of Medicine nun herausgefunden haben. Das Bakterium verändert sein Antigenmuster absichtlich nicht - und profitiert paradoxerweise davon, vom Immunsystem erkannt zu werden. Die Immunantwort in Form des Hustenreizes sorgt nämlich dafür, dass sich der Erreger via Tröpfchen-Infektion auf weitere Menschen übertragen kann.
Ernst und seine Kollegen hatten 21 verschiedene Erregerstämme analysiert, wie sie im Fachmagazin "Nature Genetics" berichten. Sie sollten repräsentativ für die globale Verbreitung von Mycobacterium tuberculosis sein. Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit, die sich meistens in der Lunge festsetzt.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Bakterium infiziert - und statistisch gesehen kommt jede Sekunde eine Neuinfektion dazu. Etwa zehn Prozent der infizierten Menschen erkranken tatsächlich an einer offenen Tuberkulose. In allen anderen Fällen wird die Krankheit vom Immunsystem erfolgreich unterdrückt.
Mehr Tuberkulose-Erkrankungen als je zuvor
Tuberkulose wird meist über die Luft weitergegeben - in Form von Tröpfchen, die beim Husten, Niesen oder Sprechen ausgestoßen werden. Schon seit Tausenden von Jahren verbreitet sich die Krankheit auf diese Weise.
Bis zu zwei Tagen können die Erreger in einem schlecht gelüfteten Raum überleben. Das Einatmen einer kleinen Anzahl Keime reicht aus, um sich anzustecken. An dieser Stelle kommt die Theorie von Ernst ins Spiel: Die von den Bakterien ausgelöste Immunantwort erzeugt den Husten- oder Niesreiz. Als Folge werden die Erreger freigesetzt und können sich weiter verbreiten. Aus diesem Grund liefern sie sich dem Immunsystem bereitwillig aus.
In den vergangenen Jahren erkrankten mehr Menschen an Tuberkulose als jemals zuvor. Das vermehrte Aufkommen von Resistenzen gegen die gängigen Medikamente ist einer der Gründe für die zunehmende Ausbreitung der Krankheit. Forscher haben schon von Erregern berichtet, die bei Behandlung mit Antibiotika sogar zum Wachsen angeregt werden. In ärmeren Staaten gibt es wegen der schlechteren Hygieneverhältnisse und der höheren Bevölkerungsdichte eine größere Ansteckungsgefahr als in den Industrieländern.
Die neuen Erkenntnisse könnten entscheidend dazu beitragen, neue Impfstoffe und Therapien für eine der schwersten Bakterienerkrankungen überhaupt zu entwickeln, hoffen die Forscher.
chs/ddp
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