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14.07.2010
 

Medizinprofessor Ernst

"Die Homöopathie ist ein Dogma"

Homöopathie: Der Streit über die angeblichen Wundermittel
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DPA

Sollte die Homöopathie verboten werden? Der Mediziner Edzard Ernst erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum er die Heilung mit Globuli für gefährlichen Unfug hält - und warum es keine Rolle spielt, wie teuer sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Ernst, in Deutschland glauben Tausende Patienten und Therapeuten an die Wirksamkeit der Homöopathie. Liegen sie alle falsch?

Ernst: Die Frage ist entschieden: Die homöopathischen Globuli wirken nicht besser als ein Scheinmedikament.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Ernst: Da gibt es mehrere Ebenen. Zunächst einmal sind die Prinzipien der Homöopathie biologisch in höchstem Maße unplausibel. Wie ein Arzneimittel wirken soll, das so hoch verdünnt ist, dass meist kein einziges Wirkstoffmolekül mehr darin enthalten ist, lässt sich mit den fundamentalen Erkenntnissen der Wissenschaft und den Naturgesetzen nicht in Einklang bringen. Wenn Wasser, wie die Homöopathen behaupten, wirklich eine Art Gedächtnis hat, dann müssten die Lehrbücher der Physik neu geschrieben werden - und das ist im allerhöchsten Maße unwahrscheinlich. Wenn jemand wirklich zeigt, wie die Homöopathie wirkt - dann hat er nicht einen Nobelpreis in der Tasche, sondern mehrere.

SPIEGEL ONLINE: Den meisten Patienten dürfte es egal sein, wie die Homöopathie wirkt. Sie sagen: Die Hauptsache ist, dass sie wirkt.

Ernst: Dagegen sprechen qualitativ hochwertige klinische Studien, in denen homöopathische Globuli mit Placebo-Globuli verglichen wurden. Über die Jahre haben Gesamtauswertungen dieser rund 150 Studien immer deutlicher gezeigt, dass Homöopathie auch auf klinischer Ebene nicht funktioniert. Seit über zehn Jahren zeigen alle gut gemachten Auswertungen weitgehend einheitlich: Homöopathie ist nicht wirksam. Und dieses Ergebnis ist auch nicht überraschend. Die homöopathischen Globuli bestehen genauso aus reinem Zucker wie die Placebo-Globuli.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es etliche Studien über Homöopathie mit einem positiven Ergebnis.

Ernst: Ja, aber das ist nur natürlich, dafür gibt es viele Erklärungsmöglichkeiten. Schlecht gemachte Studien zeigen zum Beispiel viel eher ein positives Ergebnis als gut gemachte. Zeigen Sie mir den Methodenteil einer Homöopathie-Studie - und dann sage ich Ihnen, wie das Ergebnis ist. Es kann aber auch ein systematischer Fehler in der Studie stecken, absichtlich oder unabsichtlich. Und auch bei den allerbesten Studien gibt es immer eine Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent. Vor allem aber liegt es daran, dass Homöopathie-Studien mit negativem Ergebnis einfach nicht publiziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Das Verschweigen negativer Ergebnisse wird aber auch der Pharmaindustrie vorgeworfen.

Ernst: Ja, aber dort geht es vor allem um finanzielle Interessen. Die Homöopathen hingegen befinden sich mitten in einem Glaubenskrieg. Da steckt noch viel mehr Wucht dahinter als hinter den Interessen des Geldbeutels.

SPIEGEL ONLINE: Die Homöopathen führen allerdings auch eine Reihe wissenschaftlicher Argumente an, warum sogenannte randomisiert-kontrollierte Studien, kurz RCTs, die zur Überprüfung der Wirksamkeit von Arzneimitteln internationaler Standard sind, für die Homöopathie nicht passen. Zum Beispiel sei die Homöopathie eine sehr individuelle Therapie.

Ernst: Das ist die typisch unwissenschaftliche Argumentation von Gläubigen: Wenn eine Studie nicht das zeigt, was man sich erhofft hat, dann ist nicht etwa das geprüfte Mittel unwirksam, sondern die Methode wird angegriffen. In RCTs lässt sich die individuelle Behandlungsweise der Homöopathie durchaus unterbringen. Der Homöopath kann im Rahmen einer solchen Studie seinen Patienten behandeln wie immer - der einzige Unterschied ist, dass ein Teil der Patienten am Ende nicht die homöopathischen, sondern die Zuckerkügelchen bekommt, und zwar ohne, dass der Arzt weiß, welcher seiner Patienten zu welcher Gruppe gehört. Selbst wenn Homöopathie auf metaphysische Art wirken würde oder durch ein Wunder, müssten RCTs positiv ausfallen, wenn es denn eine Wirkung gibt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch einen anderen Studientyp, sogenannte Anwendungsbeobachtungen, die regelmäßig zeigen, dass weit mehr als 50 Prozent der Behandelten mit Homöopathie geholfen werden kann.

Ernst: Das ist totaler Schmarren! Diese Studien sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt worden sind. Über die Wirksamkeit der Homöopathie sagen sie nichts aus, das weiß jeder, der sich auch nur ein bisschen in der Wissenschaft auskennt.

SPIEGEL ONLINE: Von Homöopathen und Wissenschaftlern, die der Homöopathie nahestehen, werden diese Studien aber immer wieder als Beleg für die Wirksamkeit herangezogen.

Ernst: Früher habe ich immer gedacht: Na gut, die sind eben ein bisschen überenthusiastisch, ein bisschen verblendet und realitätsfremd. Aber inzwischen bin ich mir sicher: Viele lügen wie gedruckt, das ist gar nicht anders zu erklären. Die wissen es eigentlich besser. Aber stattdessen nutzen sie ihre Kenntnis der Wissenschaft, um die Leute hinters Licht zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten Homöopathen bewusst lügen?

Ernst: Weil sie so überzeugt sind von dem, was sie machen. Ein paar Studien spielen da keine Rolle mehr. Von uns Wissenschaftlern behaupten Homöopathen ständig, dass wir militant seien. Dabei ist die Wissenschaft nicht dogmatisch und nicht militant. Wenn Sie sehen, was vor 30 Jahren die wissenschaftlich ausgerichtete Medizin wusste und was heute der Stand des Wissens ist - das ist vollkommen unterschiedlich, alles ist ständig im Fluss. Der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der 1951 gestorben ist, würde heute mit Sicherheit durch jede Chirurgieprüfung fallen. Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, starb mehr als 100 Jahre vor Sauerbruch - und er könnte natürlich auch heute noch alle Homöopathieprüfungen absolvieren. Denn die Homöopathie hat sich nicht wesentlich weiterentwickelt. Sie darf es auch gar nicht, denn sie ist ein Dogma.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie die Homöopathie am liebsten ganz verbieten lassen?

Ernst: Ich bin da nicht beseelt von einer Mission, denn ich bin Wissenschaftler. Aber wenn es nach mir ginge, würde die Homöopathie in die Geschichte der Medizin eingehen. Wo sie ja eine bedeutende Rolle hat. Es ist ohne Zweifel ein großes Verdienst Hahnemanns, all die gefährlichen schulmedizinischen Therapien seiner Zeit, etwa den Aderlass, in Frage gestellt zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Homöopathie nur eine harmlose Scheinbehandlung ist - warum wollen sie deren Anhänger nicht einfach weitermachen lassen?

Ernst: Jede nicht effektive Behandlungsmethode birgt große Gefahren. Die Homöopathie hat zwar, da sie keine Wirkung hat, auch keine Nebenwirkungen. Aber die Gefahr ist, dass ernsthafte Krankheiten nicht effektiv behandelt werden, wenn Patienten einen Homöopathen aufsuchen - etwa Asthma, Mandelentzündungen, Lungenentzündungen, Scharlach oder Krebs. Die unter Homöopathen verbreitete Impfgegnerschaft halte ich sogar für gemeingefährlich. Aber es geht auch um den Fortschritt in der Medizin. Die Homöopathen meinen, dass sie für den Fortschritt stehen - aber in Wahrheit stellen sie einen Rückschritt dar.

SPIEGEL ONLINE: Sie können doch nicht ernsthaft behaupten, die Homöopathie gefährde den Fortschritt. Die medizinische Forschung hat doch in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht.

Ernst: Mit Fortschritt meine ich das, was sich in den Köpfen der Menschen befindet, nicht die medizinischen Forschungsergebnisse. Es geht um die Indoktrinierung der Bevölkerung. Wenn wir glauben, dass das Schütteln von Hochpotenzen uns heilt, wenn wir an die mystischen Kräfte und diesen ganzen Käse glauben, wenn die Menschen beginnen, wissenschaftliches Denken abzulehnen und der medizinische Aberglaube zurückkehrt, dann kappen wir unsere besten Traditionen, dann sind wir auf dem Weg zurück ins Mittelalter.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Homöopathie trotzdem so beliebt bei den Patienten?

Ernst: Ich denke, es hat viel damit zu tun, dass die Schulmedizin es nicht versteht, das tiefe Bedürfnis der Patienten nach Zuwendung zu befriedigen. Da geht es im Fünfminutentakt. Man kann kaum seinen Mund aufmachen und dem Arzt sagen, was einem wirklich auf dem Herzen liegt, und man ist schon wieder draußen mit einem Rezept. Da muss die Schulmedizin dringend umdenken. Sie darf die Ganzheitlichkeit auf keinen Fall der Alternativmedizin überlassen. Eine gute Arzt-Patient-Beziehung ist für mich die Basis jeder guten Behandlung, auch in der Schulmedizin.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Homöopathen besser?

Ernst: Bei den Homöopathen läuft der Arztbesuch eben viel angenehmer ab. Die Homöopathie ist eine sehr empathische Methode, eine Konsultation dauert oft länger als eine Stunde. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass diese Konsultation, anders als die Globuli, durchaus eine Wirkung hat - als eine besondere Form der Psychotherapie. Das wäre für mich etwas, was man durchaus noch einmal wissenschaftlich untersuchen sollte: Was wirkt besser - eine homöopathische Konsultation oder eine Psychotherapie?

SPIEGEL ONLINE: Tatsache ist, dass die Schulmedizin den Patienten oft auch schadet - insbesondere solchen, die an nur schwer fassbaren, psychosomatisch bedingten Störungen leiden und dann jahrelange Patientenkarrieren durchlaufen. Sie bekommen unnötig Psychopharmaka, Schlafmittel, Schmerzmittel und werden sogar unnötig operiert. Könnte da die Homöopathie als vergleichsweise harmlose Placebotherapie nicht sinnvoll eingesetzt werden?

Ernst: Natürlich drängt sich dieser Gedanke erst einmal auf. Aber es kann für mich kein ethisches Verhalten sein, einem Patienten nicht die Wahrheit zu sagen und ihn stattdessen einfach mit einer Scheintherapie zu behandeln. Die Wahrheit wäre in diesem Fall: Ich sehe, dass du krank bist, dass du leidest. Wir sind uns sicher, dass das keine gefährliche Diagnose ist. Wir sind uns sicher, dass dir keine körperliche Therapie helfen wird - wahrscheinlich aber eine Psychotherapie. Ich glaube, dass Ehrlichkeit ein wichtiges Gebot in der Medizin ist. Das unehrliche Verhalten hilft dem Arzt vielleicht kurz aus der Bedrängnis, aber das ist nicht der richtige Weg. Es kann nicht darum gehen, ein großes Übel, also eine falsche schulmedizinische Therapie, durch ein kleines Übel, die Homöopathie, zu ersetzen. Es geht um eine ehrliche Therapie nach dem Stand der Wissenschaft. Und da hat die Homöopathie keinen Platz.

Das Interview führte Veronika Hackenbroch

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Die neuesten Beiträge:
16.07.2010 von sarpiro:

und das ohne eine medikamentöse substanz zu sich genommen zu haben. das ist esoterik pur. mehr...

16.07.2010 von Betonia:

Manche dieser Scharlatane lassen die schwer Kranken finanziell bluten und wenn's nicht geholfen hat, haben die nicht genug dran geglaubt. Ja,das ist widerlich. mehr...

16.07.2010 von sarpiro:

diese mediziner haben doch die ausbildung die alle ärzte haben. also kennen die sich aus. so wie jeder arzt. die wissen auch was sie sagen und haben das zu verantworten. mehr...

16.07.2010 von sarpiro:

es gab im 19 jhrdt mal einen arzt der empfahl das man gelegentlich mal seine hände waschen solle. das muss geholfen haben. werden doch heute noch viele kinder dazu erzogen wenn sie was grosses gemacht haben sich die hände zu [...] mehr...

16.07.2010 von johannes9126: Ächz

Solche Diskussionen mit Leuten, die den Unterschied zwischen einem Antigen und einem niedermolekularen Gift und der jeweiligen Reaktion des Körpers darauf nicht verstehen, habe ich schon öfters geführt (StudiVZ). Und, wie [...] mehr...

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Zur Person

Graham Trott
Edzard Ernst, 62, wurde 1993 der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin – an der Peninsula Medical School im Südenglischen Exeter. Ernst, Sohn eines deutschen Arztes, wuchs mit einem homöopathischen Hausarzt auf und behandelte nach seinem Medizinstudium selbst für einige Monate am Münchner Krankenhaus für Naturheilweisen Patienten mit Homöopathie. Danach wandte er sich der Wissenschaft zu und hatte, bevor er nach Exeter ging, den Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Universität Wien inne. Seit 1999 ist Ernst britischer Staatsbürger.

Homöopathie

Was ist Homöopathie?

Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.

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