Von Thomas Grüter
Was hat Paul, der angeblich hellseherische Oktopus, mit der Homöopathie zu tun? Getrocknete Tintenfischtinte gehört zu den Grundstoffen der Homöopathie - das ist eine richtige Antwort. Die zweite: Sowohl der Glaube an Pauls Fähigkeit, Fußballergebnisse richtig vorherzusagen als auch der an die Wirksamkeit der Homöopathie dürften die gleiche Grundlage haben: Die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Paul achtmal in Folge das richtige Fußballergebnis vorhersagt, lag bei eins zu 256 - was Mathematiker nicht weiter beeindrucken dürfte. Die "New York Times" etwa hat für das "Oracle of Oberhausen" nur milden Spott übrig. Derartige "Unsinnszusammenhänge" seinen geradezu allgegenwärtig, sagte der Statistiker David Brillinger. So habe bei den US-Präsidentschaftswahlen zwischen 1932 und 1960 achtmal in Folge der Kandidat mit dem längeren Namen gewonnen.
Dass die Länge des Nachnamens tatsächlich den Wahlausgang beeinflusst hat, halten Skeptiker für ebenso unwahrscheinlich wie eine echte Wirkung der Homöopathie. Die Wirkstoffe werden bei Verdünnungsritualen so weit gestreckt, dass sich im Endprodukt meist kein Molekül mehr von ihnen befindet.
Erstaunliche Placebo-Effekte
Naturwissenschaftler vermuten, dass die Wirkung, von der viele Patienten und Ärzte überzeugt sind, auf einem Placebo-Effekt beruht oder andere Auslöser hat, wie etwa das ausführliche Gespräch mit dem Homöopathen. Placebos können durchaus erstaunliche Effekte haben. 2005 hatten Forscher gezeigt, dass Scheinmedikamente die Ausschüttung körpereigener Schmerzmittel anregen können. Zudem setzen auch Schulmediziner gerne Placebos ein, deren Einsatz zwar als anrüchig gilt, in den Kliniken aber längst zum Alltag gehört.
Doch Homöopathen glauben, die Mittel funktionierten, weil Wasser ein Gedächtnis habe. Derartiges "lässt sich mit den fundamentalen Erkenntnissen der Wissenschaft und den Naturgesetzen nicht in Einklang bringen", sagte etwa der Mediziner Edzard Ernst im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Das magische Denken ist bei Menschen weit verbreitet und völlig normal - wenn man als normal ansieht, was die Mehrheit denkt. Laut einer Allensbach-Umfrage vom März 2005 glauben mehr als zwei Drittel der Deutschen an gute und böse Vorzeichen. Umfragen in anderen westlichen Ländern zeigen ähnliche Ergebnisse.
Beim Aberglauben, der auf magischem Denken fußt, handelt es sich um die Annahme eines objektiv nicht vorhandenen oder unmöglichen Wirkzusammenhangs. Allerdings muss er in der jeweiligen Kultur akzeptiert sein. So glauben viele Deutsche daran, dass eine Wünschelrute unterirdische Wasseradern anzeigen kann - sie würden aber kaum vermuten, dass ihr Handy klingelt, weil sie gerade über eine Wasserader laufen. Beides ist gleichermaßen unmöglich, nur ist das Wünschelrutengehen kulturell verbreitet. Das Gleiche gilt für den Glauben an die Wirkung von Amuletten und Maskottchen, an Gebete, an gute und böse Omen und unsichtbare Wesen.
Zwei Systeme im Gehirn
Eine Reihe von Psychologen wie der Amerikaner Seymour Epstein und der Brite Jonathan Evans schlagen vor, zwei Systeme für die Verarbeitung von Informationen im menschlichen Gehirn anzunehmen: ein evolutionär altes Erfahrungssystem und ein jüngeres, nur beim Menschen entstandenes rational-analytisches System.
Das rational-analytische System arbeitet bewusst, abstrakt, langsam, schlussfolgernd, vorwiegend verbal und integriert unser Weltwissen. Es verlangt eine geistige Anstrengung. Doch einen größeren Einfluss auf unsere Gefühlslage und damit auf die Motivation zum Handeln hat das Erfahrungssystem. Es arbeitet schnell, vorbewusst, integrativ, anstrengungslos und konkret. Es betrachtet gleichzeitige Wahrnehmungen als zusammenhängend. Es baut eine kausale Verbindung zwischen einem Ereignis und einer direkt folgenden Erfahrung auf - ganz gleich, ob das nun objektiv stimmt oder nicht.
Menschen neigen dazu, in der eigentlich chaotischen Welt nach Mustern und Absichten zu suchen. Manche Forscher vermuten dahinter evolutionäre Gründe: Für Frühmenschen in der afrikanischen Savanne war es demnach gesünder, hinter einer plötzlichen Bewegung des Steppengrases so lange einen Löwen zu vermuten, bis sie sich vom Gegenteil überzeugt hatten.
Die Evolutionsbiologen Kevin Foster und Hanna Kokko haben mit einem mathematischen Modell durchgerechnet, dass ein solches Verhalten einen evolutionären Vorteil bietet - und deshalb gute Chancen hat, sich durchzusetzen. Viele Neurowissenschaftler sind inzwischen überzeugt, dass das menschliche Hirn für den Glauben an Übersinnliches geradezu prädestiniert ist.
Gebildete oft anfällig für Aberglauben
So spielt magisches Denken bis heute eine große Rolle. Esoterische Bücher und Seminare finden einen millionenschweren Markt. Das Gleiche gilt für magische Heilmethoden, zu denen nach Ansicht der meisten Fachleute auch die Homöopathie zu rechnen ist. Allein in Deutschland erzielten die Hersteller der Präparate einen Umsatz von 400 Millionen Euro.
Die Homöopathie erfreut sich in Deutschland zudem einer gesetzlichen Förderung: Homöopathische Fertigarzneimittel benötigen keine Prüfung, sie müssen lediglich registriert werden. Als Nachweis der Unbedenklichkeit reicht ein "angemessen hoher Verdünnungsgrad". Das bedeutet nichts anderes, als dass die Hersteller die Unwirksamkeit eines Präparats nachweisen müssen, um es als Arzneimittel registrieren zu lassen. Die enormen Kosten für Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsstudien können sie sich sparen.
Obwohl es trotz zahlreicher Studien bis heute keinen überzeugenden wissenschaftlichen Vergleich für die Wirkung der Homöopathie gibt, glauben nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte daran. Mediziner werden heutzutage auch in Physik, Chemie und Pharmakologie ausgebildet. In ihrem Arbeitsgebiet gehen sie meist streng rational vor - aber das schließt nicht aus, dass sie an Wunderheilungen, Geister oder Gedankenübertragung glauben.
Sogar das Gegenteil könnte der Fall sein, wie der US-Psychologe Michael Shermer in seinem Buch "Why People Believe Weird Things" ("Warum Menschen an seltsame Dinge glauben") argwöhnt: "Gebildete Menschen sind besser darin, rational erscheinende Begründungen für nichtrational gewonnene Erkenntnisse zu erfinden."
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Bitte mal in Wikipedia nachlesen, wer so alles als Zerstörer der Bibliothek von Alexandrien in Frage kommt, 43 v. Chr. (da gabs noch keine Christen) angefangen. Nachtrag Erdkugel: Galilei hat Kopernikus bekämpft? Da geht was [...] mehr...
Mystik fällt in den Bereich der Phantasie, der Kreativität.. Aus ihr entspringen auch Erfindungen und Erneuerungen. Blöd ist daran nur, daß wir Manche meinen, Fortschritt sei ohne diese Schwestern möglich. Was auch blöd ist, [...] mehr...
Mir tut sich schon länger eine Frage auf. Vielleicht kann mir die jemand beantworten: Ich habe festgestellt, dass wenn jemand an die z.B. Homöopathie glaubt, dieser unter keinen Umständen unter Vorlage aller rationalen Argumente [...] mehr...
Wenn man in einem Thread über das Klima feststellt, dass 98 % der mit Teilaspekten des Klimas befassten Wissenschaftler mit den vom IPCC veröffentlichten Trendvoraussagen übereinstimmen, bekommt man als Gegenargument die etwas [...] mehr...
NATÜRLICH ist das irrational, denken Sie mal 'drüber nach ... mehr...
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