Nirgendwo sonst in Europa ist der Anteil der Übergewichtigen an der Gesamtbevölkerung so hoch wie in Deutschland. Drei von vier Männern und mehr als jede zweite Frau sind hierzulande zu dick. Mehr als jede fünfte Frau und jeder fünfte Mann sind sogar fettleibig: Sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) über 30 (siehe Kasten links). Wie Forscher vergangenes Jahr herausgefunden haben, kann Fettleibigkeit nicht nur Diabetes verursachen - auch der Schwund von Nervenzellen ist eine mögliche Folge.
Jetzt haben Wissenschaftler einen weiteren Risikofaktor für einen raschen Verfall des Denkorgans entdeckt. Knapp formuliert lautet der Zusammenhang: Ist das Herz schwach, altert das Gehirn schneller. Das gelte selbst dann, wenn keine Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliege, die Pumpleistung aber am unteren Ende des Normbereichs sei, berichtet das Team um Angela Jefferson von der Boston University im Fachmagazin "Circulation".
Entdeckt haben die Wissenschaftler den Effekt in einer Beobachtungsstudie, in der sie Informationen bei über 1500 Freiwilligen zwischen 34 und 84 Jahren sammelten, die zu einer Teilgruppe der sogenannten Framingham-Studie gehörten. In dieser Untersuchung werden seit 1948 gesundheitsrelevante Daten von Einwohnern der Kleinstadt Framingham im US-Bundesstaat Massachusetts registriert. In der aktuellen Studie erfassten die Mediziner vor allem zwei Faktoren: den Herzindex, bei dem die Pumpleistung des Herzens in Bezug zur Körperoberfläche gesetzt wird, und das Gehirnvolumen, das typischerweise mit dem Alter abnimmt.
Basierend auf dem Herzindex teilten die Wissenschaftler die Probanden in drei Gruppen ein: eine mit einem Index unterhalb des Normbereichs, zu der hauptsächlich Menschen mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehörten, eine mit einem Index im unteren und eine mit einem Index im oberen Normbereich. Interessanterweise lag sowohl bei Gruppe eins als auch bei Gruppe zwei das Gehirnvolumen deutlich unter dem in Gruppe drei gemessenen, berichten die Forscher.
Beunruhigende Entdeckung
Übertragen bedeute das: Nicht nur bei den Probanden mit bekannten Herzerkrankungen war das Gehirn im Schnitt fast zwei Jahre älter als das der Teilnehmer mit den besten Werten. Die gleiche Beobachtung machten die Forscher auch bei den Menschen mit nur leicht unterdurchschnittlichen Herzindex-Werten.
Berücksichtige man, dass lediglich sieben Prozent der Studienteilnehmer eine Herzerkrankung, aber 30 Prozent einen eher niedrigen Herzindex hatten, seien diese Ergebnisse ziemlich beunruhigend, kommentieren die Mediziner. Der genaue Zusammenhang müsse daher dringend genauer untersucht werden. Es sollte geklärt werden, ob die geringere Pumpleistung das reduzierte Gehirnvolumen bedingt oder ob beides auf eine andere Ursache zurückzuführen ist.
"Es gibt da verschiedene Theorien", sagt Studienleiterin Jefferson. "So könnte zum Beispiel das geringere Volumen an Blut, das das Herz durch den Körper pumpt, einen reduzierten Blutfluss im Gehirn zur Folge haben, der dann auch weniger Sauerstoff und Nährstoffe für die Hirnzellen liefert." Zum anderen sei unklar, ob das geringere Hirnvolumen auch eine Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit nach sich ziehe.
In der aktuellen Studie habe man so etwas zwar bisher nicht feststellen können. Es sei jedoch sehr wahrscheinlich, da ein schrumpfendes Gehirn unter anderem typisch für Demenzerkrankungen ist, so die Forscher.
cib/ddp
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