Von Nicola Kuhrt
Hamburg - Man nehme eine Stadt oder eine Region in Deutschland, bestimme, wie viele Ärzte dort ansässig sein dürfen und kontrolliere, ob die Mischung sinnvoll ist - vor allem, ob keine wichtige Patientengruppe unterversorgt bleibt: Fertig ist die ärztliche Bedarfsplanung. Klingt simpel, erweist sich in der Realität aber als schwierig. Weil es Mediziner eher in die Städte zieht und viele lieber als Facharzt arbeiten, entspricht die aktuelle Verteilung längst nicht den Anforderungen der Patienten in der jeweiligen Region.
Jetzt wurde die neue Planung des Ärztenetzes durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) vorgelegt. Monatelang hatte die Neufassung der Richtlinie Politik und Gesundheitsexperten beschäftigt, umgesetzt werden muss sie jetzt von den Landesverbänden der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV). Ein halbes Jahr haben sie dafür Zeit.
Josef Hecken, Vorsitzender des GBA, nennt die Ergebnisse "zielgenau, flexibel, fristgerecht". Psychotherapeuten und Patientenvertreter des Behindertenrats, der Verbraucherzentralen sowie der Selbsthilfegruppen sind sich da weniger sicher. Die Änderungen im Detail:
Nur kommen durch eine bessere Richtlinie nicht automatisch mehr Ärzte aufs Land. Laut KBV gehen über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits heute gebe es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.
Die Bedarfsplanung sei kein Instrument, mit dem über Nacht ein neuer Arzt gebacken werden könne, sagt GBA-Chef Josef Hecken. Sie sei aber ein wirksames Werkzeug und geeignet, tatsächlich mehr Allgemeinmediziner aufs Land zu bringen - auch wenn die bisher oft einen weiten Bogen um ländliche Regionen gemacht hätten.
Doch warum sollte ein Arzt in die brandenburgische, norddeutsche oder bayerische Provinz ziehen, wenn er dort oftmals länger arbeiten muss, der Lebenspartner keinen Job findet und die Kinder möglicherweise keine nahe Schule haben?
"Kommunen sind aufgefordert, Standortmarketing zu betreiben"
Mit dem Versorgungsstrukturgesetz, seit Anfang 2012 in Kraft, sollen manche Probleme für Mediziner behoben werden - die geforderte Novelle der Bedarfsplanung ist ein wesentlicher Baustein. Doch das könne nicht alles sein. "Auch die jeweiligen Kommunen sind aufgefordert, Standortmarketing zu betreiben, ihre Stadt für Ärzte attraktiv zu machen", sagt KV-Bundesverbandssprecher Roland Stahl SPIEGEL ONLINE.
Kritik an der Neuplanung kommt von den Patientenvertretern des GBA. In dem Gremium sitzen Experten des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, medizinischer Selbsthilfegruppen und des Deutschen Behindertenrats. "Besitzstandswahrung und finanzielles Kalkül haben die Entscheidungen bestimmt, nicht der Versorgungsbedarf der Patienten", sagt Ilona Köster-Steinebach, Gesundheitsreferentin der Verbraucherschützer. Die Kritik im Einzelnen:
Kritik kommt ebenfalls von der Bundeskammer der Psychotherapeuten (BPtK). "Über 6000 psychotherapeutische Praxen sind bedroht", sagte Präsident Professor Rainer Richter, der GBA gehe von veralteten Zahlen aus, nach denen es noch viel weniger Psychotherapeuten gegeben habe als heute. "Wir sind alarmiert."
GBA-Chef Hecken widersprach Befürchtungen, die Psychotherapeuten müssten ab Januar reihenweise ihre Praxen dicht machen. "Wenn jemand in Rente geht, wird nicht nachbesetzt", sagte er. Mehr sei in die neue Richtlinie nicht hineinzuinterpretieren.
Die Richtlinie muss nun noch vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden, soll aber bereits Anfang des neuen Jahres in Kraft treten.
mit Material von dpa
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