Erste Doppeltransplantation von Händen Zion kann wieder spielen

Vor zwei Jahren bekam ein Junge aus den USA neue Hände. Nun haben seine Ärzte die Transplantation als Erfolg bezeichnet. Der Zehnjährige kann schreiben und sich selbst anziehen.

Zion Harvey
Children·s Hospital of Philadelphia/DPA

Zion Harvey


Er kann schreiben, essen und sich mit zwei transplantierten Händen anziehen. 18 Monate nach der Operation hat der zehnjährige Zion Harvey in den USA gelernt, mit seinen neuen Händen mehr Handlungen auszuführen als zuvor mit seinen Stümpfen. Das berichten seine Ärzte in der Fachzeitschrift "The Lancet Child & Adolescent Health". Den Angaben zufolge ist es die erste erfolgreiche Handtransplantation bei nicht verwandten Kindern.

"Sein Gehirn kommuniziert mit den Händen", sagt der Chef des Chirurgenteams des renommierten Children's Hospital of Philadelphia, Scott Levin, in einem YouTube-Video. "Es sagt ihnen, dass sie sich bewegen sollen, und sie bewegen sich. Allein das ist bemerkenswert, weil dieser Teil des Gehirns für sechs Jahre seines Lebens nicht aktiv war."

Nach der OP hätten sich der Junge und sein Gehirn erst daran gewöhnen müssen, die Hände zu nutzen, schreiben die Ärzte. Vor allem innerhalb des ersten Jahres wehrte sich sein Körper mehrfach. Die Ärzte mussten die Dosen seiner Medikamente erhöhen, was zusätzliche Gesundheitsrisiken barg. Doch nun, zwei Jahre nach der Operation, hat sich Zions Körper an die neuen Hände gewöhnt, und auch die Dosen einiger Medikamente konnten gesenkt werden.

OP dauerte fast elf Stunden

Schon acht Monate nach der Transplantation hatte Zion Scheren und Malstifte benutzen können. Mittlerweile kann der große Sportfan aus Baltimore mit beiden Händen einen Baseballschläger schwingen. Im vergangenen Jahr warf er den ersten Ball bei einem Profi-Baseball-Spiel. Danach sagte er bereits: "Ein Teil meines Lebens, der gefehlt hat, ist da. Mein Leben ist komplett."

Zion will auch anderen Kindern Mut machen. "An alle Kinder, die das sehen und eine schwere Zeit durchmachen, gebt niemals auf. Ihr werdet es letztendlich schaffen."

Zion Harvey beim Training
DPA

Zion Harvey beim Training

Laut seinen Ärzten haben seine positive Lebenseinstellung und sein Willen Zion zu einem optimalen Kandidaten für die Transplantation gemacht. Und auch seine Krankheitsgeschichte: Zion hatte mit zwei Jahren eine von Bakterien ausgelöste Blutvergiftung (Sepsis) erlitten, die unter anderem zu Nierenversagen und dem Verlust der Hände, Teilen der Unterarme und der Füße führte. Als ihr Sohn vier Jahre alt war, spendete die Mutter ihm eine Niere. Später wurden ihm über eine Spenderliste Hände zugewiesen. Über den Spender ist nichts bekannt.

Eineinhalb Jahre lang bereiteten Ärzte, Kinderpsychologen und Sozialarbeiter den Jungen auf die schwierige Operation und die langwierigen Folgen vor. Aus medizinischer Sicht war vor allem die Verbindung der kleinen Nerven und Blutgefäße eine Herausforderung. Die OP dauerte dann auch fast elf Stunden.

"Sein Mut und sein Wille inspirieren uns alle"

Die Wochen und Monate nach der Transplantation trainierte der damals Achtjährige seine neuen Hände. Nach und nach nahm der Junge immer mehr Reize über die Hände wahr und konnte sie immer besser bewegen und einsetzen. Zudem ist es gelungen, dass die Hände mit dem Körper mitwachsen. Inzwischen geht es für den Jungen darum, sich wieder in sein soziales Umfeld einzugliedern und zur Schule zu gehen.

"Ich habe Zion noch nie weinen sehen. Ich habe noch nie gesehen, dass er nicht zur Reha wollte. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, sein Mut und sein Wille inspirieren uns alle", sagt Levin.

Der positive Verlauf der Handtransplantation bei einem Kind sei eine Premiere, schreiben die Autoren in der Studie. Schon häufiger sei es gelungen, ganze Gliedmaßen zwischen eineiigen Zwillingskindern zu übertragen. Noch nie seien jedoch Extremitäten zwischen nicht verwandten Kindern erfolgreich übertragen worden. Ein solcher Versuch sei zuletzt mit dem Tod eines Jugendlichen gescheitert.

Der Fall des damals achtjährigen Zion Harvey lässt sich in eine ganze Reihe von spektakulären Transplantationen stellen, zu denen Ärzte mittlerweile in der Lage sind. Schon im Jahr 2000 hatten sie einem erwachsenen Mann neue Hände verpflanzt. Drei Jahre später transplantierten Ärzte in Wien erstmals eine Zunge. Einer Französin wurden bereits Mund und Nase eines toten Spenders übertragen, und im Jahr 2014 erhielt ein 21-jähriger Südafrikaner einen neuen Penis. Wenige Monate später zeugte er ein Kind.

max/dpa



insgesamt 10 Beiträge
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annoo 19.07.2017
1. Bewunderswerte Fortschritte in der Medizi
Gut vorstellbar, welche Erleichterung es für das Kind und das Umfeld ist, wenn der Junge sich alleine anziehen kann und auch in Lage ist, beim Spielen und auch sonst seine Hände zu benutzen. Eine Hoffnung für Viele.
sven17 19.07.2017
2.
Alles gute für den Jungen. Da sieht man, was man alles als selbstverständlich ansieht.
Jota.Nu 19.07.2017
3. positive Lebenseinstellung des Kindes...
...ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Medizin und die Patienten endlich akzeptieren, das die Geisteshaltung des Patienten UND der behandelnden Ärzte zusammen einen hohen Anteil an der Genesung haben... Der sog. "Placebo-Effekt" kann immer seinen Beitrag zur Heilung leisten, wenn alle mitmachen und sich nicht nur auf das faktisch Nachweisbare der Schulmedizin verlassen. Denn dann wird das nix mit der Heilung (oder dauert zumindest viel länger...)
Lampenluft 19.07.2017
4. Es sind Patienten wie Zion, die den medizinischen Fortschritt möglich
machen. Beide Seiten, Patient und Arzt brauchen den Mut und die Courage neue Wege zu gehen und sich ins Ungewisse zu begeben im Vertrauen darauf, dass man mit den aufkommenden und unbekannten Schwierigkeiten zurecht kommt. Alles Gute für Zion und das Team Zion. Im Anblick der Medizingeschichte ist im Vergleich hierzu düster ist in diesen Tagen die Geschichte des kleinen Charlie Gard. Gerade ein Kindergehirn, welches sich noch stark neu organisieren kann, soll trotz vorhandener Aktivität abgestellt, getötet werden. Es erhebt sich die Frage, weshalb ein englisches Krankenhaus mit einer solchen Vehemenz sich gegen den medizinischen Fortschritt stellt, Eigenschutz? Eigentlich eine Win-Win-Situation: Das Krankenhaus will das Intensivbett frei haben, ein spezialisiertes Krankenhaus bietet eine Übernahme an und die Angehörigen sind bereit lange Wege auf sich zu nehmen zum Wohl des Kindes, das eine sehr seltene Erkrankung hat und somit eine besondere Bedeutung für die Entwicklung von Therapien für die zukünftigen Krankheitsfälle hat. Die Finanzierung der Therapie ist gesichert. Weshalb insistiert die Krankenhausseite daher auf eine zwingende Konfliktlösung , indem man auf die Abschaltung eines NICHT-hirntoten Patienten beharrt? Wo liegt der Eigennutz in der Konfliktlösung für das Krankenhaus?
Schnabeltier 19.07.2017
5. Sehr interessanter Artikel, ...
.... aber die Fehler darin sind eine Zumutung. "Lies bitte deinen Text selbst noch einmal sorgfältig und verbessere deine Fehler, bevor du ihn abgibst." Dritte Klasse. Ich erwarte ja nicht mehr, dass hier noch ein Lektor drüberschaut, aber gerade mal selbst lesen sollte schon noch drin sein....
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