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Gesundheitsweiser Ferdinand Gerlach: "Ärzte verdienen nur, wenn Menschen krank bleiben"

Ärztestreiks müssten nicht sein, sagt Ferdinand Gerlach. Der Mediziner ist neuer Vorsitzender des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen - dem Gremium, das die Bundesregierung berät. Die Experten sind überzeugt: Das jetzige Gesundheitssystem ist keineswegs das einzig mögliche.

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Patienten-Check im Akkord: Das geht auch anders, sagt Mediziner Gerlach

SPIEGEL ONLINE: Herr Gerlach, der Streit über die Ärztehonorare eskaliert, ein Kompromiss zwischen Kassen und Medizinern ist in weite Ferne gerückt. Haben Sie einen Vorschlag, wie sich ein Streik verhindern lässt?

Gerlach: Keinen tagesaktuellen, denn tatsächlich müsste sich unser gesamtes Gesundheitssystem deutlich verändern, damit die Art der Auseinandersetzung in Zukunft nicht mehr passiert. Derzeit wirken nur sehr einseitige ökonomische Anreize. Das führt dazu, dass niedergelassene Ärzte letztlich nur dann etwas verdienen können, wenn die Menschen krank sind und bleiben. Geld gibt es nämlich kaum für Gesunderhaltung, sondern fast nur dann, wenn ein Arzt seine Patienten einbestellt und mit allerlei Geräten behandelt - leider auch, wenn dies gar nicht unbedingt nötig wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre die Alternative?

Gerlach: Wir schlagen eine grundlegende Umstellung vor und empfehlen, dass Anbieter sich - selbstverständlich freiwillig - zusammenschließen. Niedergelassene Ärzte, Kliniker und andere Gesundheitsberufe, etwa Fachkräfte aus Reha und Pflege, bilden regionale Gesundheitsnetzwerke. Ihnen wird dann gemeinsam die Verantwortung dafür übertragen, die Menschen, die sich freiwillig für diese Versorgungsform entscheiden, möglichst lange gesundzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt vorbildlich - aber leider auch ziemlich unrealistisch, betroffen wären immerhin über 150.000 niedergelassene Ärzte und noch einmal 140.000 Mediziner in den 2000 Kliniken in Deutschland.

Gerlach: Das geht vielleicht nicht von heute auf morgen. Aber es ist keineswegs unrealistisch, denn umgestellt werden kann das System schon jetzt. Das Gesetz sieht solche sektorenübergreifenden Kooperationen sogar ausdrücklich vor. Am meisten müssten sich die großen Interessenvertreter bewegen, also insbesondere Krankenkassen, Ärzte- und Krankenhausverbände. Unser Konzept ist insofern auch ein Appell zum Handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll ein solches System funktionieren?

Gerlach: Die Ärzte müssten sich umorientieren. Sie schließen sich in intelligenten Versorgungskonzepten zusammen, und das Geld kommt in einen gemeinsamen Topf, der dann für die optimale gesundheitliche Betreuung in der betreffenden Region genutzt werden kann. Wenn die Behandlungen dann nicht mehr primär durch Mengen und Preise diktiert werden, erübrigen sich zum Beispiel so Dinge wie das derzeit betriebswirtschaftlich geradezu erzwungene quartalsweise Einbestellen der Patienten. Wir wissen, dass viele Ärzte die in Deutschland sehr häufigen Arzt-Patient-Kontakte vielfach für unnötig erachten und sich lieber heute als morgen aus diesem Zwang befreien möchten.

SPIEGEL ONLINE: Sie können doch ein so stark reguliertes Konstrukt wie das deutsche Gesundheitssystem nicht plötzlich in die Anarchie entlassen.

Gerlach: Das ist auch nicht beabsichtigt. Es wird weiterhin Gesetze und Spielregeln geben - die Ärzte bleiben auch weiterhin in ihren Praxen oder Kliniken.

SPIEGEL ONLINE: Was soll das Ganze dann den Ärzten nutzen?

Gerlach: Es ist insbesondere für junge Ärztinnen und Ärzte ein attraktives Modell - die wollen nämlich keine Einzelkämpferpraxis mehr eröffnen und sich verschulden. Sie wollen gern im Team arbeiten, in intelligenten Netzwerken. Auch für Frauen und Männer, die Zeit für ihre Familie haben wollen, sind kooperative Modelle von Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Und dem Patienten bleibt dann nur zu hoffen, dass sein Doktor gerade mal keinen freien Nachmittag hat?

Gerlach: Integrierte Gesundheitsnetzwerke, wie wir sie meinen, funktionieren höchst professionell, gute Zugänglichkeit ist sogar ein Qualitätskriterium. Es besteht hier mehr Austausch zwischen den einzelnen Sektoren, also insbesondere zwischen den niedergelassenen Medizinern und denen in der Klinik.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass sich Ärzte zu diesem Richtungswechsel bewegen lassen?

Gerlach: Wir sind optimistisch. Erste derartige Zusammenschlüsse gibt es bereits in Deutschland, vor allem in Regionen, wo die Betreuung der Menschen mit dem bisherigen Prinzip nicht mehr sinnvoll gewährleistet werden kann. In ländlichen Regionen entstehen integrierte Versorgungskonzepte inzwischen aus eigenem Antrieb.

SPIEGEL ONLINE: Und die haben Erfolg?

Gerlach: In Deutschland, in der Schweiz und auch in anderen Ländern gibt es derartige Modelle bereits. Sie berichten über ermutigende Ergebnisse. Das jetzige Gesundheitssystem ist uns zwar sehr vertraut, es ist aber keineswegs das einzig mögliche und allein seligmachende. Wir sollten den Mut haben, alternativ auch neue Wege zu gehen.

Das Interview führte Nicola Kuhrt

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1. Empathie kann man lernen!
tsitsinotis 21.09.2012
Immer noch wird im Studium die hörende/sprechende Medizin stiefmütterlich behandelt. Der Druck der Geräte- und Pharmalobby verhindert dies auch. Die skandalöse Unterbezahlung psychosomatischer Leistungen - dazu noch budgetiert - muss aufhören. Ein Weg dahin wäre die Abschaffung der bürokratiezentrierten Kassenärztlichen Vereinigungen, denen jede zeitaufwendige, liebevolle Zuwendung zum Patienten verdächtig erscheint.
2. ich muss lachen....
petrasha 21.09.2012
...will denn wirklich einer ersthaft glauben, dass die ärzte nicht genügend kranke zur behandlung haben, dass sie zusehen müssen, dass die kranken möglichst krank bleiben, statt gesund zu werden? das ist absurd.
3. Info ??
atemlos9 21.09.2012
---Zitat von sysop--- Erste derartige Zusammenschlüsse gibt es bereits in Deutschland ... ---Zitatende--- Sind die Orte geheim oder dem Autor unbekannt? Warum erfährt man nicht, wo es diese Zusammenschlüsse gibt? Oder sollte man vorsichtshalber sein Verschwörungsbesteck auspacken ...
4. Das erste venünftige Wort seit langem
quark@mailinator.com 21.09.2012
Ich gehe ja nur alle 10 Jahre mal zu irgendeinem Arzt, aber schon jetzt graut mir vor dem Alter, wo das dann mal mehr werden könnte und ich ewig unnütz in den Wartezimmern sitzen müßte. Jedesmal, wenn ich ein med. Problem hatte, wurde der Versuch erkennbar, die Abrechnung zu maximieren. Man hat mir unnütze Behandlungen aufgeredet, um Ultraschall- und Reizstromgeräte in Benutzung zu halten, man hat unnütze Röntgenaufnahmen machen lassen, obwohl von vornherein klar war, daß nur die Tomografie das Problem zeigen würde, man hat mich 3x bestellt, wo auch ein Besuch gereicht hätte. Etc. Sowas nervt total, verschwendet Resourcen beim Patienten und beim Gesundheitssystem. Ich denke ja, Ärzte sollten nicht in einem kapitalistischen Modell arbeiten, aber OK, es ist wie es ist. Daher bin ich froh, daß dieser Beitrag dazu anregt, die Motivation des Systems mit dem Gesellschaft abzugleichen. Ziel ist eben Gesundheit, nicht Geld verdienen. Bzw. so sollte es sein :-(.
5. noch schlimmer ist die Gattung
vielfeindvielehr 21.09.2012
der Bestatter. Man könnte ewig leben, müsste man die nicht ernähren.
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Zur Person
  • Ferdinand Gerlach, Jahrgang 1961, ist Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt und neuer Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR). Ihre Gutachten gehen an Bundespräsident und Gesundheitsministerium. Legendär ist die Analyse aus 2000; das deutsche Gesundheitssystem leide an "Über-, Unter- und Fehlversorgung" - dieses Urteil gilt bis heute.

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Gesundheit wird privatisiert: Warnungen vor dem Unternehmen Krankenkassen
Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.


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