Affenversuche in Tübingen Ermittler durchsuchen Max-Planck-Institut

Der Streit um Affenversuche eskaliert, Ermittler haben ein Max-Planck-Institut in Tübingen durchsucht. Der Verdacht: Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Zugleich laufen zahlreiche Verfahren wegen Bedrohung und Beleidigung von Forschern.

Gelände der Max-Planck-Gesellschaft in Tübingen: Durchsuchung nach Anzeigen
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Gelände der Max-Planck-Gesellschaft in Tübingen: Durchsuchung nach Anzeigen

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Tübingen - Die Staatsanwaltschaft Tübingen hat nach massiver Kritik an Affenversuchen das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen durchsuchen lassen. Es bestehe der Anfangsverdacht, dass es bei den Versuchen zu zwei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen sei, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Donnerstag mit. Grund dafür seien mehrere Strafanzeigen sowie die bisherigen Ermittlungen der Behörden.

Bei der Durchsuchung am Dienstag seien umfangreiche Unterlagen sichergestellt worden, die nun ausgewertet würden. Wann erste Ergebnisse vorliegen, sei derzeit noch unklar.

Das Max-Planck-Institut in Tübingen war im September vergangenen Jahres nach einem Fernsehbericht in die Kritik geraten. Ein von Tierschützern eingeschleuster Pfleger hatte mit versteckter Kamera in dem Institut gefilmt. In dem Beitrag, der von "Stern TV" gesendet wurde, war unter anderem ein Affe mit offenen Wunden zu sehen. Ein anderes Tier übergab sich.

Der Tübinger Staatsanwalt Martin Klose bestätigte auf Anfrage, dass der TV-Beitrag der Anlass für die Durchsuchung war. Zwar hatte das Max-Planck-Institut erst Mitte Januar vom zuständigen Regierungspräsidium die Erlaubnis erhalten, vorerst ohne Einschränkungen weiter Tierversuche durchzuführen. Eine Prüfung hatte keine Verfehlungen nachgewiesen. "Aber in einem komplexen Verfahren ist es üblich, sicherzustellen, dass alle Unterlagen zur Verfügung gestellt werden", sagt Klose. Nach einer Hausdurchsuchung sei man "auf der sicheren Seite".

"Inszenierte Aufnahmen"

Die Max-Planck-Gesellschaft weist die Vorwürfe, die in dem TV-Beitrag erhoben wurden, scharf zurück. "Die Aufnahmen wurden so inszeniert, dass sie einer Kampagne dienen konnten", sagt Christina Beck, Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft. Einem der in dem Beitrag gezeigten Affen seien kurz zuvor von einem Tierarzt Antibiotika gespritzt worden - "um das Tier zu retten", wie Beck betont. Dass sich der Affe nach einer solchen Therapie übergebe, sei nicht ungewöhnlich. In einem anderen Fall sei das Verhalten eines Affen offenbar beeinflusst worden, um den Eindruck einer Misshandlung zu erwecken.

Den Vorwurf, Tiere würden in dem Institut bewusst gequält, bezeichnet Beck als abwegig. Die dortige Forschung ziele unter anderem darauf ab, feinste Hirnströme zu messen. "Die Schmerz- und Angstfreiheit der Tiere ist eine Voraussetzung dafür, überhaupt valide Ergebnisse zu erhalten", so Beck. Dies sei unter anderem bedeutend für die Behandlung von Hirntumoren bei Menschen. "Aber mit solchen Argumenten", meint Beck, "dringt man bei Tierschutz-Aktivisten nicht durch."

Stattdessen seien Mitarbeiter des Instituts seit dem TV-Beitrag im September Ziel massiver Beschimpfungen und sogar Morddrohungen. Auch das beschäftigt die Tübinger Ermittler. Laut Staatsanwalt Klose laufen derzeit "zahlreiche Verfahren" wegen Beleidigung und Bedrohung.

Streit hatte es in den vergangenen Jahren auch an der Universität Bremen gegeben. 2008 wollte die Bremer Gesundheitsbehörde die Experimente mit Makaken nicht mehr genehmigen, wogegen die Wissenschaftler mit Erfolg klagten. Im Frühjahr 2014 attackierten Tierschützer den verantwortlichen Forscher in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige.

Mit Material von dpa



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insgesamt 28 Beiträge
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strixaluco 29.01.2015
1. Denkblockade von beiden Seiten
Die einen sind der Meinung, dass jeder Tierversuch grundsätzlich Quälerei und nutzlos ist, die anderen verschließen aus Trotz und Überarbeitung schon einmal die Augen davor, wenn wirklich etwas nicht gut läuft. So kommt man mit sinnvollem Tierschutz nicht weiter! - Es würde helfen, wenn Institute, die Affenversuche betreiben, noch transparenter und diskussionsoffener wären (öffentlicher Dialog!), ganz egal, ob ein Teil der Vorwürfe emotional geprägt ist. Es könnte auch noch viel mehr Priorität auf die Entwicklung und Anwendung minimal - oder nicht-invasiver Verfahren gelegt werden (und dass es nur mit invasiven Methoden geht, sollte öffentlich dokumentiert werden). - Von Tierschützern sollte man aber auch erwarten können, dass auf Sachargumente eingegangen wird, wenn Versuche wirklich so durchgeführt werden, dass die Tiere keine Schmerzen haben und ein weitgehend artgerechtes Leben führen können (bei guter Betreuung durchaus möglich). Zweitens gibt es nun einmal wirklich medizinisch relevante Fragestellungen, die sich nur mit solchen Versuchen klären lassen. Das _muss_ man mit in beide Richtungen offenem Ausgang diskutieren können, und wenn man zu einem Ja zum Versuch gelangt ist, sollten Wissenschaftler diesen durchführen können, ohne dass sie sich dafür beschimpfen und bedrohen lassen müssen.
Neophyte 29.01.2015
2. Wenn wirklich nur die Tierversuche ausgeführt werden würden,
die auch wirklich absolut notwendig sind und nicht etwa durch Computersimulationen ersetzt werden können, dann wäre das sicherlich noch irgendwie vertretbar. Aber so lange davon ausgegangen werden kann, das viele Versuche doppelt und dreifach (weltweit) durchgeführt werden, zu einem unsinnigen Zweck oder völlig unnötig sind, so bleibt es Tierquälerei der schlimmsten Art und gehört streng reguliert oder ganz unterbunden!
honkeytonk 29.01.2015
3. Liebe Tierschützer
was ist euch lieber? Tierversuche in Deutschland unter sehr strengen Auflagen oder Tierversuche woanders ohne Auflagen? Tierversuche sind leider ein notwendiges übel im Kampf gegen Kankheiten. Oder wollen wir dafür Menschen nehmen? Ich bin gegen Massentierhaltung und Pescatarier. Aber Tierversuche sind LEIDER NOTWENDIG! Und hoffentlich bleibt der Forschungs- und Industriestandort Deutschland erhalten. Wir können nicht alle im Servicebereich arbeiten.
Mr T 29.01.2015
4. #2
Ob die Versuche wissenschaftlich sinnvoll sind, will/kann ich nicht beurteilen aber es ist durchaus sinnvoll Verusch mehrmals durchzufuehren, um sich zu gehen, dass man kein Zufallsergebniss bekommen hat. Ein grosses Problem in der biologischen/medizinischen/ psychologischen Forschuing ist es, dass Versuche nicht von anderen Laboren repliziert werden!
forscher3 29.01.2015
5. schoen waers
Zitat von Neophytedie auch wirklich absolut notwendig sind und nicht etwa durch Computersimulationen ersetzt werden können, dann wäre das sicherlich noch irgendwie vertretbar. Aber so lange davon ausgegangen werden kann, das viele Versuche doppelt und dreifach (weltweit) durchgeführt werden, zu einem unsinnigen Zweck oder völlig unnötig sind, so bleibt es Tierquälerei der schlimmsten Art und gehört streng reguliert oder ganz unterbunden!
Ja, das klingt ganz wunderbar. Ich denke die meisten von uns wuerden liebend gern einige Experimente durch Simulationen ersetzen, aber leider klingt das viel einfacher als es ist. Anhand Ihrer Aussage nehme ich an, dass sie annehmen fuer eine solche Simulation wird nichts weiter benoetigt als ein Computer und ein Mensch, der ihn bedient. Jedoch muessen fuer Simulationen und Modelle auch erst einmal Hypothesen gewonnen werden. Und damit eine Simulation funktioniert und wirklich ein relativ reales Bild darstellt benoetigt man sowohl Daten zum Entwickeln dieser Modelle, als auch zum Testen dieser. Und wo kommen diese Daten her? Von Tierversuchen. Ich kann Ihnen versichern, dass heutzutage, alles moegliche getan wird die informatischen/mathematischen Methoden auszuschoepfen. Tierversuche bleiben aber weiterhin ein notweniger Schritt in unserer Forschung.
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