Aids-Erreger Forscher enträtseln Fälle von HIV-Selbstheilung

Zwei Männer haben sich mit HIV infiziert, doch ihre Körper haben sich erfolgreich gegen den Aids-Erreger gewehrt. Jetzt glauben Forscher, die Ursache enträtselt zu haben - und hoffen sogar, den Weg zu einer Heilung finden zu können.

HI-Virus (Grafik): Ursache für Spontanheilung gefunden?
DPA

HI-Virus (Grafik): Ursache für Spontanheilung gefunden?


Geht es um eine HIV-Infektion, machen Mediziner um den Begriff der Heilung aus guten Gründen oft einen Bogen. Zu oft schon erwiesen sich Hoffnungen als trügerisch, wie zuletzt im Fall einer Vierjährigen, die schon als geheilt galt und nun wieder behandelt werden muss. Jetzt aber stellen Forscher im Fachmagazin "Clinical Microbiology and Infection" neue Erkenntnisse vor, die ihrer Meinung nach tatsächlich zu einer Heilung führen könnten.

Das Team um Didier Raoult vom Institut für Infektions- und Tropenkrankheiten (Urmite) in Marseille hatte zwei Männer untersucht, deren Körper das HI-Virus nach der Infektion in Schach halten konnten. Dies ging nach Meinung der Forscher auf die Integration des veränderten, inaktiven Virus-Gencodes in deren DNA zurück. "Diese Beobachtung ist ein denkbarer Ansatz für eine Heilung", meint Raoult.

Die zwei Patienten waren mit dem HI-Virus infiziert, einer von ihnen schon seit rund 30 Jahren. Dennoch brach bei ihnen nie die Krankheit aus, und sie wurden auch nie behandelt. Das Virus konnte mit den üblichen Tests in ihrem Blut nicht nachgewiesen werden, schreiben die Forscher in ihrem Fachbeitrag.

Die Analysen erlaubten es demnach, das im Genom der Patienten gefundene HI-Virus nachzubilden. Dabei konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass der Erreger durch eine Unterbrechung der Informationen aus den Genen des Virus ausgeschaltet war. Das Virus konnte sich daher nicht vervielfältigen, blieb aber im Inneren der DNA der Patienten erhalten.

Hoffnung auf Heilungsansatz

Die Forscher spekulieren, dass die Unterbrechungen bei dem Virus auf ein Enzym namens Apobec zurückgehen, das im Kampf gegen Aids erforscht wird, das aber normalerweise durch ein Protein des HI-Virus inaktiviert wird.

Die Studie eröffnet nach Ansicht der Autoren die Möglichkeit, eine Heilung durch die Nutzung dieses Enzyms oder seine Stimulierung anzustreben. Auch könnten so bei neu infizierten Patienten die Aussichten auf eine Heilung geprüft werden. Nach Einschätzung von Raoult könnten die Erkenntnisse auch die bisherigen Therapieansätze ändern, die ausschließlich darauf ausgerichtet seien, den Körper vom HI-Virus zu befreien.

Die Wissenschaftler waren der Annahme nachgegangen, dass das HI-Virus sich ebenso verhält wie andere Retroviren, die sich in der DNA von Tieren und Menschen festsetzen. So hatten Forscher festgestellt, dass Koala-Bären gegen ein Virus resistent geworden waren, das sie neutralisiert und in ihre DNA integriert hatten. Diese Resistenz wird auch an die Nachkommen vererbt. Die französischen Wissenschaftler gingen daher davon aus, dass es auch beim HI-Virus solche Resistenzen geben müsse.

mbe/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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DieButter 04.11.2014
1. Zweischneidiges Schwert
Verbleibt die Virus-DNA im Genom des Wirts und wird vererbt, besteht natürlich die Möglichkeit, daß sie in den Nachkommen wieder reaktiviert werden kann. Das kann auch erst Generationen später geschehen, wenn niemand mehr an HIV denkt.
Finsternis 04.11.2014
2. Erfreuliche Nachricht
Diese Krankheit wünscht man niemandem, denn im Gegensatz zu vielen anderen tödlichen Krankheiten verstößt diese einen auch noch aus der Gesellschaft.
MobelpreisMedizinPhysik 04.11.2014
3. Etwas verwirrend
Habe den Beitrag jetzt 2x überflogen, aber beim ersten Mal habe ich wohl falsch gedacht, daß die zwei infizierten Männer wohl ein Paar seien - sind aber wohl unabhängige Funde. Weiterhin bleibt im Bericht unklar, in welchen Zellen denn die integrierte, retrovirale DNA gefunden wurde? Waren es langlebige Knochenmarkstammzellen oder kurzlebige T-Lymphozyten? Wenn man von Weitergabe im Erbgut ausgeht (wie bei den erwähnten Affen oder Koala-Bären), dann muss ja ein Einschleusen der Gene in die Keimbahn, also entweder die Vorstufen der Spermien oder in die Eizelle passiert sein. Das sind viele verschiedenen Zellen, über die sich der Bericht ausschweigt - kann natürlich im Originalbericht ähnlich sein, oder zu komplex für den Nichtmediziner.
zauselfritz 04.11.2014
4.
Zitat von DieButterVerbleibt die Virus-DNA im Genom des Wirts und wird vererbt, besteht natürlich die Möglichkeit, daß sie in den Nachkommen wieder reaktiviert werden kann. Das kann auch erst Generationen später geschehen, wenn niemand mehr an HIV denkt.
Nein, ich denke nicht das es so funktioniert. Die DNA erzeugt kein selbstständiges Virus.
axcoatl 04.11.2014
5. So positiv der Artikel in ...
... seiner Aussage ist. Dieser Satz stimmt mich sehr nachdenklich: "Das Virus konnte mit den üblichen Tests in ihrem Blut nicht nachgewiesen werden, schreiben die Forscher in ihrem Fachbeitrag." das verheisst nichts Gutes.
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