Aids Forscher locken Viren aus Versteck

Das Virus aus seinem Versteck locken und ausschalten: Mit der "Kick and Kill"-Methode konnten dänische Forscher einen wichtigen Fortschritt im Kampf gegen Aids erzielen.

Darstellung des HI-Virus (Illustration): "Kick and Kill"-Konzept soll Fortschritt bringen
DPA

Darstellung des HI-Virus (Illustration): "Kick and Kill"-Konzept soll Fortschritt bringen


Melbourne - Im Kampf gegen Aids ist Forschern aus Dänemark nach eigenen Angaben ein wichtiger Fortschritt gelungen. Wie sie am Dienstag bei der Welt-Aids-Konferenz im australischen Melbourne berichteten, konnten sie mit Hilfe eines Anti-Krebs-Mittels schlummernde HI-Viren wecken. Die Hoffnung der Wissenschaftler ist, dass die auf diese Weise versteckte Viren mit Hilfe noch zu entwickelnder Methoden dann gezielt vernichtet werden können.

"Dies dürfte einen immensen Einfluss auf die künftige Forschung haben", sagte Aids-Experte Steven Deeks von der Universität von Kalifornien. "Es ist das wichtigste Ergebnis dieser Tagung."

In den Schlummerzustand wird das HI-Virus durch die sogenannten antiretroviralen Medikamente versetzt, die HIV-Patienten verabreicht werden, um ihnen ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen. Durch diesen Medikamenten-Cocktail wird der Patient jedoch nicht geheilt, sondern lediglich der Anteil der Viren im Blut deutlich abgesenkt. Mit dem Einsatz des Anti-Krebs-Mittels Romidepsin hoffen die Forscher aus Dänemark, nun einen Schritt in Richtung einer Therapie zur tatsächlichen Heilung von Aids getan zu haben.

Pilotstudie mit sechs Patienten

Die Studie der Universität in Aarhus beruht allerdings lediglich auf Experimenten mit sechs Patienten. Forschungsleiter Ole Schmeltz Sogaard warnte daher vor übersteigerten Erwartungen: "Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings ist noch ein weiter Weg zu gehen und sind noch viele Hürden zu überwinden, bevor wir über ein Heilmittel gegen Aids sprechen können."

Die bisherige antiretrovirale Therapie bei HIV-Patienten bewirkt, dass kaum noch Viren gebildet werden und die sogenannte Viruslast im Blut so weit absinkt, dass sie nicht mehr nachweisbar ist. Allerdings müssen die starken Medikamente täglich genommen werden und können erhebliche Nebenwirkungen haben.

Bei der Pilotstudie in Dänemark wurde den sechs Patienten, die antiretroviral therapiert werden, zusätzlich Romidepsin verabreicht. Bei fünf von ihnen stieg der Virus-Anteil im Blut nach Angaben der Wissenschaftler daraufhin wieder auf ein nachweisbares Maß. "Wir haben gezeigt, dass wir ein schlummerndes Virus wieder aktivieren können", sagte Schmeltz Soogard.

Die Forscher verfolgen das Konzept des "Kick and Kill" - etwa: rausschmeißen und abtöten - im Kampf gegen das Virus. Es soll wachgescheucht, exponiert und dann gezielt vernichtet werden.

Die bisherigen Ergebnisse stellen dabei nur einen Zwischenschritt dar. Denn noch müssen die Forscher herausfinden, ob tatsächlich alle verbleibenden HI-Viren mittels Romidepsin freigesetzt werden können.

Zudem muss eine Methode gefunden werden, um die Zellen zu vernichten, in die sich die Viren infolge der antiretroviralen Therapie flüchten. Und es muss ein Mittel gefunden werden, um die mittels Romidepsin reaktivierten Viren gezielt zu vernichten.

Mit "Kick and Kill" gegen die Viren

Die Hoffnung der Forscher ist, dass das Anti-Krebs-Mittel mit einem Impfstoff namens Vacc-4x kombiniert werden kann, um die sogenannten T-Zellen - die schweren Geschütze des Immunsystems - in die Lage zu versetzen, das HI-Virus zu erkennen und zu eliminieren.

Die schlummernden Viren-Reservoire frustrieren Forscher seit langem. Selbst, wenn das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist, überlebt es lange Zeit in bestimmten Zellen - wo genau, ist noch weitgehend unklar. Das sogenannte Mississippi-Baby zum Beispiel, Kind einer HIV-positiven Mutter, war nach einer 18-monatigen Behandlung fast direkt nach der Geburt 27 Monate lang virenfrei. Es galt daher als funktionell geheilt - doch vor kurzem wurden wieder Viren in seinem Blut nachgewiesen.

nik/dpa/afp

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
liberty_of_speech 23.07.2014
1. oh das ging ja schnell
noch nicht lange her (Tage) da wurden wir informiert, dass sich die Viren in Zellen verstecken und manche wunderten sich über die nicht ganz so taufrische Information und heute.....
wulfr 23.07.2014
2. Versteckspiel?
Ich glaube der Artikel verleitet zu unwissenschaftlichen Vorstellungen von körperhaften Viren, die sich irgendwo in Zellen verstecken. Tatsächlich hinterlässt aber ein Virus nach dem Kontakt mit einer Zelle nur die Gene welche in den Zellprozessen ggf. die Produktion baugleicher Viren steuert. Das "Kick" im Kick and Kill Ansatz kann daher eigentlich doch nur bedeuten, dass die durch antiretrovirale Therapie unterdrückte Produktion wieder angekurbelt wird. Viren haben ebenfalls keine Möglichkeiten sich aktiv zu bewegen, schon allein aus Mangel an einem Enegie liefernden Stoffwechsel. Wenn hier der Eindruck erweckt wird man könne die Viren "aufscheuchen" ist doch irgendwo schon der Wurm drin.
erwachsener 23.07.2014
3.
Anhand des Artikels ist schwer einzuschätzen, wozu diese Methode mal gut sein wird. Viren "aufscheuchen" und aus "Verstecken" locken kommt mir genau wie dem Vorredner seltsam vor. Ein Virus ist bloß eine Schachtel mit einer Bauanleitung drin. Man kann eine Schachtel nicht scheuchen. Was ich mir vorstellen kann: grundsätzlich ist das ein weiterer Schritt dahinzu kontrollieren, wann die Viren vermehrt werden. Die bisherige Therapie reicht anscheinend, um sie Infektion unter starken Nebenwirkungen erstmal stillzulegen, hat aber den Nachteil, daß man einem so behandelten Patienten nicht ansieht, ob er dauerhaft gesund ist oder nur solange, wie er die Medikamente bekommt. Das neue Verfahren bietet hier vielleicht eine Testmöglichkeit. Darüber hinaus ist es wohl einfach ein weiterer Schritt bei der Entwicklung einer Therapie. Wie bei der Feuerwehr: wenn man sagt, ein Brand sei unter Kontrolle, dann ist er noch lange nicht aus. Diese neue Methode könnte ein Schritt sein, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Löschen kommt danach.
wulfr 24.07.2014
4. kontrolliert Brennstoffnester vernichten
Zitat von erwachsenerAnhand des Artikels ist schwer einzuschätzen, wozu diese Methode mal gut sein wird. Viren "aufscheuchen" und aus "Verstecken" locken kommt mir genau wie dem Vorredner seltsam vor. Ein Virus ist bloß eine Schachtel mit einer Bauanleitung drin. Man kann eine Schachtel nicht scheuchen. Was ich mir vorstellen kann: grundsätzlich ist das ein weiterer Schritt dahinzu kontrollieren, wann die Viren vermehrt werden. Die bisherige Therapie reicht anscheinend, um sie Infektion unter starken Nebenwirkungen erstmal stillzulegen, hat aber den Nachteil, daß man einem so behandelten Patienten nicht ansieht, ob er dauerhaft gesund ist oder nur solange, wie er die Medikamente bekommt. Das neue Verfahren bietet hier vielleicht eine Testmöglichkeit. Darüber hinaus ist es wohl einfach ein weiterer Schritt bei der Entwicklung einer Therapie. Wie bei der Feuerwehr: wenn man sagt, ein Brand sei unter Kontrolle, dann ist er noch lange nicht aus. Diese neue Methode könnte ein Schritt sein, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Löschen kommt danach.
vielleicht liegt in dieser Analogie tatsächlich eine bessere Veranschaulichungsmöglichkeit als "Kick and Kill": Infizierte Zellen können vom Immunsystem nur dann identifiziert und vernichtet werden wenn eine Virenproduktion aktiv stattfindet. Die antiretrovirale Therapie unterbindet die Virenproduktion so gut, dass sie nicht stattfindet und infizierte Zellen vom Immunsystem unbehelligt bleiben. Die Infektion selbst bleibt bestehen, ohne dass das Krankheitsbild AIDS entstehen kann. Das ist die Analogie eines Schwelbrandes, der zwar durch eine darüber gelegtes Brandschutzdecke (antiretrovirale Therapie) unter Kontrolle ist aber jederzeit wieder auflodern kann wenn die Decke entfernt wird. Durch die Decke ist eine löschende Brandbekämpfung (Immunsystem) aber nicht möglich. Mit einem Flächenbrand wäre die löschende Brandbekämpfung jedoch überfordert. Wenn man nun die Hemmung der Virenproduktion soweit reduziert, das vereinzelt eine Virenproduktion aufgenommen wird, die so gering ist, dass die geringen Mengen freigesetzter Viren soweit vom Immunsystem kontrolliert werden können, dass für jede produzierende und damit zugrundegehende Wirtszelle weniger als eine erfolgreiche weitere Zellinfektion stattfindet über einen zeitlichen Verlauf tatsächlich die Aussicht bestehen könnte vor der vollständigen Vernichtung aller T-Helferzellen die Population infizierter T-Helferzellen aus dem Organismus komplett entfernt zu haben. In der Analogie wäre das so, dass die Feuerwehr einzelne Brandnester wieder freilegt, dort der Brand zwar begrenzt wieder auflodert (Virenproduktion) und aber da es kein Flächenbrand ist erfolgreich bekämpft werden kann, was dann solange fortgesetzt wird, bis alle Brandnester gelöscht sind und letztlich die Brandschutzdecke ohne Gefahr wieder komplett entfernt werden kann.
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